Als erneut "sehr erfreulich" stuft Landestheater-Intendant Bodo Busse die zu Ende gehende Spielzeit in der Gesamtbilanz ein. Knapp 118 700 Besucher zählte das Dreispartenhaus für die Saison 2015/2016. Wenn es auch einige Verwerfungen gab.
So führte, wie von Busse vorhergesagt, die vom Rechnungshof erzwungene deutliche Eintrittspreiserhöhung (insgesamt 14 Prozent) zu teilweise sehr negativen Reaktionen, spürbar quer durch alle Sparten. Im Jahr zuvor waren rund 124 000 Besucher gekommen.
Mit größerem Angebot hatte man gleich versucht, dem befürchteten Rückgang entgegenzuwirken. Gegeben wurden 587 Vorstellungen, 42 mehr als im Jahr zuvor. "Wir sehen aber", so Busse, der im nächsten Jahr die Leitung des Staatstheaters in Saarbrücken übernehmen wird, "mehr Vorstellungen bringen nicht mehr Besucher." Rein rechnerisch lag bei höherem Aufwand des Theaters die Auslastung nur bei 72 Prozent, neun Prozent unter der des Vorjahres.
Ein Spielplan-Manko war sicherlich, dass nur ein großes Musical gespielt wurde (werden konnte), "Copacabana", das allein über 10 300 Besucher anlockte und der Spitzenreiter der Saison war (vom sogenannten Weihnachtsmärchen abgesehen, dem "Räuber Hotzenplotz" mit 24 300 Besuchern). Doch dazu stellt Busse fest: "Wenn wir mehr Musical dieser Kategorie spielen sollen, brauchen wir mehr Geld. Der künstlerische Etat ist gedeckelt. 'Copacabana' war nur dank der VR-Bank möglich. Musicals sind nun mal die teuersten Produktionen." Im Jahr zuvor waren "Hair" und "My Fair Lady" verlässliche Quotenbringer.
Für die unübersehbaren Lücken im Zuschauerraum bei einer Reihe von Aufführungen der letzten Monate, sogar bei Premieren, hat Bodo Busse zum Teil nachvollziehbare Erklärungen. Manches läuft aber auch unter künstlerischem Risiko und Busse sagt ganz offen "Wir wissen nicht, warum diese Produktion nicht den Erwartungen entsprachen", was zum Beispiel bei der ungemein eindrucksvollen Klassiker-Inszenierung "Dantons Tod" der Fall ist. Die wollten in elf Vorstellungen nur 2270 Besucher sehen.


Riskanter Spielplan

Auch "Wie im Himmel", Kay Pollaks anrührendes Schauspiel mit Musik, hatte man deutlich potenter eingeschätzt und 26 Vorstellungen angesetzt. Immerhin kamen ja auch 7680 Besucher. Doch hier verweigerten, so die Vermutung der Theaterleitung, die Schauspiel-Besucher wohl vor allem den erhöhten Eintrittspreis.
Was zuvor funktioniert hatte, funktionierte in dieser Saison nicht mehr: Die Wiederaufnahmen floppten, ob "Der nackte Wahnsinn" oder "Der Vogelhändler".
Für die Sparte, die Bodo Busse zweifelsohne am stärksten am Herzen liegt, sieht er allerdings Stabilität auf hohem künstlerischen Niveau: 18 536 kamen in die Oper, etwa 400 weniger als im Jahr zuvor, was aber dem künstlerischen Wagnis geschuldet sei.
Und das verteidigt Busse. "Ja, wir hatten einen riskanten Spielplan. Wir sind kein reines Unterhaltungsinstitut. Wir spielen nicht nur die Blockbuster." Mit "Norma", mit der zuletzt fast ausverkauften "Lakmé", mit der "Winterreise" und dem zugegeben schwierigen "Dido und Aeneas/Rider to the Sea" sei Coburg überregional vielfach wahrgenommen worden.
Und das Coburger Publikum habe einmal mehr gezeigt, dass es offen ist auch für Außergewöhnliches. Er bleibe bei seiner Strategie. "Der Rosenkavalier" von Richard Strauss brachte immerhin zuverlässig 4230 Besucher (Auslastung 79,1 Prozent in elf Vorstellungen).
Die Reithalle hat mit ihrem Programm sogar ein Plus von 430 Besuchern erzielt (insgesamt 13 540 Besucher mit einer Auslastung von 80 Prozent).


