Dieser Ort verspricht Entspannung und regt zugleich zum Nachdenken an - der Park von Schloss Rosenau. Mitten in der mit großem Bedacht gestalteten Natur ein Ort der Kunst: das Europäische Museum für Modernes Glas. Hier wird ab Anfang April ein Teil der Ausstellung zum Coburger Glaspreis 2022 gezeigt werden: Kunst als Kontrapunkt zu kunstvoll gestalteter Natur. Ein Grund mehr mithin, über die Wechselwirkung von Kunst und Natur nachzudenken. Museumsleiter Sven Hauschke, der zugleich Direktor der Kunstsammlungen der Veste Coburg ist, beschreibt, wie er diese Wechselwirkung erlebt und wie wichtig sie in den Arbeiten der aktuellen Glaskunst-Szene ist.

Wie verändert der direkte Dialog zwischen Kunst(-objekt) und umgebender Natur die Rezeption von Kunst, wenn bei einzelnen Objekten ja sogar beim Blick durch das Objekt die Natur direkt sichtbar wird?

Sven Hauschke: Die Objekte sehen immer anders aus. Das hat zunächst mit dem umgebenden Raum zu tun - ist er offen, ist er geschlossen, öffnet er sich zur Natur, habe ich Fensterausblicke, Fernsichten? Entscheidend ist das Licht - auch bei Objekten, die im Kontext mit der Natur gezeigt werden. Das ist das Vielschichtige am Glas. Es gibt viele Objekte, durch die ich durchschauen kann. Es gibt Verzerrungen, es gibt Spiegelbilder. Wenn wir ab Mai, Juni direkte Sonneneinstrahlung auch im Museum haben, leuchten die Objekte plötzlich, das ist besonders intensive bei Glasmalerei. In einem abstrakten Museumsraum mit Leuchtkasten sieht ein Glasbild immer gleich aus. Im Kontext mit der Natur, mit der Botanik, habe ich eine neue Komponente, fast eine vierte Dimension, die unheimlich emotional wirken kann.

Kann zu viel Natur beim Betrachten auch ablenken?

Die Positionierung am Fenster mit der direkten Konfrontation mit außen kann natürlich manchmal auch störend sein. Wir hatten viele Jahre ein Objekt von Wilken Skurk relative nah am Fenster stehen, aber so richtig glücklich war ich damit nicht geworden. Dann haben wir das Objekt verstellt in den Nebenraum ohne Kontext nach außen, und plötzlich sehe ich ein anderes Objekt, es entsteht eine Spannung mit einem daneben stehenden anderen Objekt. Das war hochspannend, ich war froh und fühlte mich bestätigt, dass wir jetzt einen neuen Kontext gefunden haben.

Welche Rolle spielt das Themenfeld Kunst und Natur aktuell in der Glasszene? Welche Veränderungen sehen Sie zur Glaspreis-Generation von 2014?

Wir haben 2022 knapp 100 Objekte, die wir in der Ausstellung zeigen, davon gibt es bei fast der Hälfte den Bezug Mensch, Natur und Umwelt - in unterschiedlichen Gewichtungen. Zum Teil spielt das Thema ganz plakativ eine Rolle, wenn es zum Beispiel um die Covid-Situation geht. Eine wichtige Rolle spielt der Nachhaltigkeitsfaktor. Da werden zum Beispiel Autoscheiben verwendet, Glas aus Ginflaschen. Recycling spielt eine Rolle. Wie gehe ich mit meiner Umwelt um?

Hat sich dieser Aspekt verstärkt?

Man spürt das Thema auch im Glas. Das Thema Recycling-Materialien gibt es ja schon seit 10, 15 Jahren. Dieses Thema war im Glas partiell angekommen, dass man mit Objekten, die man gefunden hat, einen neuen Kontext schafft. Das gab es auch schon beim Glaspreis 2014. Dieser Aspekt der Zweitverwendung, als Recycling oder auch als Upcycling, das ist im Glas da. In Covid-Zeiten war viel Material nicht verfügbar. Deshalb wurde aus Fundstücken ein neuer Kontext geschaffen. Glas ist einer der Werkstoffe, die extrem viel Energie brauchen, da ist die CO2-Diskussion ganz virulent. Die Bedeutung dieses Aspekts wird drängender. Das spürt auch die Glasindustrie in der Region ganz deutlich. Die Notsignale kann man hören. Da muss man überlegen: kann man hier mittelfristig, nicht nur langfristig, noch Glas produzieren?

In welcher Hinsicht spiegeln sich weitere wichtige Themen im Wechselspiel von Natur und Mensch auch in den aktuellen Glasobjekten wider?

