"Gauerstadt ist unser Heimatdorf inmitten einer herrlichen Landschaft. Wir lieben es und von Herzen fühlen wir uns hier geborgen". Mit diesen Worten haben Sigrid Eyermann und Jutta Dressel beim Festkommers zur 1175-Jahr-Feier des Bad Rodacher Stadtteiles in der Marienkirche ihre Verbundenheit mit ihrer Heimat auf den Punkt gebracht. Auch wenn der Beginn des Champions-League-Finales den Akteuren im Nacken saß, präsentierten sie die Historie ihres Dorfes in eindrucksvoller Weise.
838 gab es - wie es eine Urkunde des Klosters Fulda aussagt - mitten in der Wildnis eine kleine Ansiedlung mit einer Holzkapelle namens "Gumbrathestad". Diese Kapelle wurde später durch einen Steinbau ersetzt, der vom Würzburger Bischof als Marienkirche geweiht wurde. Im 14. Jahrhundert kam der Kirchturm dazu. Der gilt mit seiner Höhe von 51 Metern und der Neigung der Turmspitze um rund drei Meter gen Westen als eine bauliche Meisterleistung jener Zeit. Damit steht in Gauerstadt auch heute noch der höchste Kirchturm im Coburger Land.
Das Dorf selbst wurde in den vergangenen Jahrhunderten arg gebeutelt: von der Pestepidemie, vom Dreißigjährigen Krieg mit der Besetzung verschiedener Truppen und Opfern an Mensch und Vieh sowie verbrannten und geplünderten Gehöften. 1523 wurde der heutige Landgasthof Wacker erstmals als Gemeindegasthof erwähnt. Ende des 18. Jahrhunderts wurde trotz leerer Kassen mit viel Hand- und Spanndiensten der Umbau des Gotteshauses in Angriff genommen werden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Obrigkeit recht einfallsreich, was Abgaben betraf. Fleisch-, Trank-, Kuhsteuern waren zu entrichten genauso wie ein Bierpfennig, Weinfuhr-, Nachbars- und Schutzgelder. "Es war gestern genauso wie heute", erzählte Sigrid Eyermann.
Den Reigen der Darstellung der Geschichte Gauerstadts führte Dieter Werner fort. Er erinnerte an den "schwärzesten Tag der Geschichte", den die älteren Dorfbewohner nicht vergessen haben: Am 10. April 1945 nahmen amerikanische Tiefflieger das Dorf ins Visier. 48 Gehöfte wurden bombardiert. Eine ausgebombte Familie musste sogar in der Leichenhalle Unterschlupf suchen. Aber Hildegard Müller berichtete: "Jedoch erfolgte der Wiederaufbau des Dorfes in Eigenleistung und mit Tauschgeschäften."
Im Gemischtwarenladen in der Schulstraße wurde in der Folgezeit gebacken. Der Renner in den ersten Jahren nach dem Krieg waren Brötchen mit Fleischsalat für 20 Pfennig. Im Dorfladen vom "Höschen Oskar" gab es Heringe, Hosenknöpf und Unterröcke. Ein Schuster, ein Schneider sowie ein "Rüsselschaber" (Frisör) waren vor Ort - genauso wie eine Wagner- und Drechslerei und eine Büttnerei.
Eine ganz segensreiche Einrichtung war das "Haus der Bäuerin", das 1957 eingeweiht wurde. In einem humorvollen Dialog berichteten Erika Müller und Elfriede Geisler darüber: "Gfriertruhen gibt's, da kammer sei Fleesch und sei Wurst und sei Gemüs und Brot eigfriehr und seine dreggerden Huusen kam me gewasch. Dös is doch toll."
Horst Büchner erinnerte an die 70er und 80er Jahre, in denen eine Brandkatastrophe das Dorf aufschreckte. Sebastian Hütter ließ es sich nicht nehmen, die Wiedervereinigung und die Dorferneuerung ins Gedächtnis zu rufen. Der Männerchor des LTV umrahmte mit wohlklingenden Weisen und deren Leiter Alfred Hahn trat am Altar als Nachtwächter auf: "Das Dörfchen wuchs mit den Jahren und trotzte vieler Gefahren." Mit der Bitte "Herr in deiner Güt und Macht, gib auf das Dorf hier acht" schloss dieser Programmteil. Harald Heusinger war es vorbehalten, die Vorträge mit Lichtbildern zu untermalen.
Uwe Schmidt, einer der Hauptorganisatoren des Jubiläums, vergaß nicht, auch ein paar kritische Worte an die (Fest- ) Gesellschaft zu richten: "Das gesellige Leben ist auf das eigene Ich beschränkt, Läden und Vereinsmitglieder werden immer weniger." Die intakte Dorfgemeinschaft sei ein wertvolles Gut - und Gauerstadt habe die Voraussetzungen dafür.
Bürgermeister und Schirmherr Tobias Ehrlicher (SPD) meinte: "Gauerstadt ist gut aufgestellt, es wird viel geboten." Landrat Michael Busch (SPD) stellte fest, dass Gauerstadt sich im Wandel der Zeit behauptet hat und der Ort individuelle Züge besitze. Sein Wunsch: "Die Kraft des Zusammenhaltes möge erhalten bleiben."