Größere Flexibilität

Was Preis- und Abo-Politik anbelangt, zieht die neue Verwaltungsleitung Lehren aus dieser Saison. Die Preissteigerungen kann man nicht zurücknehmen, wobei allerdings das Seniorenabo wieder reduziert wird im Preis. Das Wahlabo (sechs oder zwölf Gutscheine, die man einsetzen darf, wo man will) wurde unter Fritz Frömming, dem Nachfolger der nicht verlängerten Judith Wollstätter, ab 1. Mai wieder eingeführt. Und prompt wurden in der kurzen Zeit über diesen Weg 492 Karten verkauft. Coburg hat eine hohe Zahl an "Wiedergängern". Die kommen mehrfach in eine Inszenierung - und nutzen gerne den niedrigeren Preis im Wahlabo.
Auch sonst werde man mit besseren Umtauschmöglichkeiten und weiteren Flexibilisierungen den negativen Auswirkungen der Preiserhöhung des letzten Jahres entgegenwirken, so Busse.
Musiktheater Großes Haus
258 Vorstellungen, 70,2 Prozent Auslastung

- Bellini "Norma": 2727 Besucher (11 Vorstellungen, 56 Prozent Auslastung)
- Puccini "La Bohéme": 3691 Besucher (12/63,3 %)
- Strauss "Der Rosenkavalier": 4231 Besucher (11/79,1 %)
Purcell/Williams "Dido und Aeneas/Rider to the Sea": 1169 Besucher (6/40,1 %)
- Abraham "Ball im Savoy" 5856 Besucher (19/ 63,4 %)
- Manilow "Copacabana": 10604 Besucher (23/94,9 %)
- Strauss "Aschenbrödel": 4304 Besucher (12/ 76,2%)

Schauspiel Großes Haus

- Pollak "Wie im Himmel": 7680 Besucher (26/60,8 %)
- Preußler "Räuber Hotzenplotz: 24326 Besucher (52/96,26)
-Meyer zu Küingsdorf "Was nützt die Liebe in Gedanken": 1759 Besucher (8/45,2 %)
- Büchner "Dantons Tod": 2270 Besucher (11 /42,7%)
-Nußbaumeder "Eisenstein", 652 Besucher (4/33,5%)

Reithalle
171 Vorstellung, 80 Prozent

- Hübner "Frau Müller muss weg": 1185 Besucher (12/ 99,8%)
- Herrndorf "Tschick": 2014 Besucher (22/92,5%)
- van Gogh "Das Interview": 710 Besucher (14/51,2%)
-Junge Choreografen: 552 Besucher (6/92,9%)
- Jugendclub "Tristan und Isolde": 392 Besucher (4/ 100%)

- Münchner Hofbräu: "Noch'n Gedicht" 2760 Besucher (36/95,8%)




Kommentar
Glanz und Verzauberung müssen sein

Dass die Coburger die erzwungene Preiserhöhung im Landestheater nicht gleich schlucken würden, war zu erwarten. Jede Region hat ihre eigenen Bedingungen. Und wenn es auf dem hier üblichen Niveau zu teuer wird, dann verzichtet man eben. Da wurde dem Landestheater und der Stadt Coburg ein Bärendienst erwiesen. Alles in allem scheint das noch glimpflich abgegangen zu sein. Denn die Region hat tatsächlich ein hartnäckig an seinem Theater hängendes Publikum.
Dass in dieser Spielzeit aber eine Reihe von Produktionen nur mehr mäßige Resonanz erzielten, mag - nach Jahren des Jubels und des Erfolges von Bodo Busse und seines Teams - auch auf eine gewisse Ermüdung des Publikums im Hinblick auf den mittlerweile bekannten Stil zu deuten sein.
Der Oper fehlte, trotz hohen musikalischen Niveaus, bisweilen Glanz und Verzauberung. Womit nicht der einnebelnden Vergnügungsindustrie das Wort geredet sein soll.
Das Schauspiel mag in Zeiten zunehmender Bilder- und sonstiger Medienübermacht generell einen immer schwereren Stand haben. Aber hier hat sich in Coburg, sicher im Bemühen um gesellschaftspolitische Brisanz, ein gewisser Trübsinn breit gemacht, der dann auch den herausragenden theatralen Erlebnissen wie "Dantons Tod" die Aufmerksamkeit nimmt.
Ob inhaltlich oder die Wirkung der Ausstattung betrachtet - die Menschen gehen nicht ins Theater, um dort ihren allzu bekannten Alltag widergespiegelt zu sehen. Das Publikum will heraustreten aus dem Alltag, mit heiteren wie mit ernsten Kunstwerken. Und oftmals ist das Erkennen von Wahrheit und Realität umso intensiver, je weiter man zeitweise entrückt wird.