Die Italiener sind im Freudentaumel, überschlagen sich regelrecht: Überwältigend, umwerfend und zum Träumen seien die Leistungen der Squadra Azzurra. Aus dem Zylinder von Conte sei ein Gorilla gekommen. Von "Tikitalia" ist sogar die Rede seit dem die Spanien "zerstört" wurden.
Und jetzt kommt Deutschland - der Weltmeister. Der, der Angst vor Italien hätte und in großen Turnieren ja noch nie ein K.o.-Spiel gegen die Tifosis gewann.


Alptraum der Deutschen?

Doch sind die Italiener tatsächlich der Alptraum der Deutschen, ihr Trauma, ihre fußballerische Tragödie? Nur weil sie uns in unregelmäßigen Abständen - allerdings schon acht Mal - bei Welt- und Europameisterschaften aus dem Wettbewerb warfen.
Wir haben uns vor dem EM-Klassiker in Bordeaux mit Gerado Cannone unterhalten - ein ausgesprochener Kenner des italienischen Fußballs. Der Neustadter ist selbst Vollblut-Fußballer, sein Herz schlägt Schwarz-Blau - für Inter Mailand. Kicken tut er für die Adler. Er ist Spielertrainer des Kreisklassisten FC Weidhausen.
Nicht nur sein Nachname steht für Tore am Fließband. Der Deutsch-Italiener, dessen Brüder Fabio und Marco ebenfalls Fußball-verrückt sind, schoss einst den TBVfL Neustadt/Wildenheid in die Bezirksliga und die Mönchrödener "Mönche" in die Landesliga. "Jerry" der Edeltechniker, der "Hallenfuchs".


Kein Bock auf Profifußball

Dem jetzigen Zweitligisten FC Kickers Würzburg machte er einst in der Landesliga mit zwei Klassetreffern fast im Alleingang im Dallenbergstadion den Garaus. Spielerberater standen Schlange, doch Cannone hatte keinen Bock auf Profifußball.
"Vor der EM hat keiner auch nur einen Pfifferling auf uns Italiener gesetzt". Belgien, Irland, Schweden in der Gruppe - "fast jedem Italiener war doch klar, dass wir da mit unserer alten Truppe nicht viel reißen". Außerdem seien da ja noch die Verletzungen von Verrati und Marchisio dazu gekommen. Beide fallen für die EM aus. Cannone war skeptisch.
Doch schon das erste Spiel gegen Belgien habe gezeigt, dass es "Taktikfuchs" Antonio Conte trotzdem gelang, ein Team zu formen. Und was für eines: "Eines, das mit ganz viel Leidenschaft spielt. Jeder kämpft für Jeden. Und die ganze Bank sprintet zum Torschützen um ihn zu beglückwünschen. Selbst unser Trainer rastet völlig aus, springt auf das Dach der Trainerbank. Jeder Italiener spürt, dass da eine verschworene Truppe auf dem Platz steht", schwärmt Jerry.


"Alle Juve - das ist unsere Stärke"

Cannone hat bei den bisherigen Spielen vor allem die Körpersprache der Tifosis ganz genau beobachtet. Und als Trainer kann er auch deuten, was er da sieht: "Mit Buffon, Bonucci, Chiellini, Barzagli haben wir eine eingespielte Abwehr. Alle Juve. Das ist unsere größte Stärke. Die verstehen sich blind", sagt ausgerechnet der Inter-Fan. Um aber im gleichen Atemzug nachzuschieben: "Auch das Sturmduo Pelle und Eder überzeugen." Pelle trägt in der Serie A schließlich auch schwarz-blau, längst gestreift!
Deutschland müsse sich warm anziehen, denn im Mittelfeld lenkt Daniele de Rossi das Spiel. "Er ist zwar nicht mehr der jüngste, aber er ist der cleverste Spieler," sagt der 34-Jährige. Er ist sich auch sicher, dass Coach Conte mit der angeblichen Verletzung des Spielmacher-Oldies nur blufft.


Blufft der Seitenlinien-Vulkan?

Jener Conte, der 2000 bei der EM in Belgien und Niederlanden mit einem spektakulären Fallrückzieher im Gruppenspiel gegen die Türkei das Tor des Monats schoss und zwölf Jahre als Spieler und vier als Trainer bei Juventus Turin die Taktik lieben lernte. Der italienische Vulkan an der Seitenlinie, der seinem Land wieder eine Siegermentalität eingeimpft hat.
Italien gegen Deutschland hat eine lange Tradition. Auch in Neustadt. Erinnerungen an Auto-Korsos werden da wach, aber leider auch an die eine oder andere Rangelei zu mitternächtlicher Stunde auf dem Marktplatz. Carlo Turturro, ein alteingesessener und sicher der renommierteste Pizzabäcker in der Bayerischen Puppenstadt, braucht dieses Prestigeduell nicht: "Jetzt haben wir die Sch... Es gibt sicher wieder Ärger".
Doch für Cannone sind handfeste Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Italienern in Neustadt längst kein Thema mehr. Das sei Vergangenheit, man versteht und schätzt sich. "Soweit kommt es nicht mehr", ist er sich sicher. "Wir Neustadter Italiener und Italienerinnen freuen uns, gemeinsam jedes Spiel zusammen zu schauen.


Treffpunkt Fabios Eiscafe

Und alle fiebern natürlich in italienischen Trikots mit. Treffpunkt ist pünktlich in Fabios Eiscafe - Inhaber Fabio Pizzato ist selbst ein großer Fußball-Fan. Ein großer Anhänger von Juve, von Gianluigi "Gigi" Buffon und natürlich von der Squadra Azzurra.
Spätestens wenn am Samstagabend in seinem Cafe im Steinweg wieder die Hymne lautstark und inbrünstig mit gesungen wird, "bekommen wir alle automatisch Gänsehaut. Das ist einfach nur toll. Jetzt wartet Deutschland auf uns, das Land in dem wir leben, arbeiten und viele Freunde haben."
Bleibt noch die Frage nach dem Sieger. Zieht die älteste oder die jüngste Mannschaft des Turniers ins Halbfinale ein? Für Gerado Cannone zählt kein Jung oder Alt. Es seien die beiden stärksten Mannschaften des Turniers. Deutschland hat ihn total überzeugt, noch ohne Gegentor und immer gut gespielt. Als amtierender Weltmeister sei die Löw-Truppe auch ein wenig Favorit gegen Italien und dann sicher auch auf den EM Pokal.


Kein Beton mehr in die Wiege

Doch der italienische Fußball sei aktuell in taktischer Hinsicht vielleicht sogar der beste überhaupt. Die Zeiten des "Catenaccio", als Säuglinge zwischen Rom und Mailand Beton mit in die Wiege gelegt bekamen, seien längst vorbei: "Wir können jetzt auch stürmen", grinst Cannone.
Und dennoch: "Es wird schwer, Deutschland zu schlagen. Ich denke die Chancen stehen 50:50. Kleinigkeiten werden den Klassiker entscheiden, die bessere Mannschaft soll das Halbfinale erreichen. Nicht die glücklichere", wünsche er sich.
Sollte es Deutschland sein, wird die Enttäuschung in und rund um das Neustadter Eiscafe groß sein. Allerdings nur für eine kurze Zeit, denn spätestens nach einem Espresso wird der erste Frust herunter gespült sein. Wenn es sein muss, dann auch mit einem Latte macchiato. Bis es soweit ist, heißt es aber noch einige Stunden abwarten und Tee trinken.