Klimawandel, Sozialgeschichte - das wird ganz stark in den Objekten spürbar, das wird zunehmend eine Rolle spielen. Wir haben viele Objekte, die eine Geschichte erzählen, das Material thematisieren, die Eigenschaften, Transparenz, Zerbrechlichkeit. Die Natur ist fragil, da eignet sich Glas sehr gut. Das schmilzt zusammen zu Objekten, die eine Geschichte erzählen, die eine Message haben. Wir haben sehr eindringliche Objekte, die wir ab April zeigen werden. Die wirklich unter die Haut gehen - emotional mit ihrem Material arbeiten und auch die Eigenschaften des Materials transportieren.

Gibt es unter den Objekten in der Sammlung unter dem Aspekt Kunst und Natur ein Lieblingsobjekt für Sie?

Das Lieblingsobjekt gibt es in diesem Sinn nicht für mich - allein schon deshalb, weil die Objekte bei unterschiedlichen Raumsituationen ganz unterschiedliche Wirkungen haben. Ganz wunderbar sind unsere großen Glasmalereien am Fenster, wenn dann plötzlich Licht durchkommt - dann passiert unheimlich viel. Das berührt, das geht immer auch um Emotionen. Es gibt Objekte, die sehr emotional wirken. Es gibt Objekte, die technisch meisterhaft sind, es gibt viele Objekte. Es gibt Objekte, die wirken - je nach Licht - wie ausgetauscht. Diese Vielfalt verblüfft auch die Besucher. Plötzlich wird durch das Licht das Objekt zu einem neuen Objekt. Trotz des wiederholten Hinschauens kann man immer wieder Neues entdecken. Das macht auch den Reiz des Originals aus, das ist auch nicht am Bildschirm virtuell zu erfahren. Es gibt eine Musterführung online, aber die Emotionen, das Erlebnis - das gibt es nur vor Ort.

Gibt es ein besonders sinnfälliges Beispiel für diese Verwandlung durch Licht und Umgebung?

Der große Würfel von Josepha Gasch-Muche zum Beispiel - je nachdem, wo ich stehe, ist es Eis oder flauschig, ein weiches Fell, kalt oder warm. Wenn es draußen grün wird, dann ist das Objekt grün, wenn Schnee liegt, ist es weiß. Das ist interaktiv. Da ist ein Objekt, da ist die Umgebung - und ein Betrachter. So etwas passiert vor allem beim Glas - besonders bei einem Ausstellungsraum, der die Natur reinlässt wie im Glasmuseum in der Rosenau.

Hat sich Ihre Wahrnehmung der Aspekte Kunst und Natur verändert, seit Sie hier sind?

Man schaut genauer hin - immer noch. Durch die viele Seherfahrung, durch die Kenntnis der Objekte und der Künstler, die dahinter stehen, die man persönlich kennt - das ergibt ein Gesamt-Puzzle, das am Anfang vielleicht nur vom Objekt bestimmt war. Jetzt gibt es dazu noch eine Geschichte, ein Zeitfenster von 10, 15 Jahren, in denen sich die Künstler verändern, in denen sich die Arbeiten entwickeln, in denen sich die Welt entwickelt, in denen man sich selber verändert. Es wird zunehmend spannender - das ist eine Anreicherung an Erfahrungen, an Seherfahrungen. Acht Jahre nach dem Glaspreis 2014 sieht man die Objekte mit anderen Augen, entdeckt immer Neues.

Der Glaspreis 2014 wird auch das Museum verändern?

Ja, wir werden Objekte ankaufen, da gibt es schon eine Liste, wunderbare Sachen, die wir bisher gar nicht hatten. Problem ist der Platz und die Ausstellungs-Möglichkeit.

Müssen Sie dann anbauen?

Wir hoffen, dass wir manches von den Erwerbungen gut unterbringen können - und dann wird man sehen...

Das Gespräch führte Jochen Berger

Zur Person

Sven Hauschke ist seit August 2018 offiziell neuer Direktor der Kunstsammlungen der Veste Coburg. Als Nachfolger von Klaus Weschenfelder hatte er das Amt schon im Mai 2018 kommissarisch übernommen. Hauschke wurde 1967 in Viersen am Niederrhein geboren. Er studierte Kunstgeschichte in Augsburg und London. Das Thema seiner im Jahr 2003 vorgelegten Dissertation war "Die Grabdenkmäler der Nürnberger Vischer-Werkstatt (1453 bis 1544)". Thematischer Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit ist das Kunsthandwerk des 16. Jahrhunderts. Hauschke war zehn Jahre lang am Germanischen Nationalmuseum Nürnberg und in der Stadtbibliothek Nürnberg tätig, bevor er 2009 in Coburg die Verantwortung für das Kunsthandwerk und die Glassammlungen sowie die Leitung des Europäischen Museums für modernes Glas übernahm. red