Greta Albrecht steigt in Stiefeletten mit Zehn-Zentimeter-Absatz hinauf zum Sitz des Traktors. "Ich fahr' den schnell raus", sagt sie. Eine zierliche 26-Jährige mit Chanel-Kettchen, die zwischen Feld und Schweinestall, zwischen Traktor, WhatsApp-Gruppe und Gemeinderatssitzung zu Hause ist. Greta Albrecht ist Bäuerin in Birkenmoor, einem Ortsteil der Gemeinde Meeder im Landkreis Coburg. Nicht einmal 30 Leute leben hier. Aber die junge Agraringenieurin will nicht weg. "Ich bleibe für immer hier!", sagt sie. Und das ist auch der Grund, warum sie 2014 bei der Kommunalwahl angetreten ist und sich seitdem ehrenamtlich als Gemeinderatsmitglied engagiert.


"Das Schöne an der Politik ist, dass man aktiv mitgestalten kann."

"Ich bin berufsbedingt an meine Heimat gebunden. Aber ich lebe auch gern hier, wir haben's schön." Die 26-Jährige spricht über Tradition, über das Dorf, Feste und die Gemeinschaft. Ihr Blick schweift über das Rot-Gelb-Grün-Grau der verregneten Herbstlandschaft: "Es klingt vielleicht ein wenig kitschig", sagt sie, "aber es ist so: Wenn ich die Abendsonne über den ,Langen Bergen' sehe, kann ich mir keinen schöneren Ort vorstellen. Und wenn man hier ist und hier bleiben will, möchte man das Leben doch auch mitgestalten!" Dafür gibt es die Kommunalpolitik. Das Leben in ihrer Region zu gestalten, ist Aufgabe der 32 000 Gemeinde- und Stadträte in Bayern. "Diese Ehrenämter formen die Gemeinden. Das ist das Schöne an der Politik", findet die 26-Jährige.


Opa und die Politik am Mittagstisch

Schon als Kind faszinierten sie die Geschichten, die ihr Großvater Rolf Albrecht beim Mittag- und Abendessen aus der Politik erzählte. Er saß lange für die CSU im Gemeinde- und im Kreisrat. Daher - aber auch, weil sie Landwirtin ist und ihr die Grundsätze der CSU am meisten entsprächen, kam für Greta Albrecht keine andere Partei infrage. "Ich finde aber, ein Fraktionskopf hat in der Kommunalpolitik nichts zu suchen. Es geht darum, etwas zum Wohl der Gemeinde zu erreichen", sagt Albrecht. Bei den großen Themen seien sie sich im Gremium einig, beispielsweise will keiner einen Flugplatz auf dem Gemeindegebiet. Im Grunde spiele Parteipolitik derzeit kaum eine Rolle in Meeder. Klar werde mal lauter diskutiert. "Aber sachlich, nie auf der persönlichen Ebene. Es ist ein nettes Miteinander."

Früher war das anders, das Gremium war berüchtigt für seine Auseinandersetzungen. Auch deshalb machten die Alten bei der letzten Wahl die vorderen Listenplätze frei für eine neue Generation. Der Gemeinderat ist verjüngt, Greta Albrecht ist nicht die einzige Mittzwanzigerin: Der Kontakt zur Landjugend, Facebook und Internet gehören hier zur Dorfpolitik. Besprechungen werden über eine WhatsApp-Gruppe organisiert. "Es macht Spaß. Junge Leute sollen sich nicht zieren: Es gibt viele Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren. Und man hat auch eine Verantwortung, sich einzubringen!"


Am Stammtisch ist's leicht reden

Im Schnitt schätzt die junge Landwirtin den zeitlichen Aufwand für ihr Ehrenamt auf etwa fünf Stunden pro Monat. Die Gemeinderatssitzung und ab und an eine Sondersitzung, dazu die Fraktionsbesprechungen. Und die Vorbereitung. "Das ist auch eine Frage der Erfahrung: Ich kenne mich mit Vielem noch nicht so aus. Man lernt aber, wie die Dinge ablaufen." Beispielsweise könne nicht einfach irgendwo ein Baugebiet ausgewiesen werden. "Immer muss man die gesetzlichen Grundlagen kennen, da gehört auch viel Bürokratie dazu. Am Stammtisch kann man viel reden - aber oft geht es so eben nicht." Also liest sie sich vor den Sitzungen ein. Außerdem besucht sie Veranstaltungen, geht zum Kindergartenfest und besucht die Rektorin der Grundschule. "Man muss mit den Menschen in Kontakt treten, damit man sieht, wo es brennt."


Flexibilität macht's schwer, sich zu binden

Sie findet es schade, dass junge Menschen sich weniger ehrenamtlich engagieren, dass Vereine Probleme haben, Nachwuchs zu finden und das Interesse an der Politik nachlässt. Aber sie versteht auch, dass viele die Gebundenheit, die Verpflichtung scheuen. "Wir leben in einer Gesellschaft, in der es dazugehört, flexibel zu sein: heute hier, morgen dort." Sie selbst habe sich auch erst nach ihrem Studium an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf für ihre Heimatgemeinde engagiert. "Als klar war, dass ich jetzt fest hier bin." Ihr Großvater habe das leider nicht mehr erlebt. "Aber der wäre ausgerastet vor Freude!"