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Coburg
Premiere

Die Hispaniola rockt im Coburger Theater-Wind

Das Landestheater Coburg setzt einen echten Feger an den Beginn dieser Saison: "Die Schatzinsel" als wild tobendes Seeräuber-Musical.
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Die Piraten lauern schon auf ihre Gelegenheit. In den Bildern unten: Thorsten Köhler, Maja Lehrer, Stephan Mertl und Benjamin Hübner.  Fotos: Andrea Kremper
Die Piraten lauern schon auf ihre Gelegenheit. In den Bildern unten: Thorsten Köhler, Maja Lehrer, Stephan Mertl und Benjamin Hübner. Fotos: Andrea Kremper
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An Tagen wie diesen...da tobt das Landestheater, da fliegt die Decke weg, da schlägt der Kronleuchter Purzelbäume. Da ist man, wie es der fulminante Seeräuber-Schlusschor mit dem Song der Toten Hosen feiert, einfach glücklich. Ja! Ja! Ja! - Doch stopp, erst mal Luft holen.
Der Coburger Schauspielchef Matthias Straub hat den wirkungsmächtigsten Piratenroman der Literaturgeschichte, Robert Louis Stevensons "Die Schatzinsel", geentert und dramaturgisch geschickt auf die Theaterbühne verschleppt. Wie nebenbei hat er auch noch allen Filmregisseuren - gibt es einen Stoff, der noch öfter verfilmt wurde ? - gezeigt, was eine Harke ist. Denn dieses Coburger Live-Theatererlebnis toppt den Kinobesuch.

Wobei an dieser Stelle sofort gesagt werden muss, dass es mit Straub zusammen dem Musical-Spezialisten des Landestheaters, Roland Fister, zu danken ist, dass das Publikum in diesen zweieinhalb Stunden wogenschäumenden Theaters im frischen Wind der sieben Meere segelt. Was für ein Moment, als der die Fantasie nicht minder beflügelnde Bühnenbildner Till Kuhnert die Hispaniola in den Wind dreht, die Segel hissen lässt und dazu mit Roland Fisters famoser Rockband die "Pirates of the Caribbean" aufziehen.
Denn der große Atem dieser Produktion weht aus Fisters musikalischer Gestaltung. Der hat aus den meist härteren Gesteinslagen der Rockgeschichte seinerseits eine Schatzkiste ausgegraben. Beziehungsreich und voller Witz kommentieren die solistisch imponierenden Musiker das Geschehen, mit "Smoke on the water", "Give me a vision", "Let me entertain you", "Message in a bottle", "Another one bites the dust" bis zu "We will rock you", speziell selbstverständlich auch mit allem, was in Rock und Pop so herumsegelte, nicht nur bei Rod Steward. E-Gitarre, Bass, Keyboard bäumen die Emotionen auf, schrappen kreischend an den Abgründen vorbei, finden mit der Violine aber auch Zartes zur augenzwinkernd hinein gemogelten Liebesgeschichte.


Stimmgewaltige Truppe

Wobei sich Fister nicht nur sehr geschickt bedient in der Musikgeschichte; er vereint in seinem Arrangement alles in eigenem mächtigen, ja berauschenden Sound, schafft lautmalerisch Stimmung. Mit den übersetzten Übertiteln erschließt sich dabei überhaupt erst so mancher Song-Sinn (oder bringt witzige Interpretation).
Was alles nichts wäre ohne diese wirklich verblüffenden Darsteller. Nee, nicht aus dem Musikensemble. Hatten wir je eine so stimmgewaltige Schauspielertruppe? Benjamin Hübner ist der auch stimmlich so gewitzte Junge Jim Hawkins, dem die Schatzkarte des üblen Flint in die Hände fällt. Als Gast zu erleben ist wieder einmal die Coburgerin Nicole Sippel, als zu Herzen gehende Mama Hawkins. Stephan Mertl als Billy Bones auf des toten Manns Kiste - wieder einer seiner augenverdrehten, unglaublichen Auftritte, später dann als durchgeknallter Ausgesetzter Ben Gunn.
Thorsten Köhler als Dr. Livesey hat die einfallsreiche Kostümbildnerin Carola Volles den Bauch aller Bäuche verpasst. Niklaus Scheibli als Mr. Trelawney, Ingo Paulick als vergebens misstrauischer Kapitän Smollett, Maja Lehrer als Jessica, nicht zuletzt Nils Liebscher als das teuflische Holzbein Long John Silver und all die anderen singen und spielen, kämpfen (wirklich beachtlich, Choreografie Jean-Loup Fourure), zünden all die witzigen kleinen Einfälle, bis das Premierenpublikum am Sonntag vor Begeisterung gar nicht mehr wusste, wohin.
Und dann geistert auch noch der aus "Moby Dick" entliehene volltätowierte Queequeg (Thomas Straus) mit seinen klugen Sprüchen durch die wilde Szenerie...

Die Produktion Landestheater Coburg "Die Schatzinsel" - Abenteuer-Rock-Musical von Matthias Straub und Roland Straub. Inszenierung Matthias Straub, Musikalische Leitung Roland Fister, Bühnenbild Till Kuhnert, Kostüme Carola Volles, Kampfchoreografie Jean-Loup Fourure, Dramaturgie Carola von Gradulewski

Darsteller: Jim Hawkins: Benjamin Hübner, Mrs. Hawkins: Nicole Sippel, Dr. Livesey: Thorsten Köhler, Mr. Trelawney: Niklaus Scheibli, Kapitän Smollet/Black Dog: Ingo Paulick, Jessica Sparrow: Maja Lehrer,
Billy Bones/Ben Gunn: Stephan Mertl, Long John Silver; Nils Liebscher, Israel Hands: Oliver Baesler, Queequeg: Thomas Straus und andere, Statisterie

Die Band
Roland Fister/Dominik Tremel (Keyboard), Gustavo Strauß/ Rebecca Czech (Violine), Rüdiger Eisenhauer/Oliver Spiess (Gitarre), Rainer Werb/Felix Wiegand (Bass), Johannes Nied/Ralf Probst (Schlagzeug)

Weitere Termine: 29. September, 5., 8., 11., 28. Oktober, 19.30 Uhr, 2. Oktober, 15 Uhr

Die Vorlage: "Die Schatzinsel", ist der bekannteste Roman des schottischen Autors Robert Louis Stevenson (1850 - 1894), veröffentlicht in Buchform 1883. Stevenson litt an Tuberkulose und wurde nur 44 Jahre alt, hinterließ jedoch ein umfangreiches Werk von Reiseerzählungen, Abenteuerliteratur und historischen Romanen sowie Lyrik und Essays. Bekannt geworden ist er auch durch die Schauernovelle "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde", wp
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