Je gelackter unsere Welt wird, desto krasser wirkt das Urtümliche, das Unverbrämte. Das können Sie - als Franke fassungslos dazwischen stehend - jetzt auf sakrische Art und Weise im Münchner Hofbräu am eigenen Leib erfahren, so zwischen aner Brodzeit und an zweiden Bier. Wobei Sie hinterher aber scho an Schnaps brauchen, wo Sie doch zwei Stunden lang zugesehen haben, was da alles auf der Bühne weggesoffen wird und wie der Thomas Straus als Stammgast Erwin Grundwirmer am Wirtshaustisch den Möglichkeiten seiner Physiognomie so freien Lauf lässt, dass Sie erschrecken, und der Stephan Mertl als gewitzter Wirt und Fleisch-Unternehmer seiner wahren seelischen Physiognomie a kann Zwang andud, dass Sie erst Recht erschrecken. Und des fesche Maderl, die Evelyn, also die Sarah Zaharanski - sakra, die hat's auch in sich, in jeder Beziehung.


Die anschmiegsame Mai Ling

Bayern widersetzen sich besonders hartnäckig dem Gelackten und erst Recht dem Zwang dazu. Denn sie san sie. Was sie nicht unbedingt zu den besseren Menschen macht. Der bayerische Kabarettist, Satiriker und Schauspieler Gerhard Polt führt die bayerische Art schon immer mit Leidenschaft und Faszination vor, und wenn er dabei noch so verblüffend das Bornierte, Bösartige, Selbstgefällige, Beschränkte herauspurzeln lässt. Wobei er da aber dann sowieso auf die eingebildeten Deutschen insgesamt zugreift.
Und des alles zsamm lässt der Schauspielchef des Landestheaters, Matthias Straub, jetzt im neuen Coburger Wirtshaus-Theater - und da wiederum im winzig-witzigen Bühnen-Wirtshaus von Susanne Wilczek - so lustvoll rotieren, dass einem echt schwindlich, manchmal sogar schlecht wird.
"Ich sinnlose so vor mich hin..." hat der bayrisch wütende Theatertrupp die Sach' überschrieben, den Polt zitierend. Aber wie der Polt, so ist die von Straub aus Polt-Texten und -Auftritten zusammengefügte, dreinschlagende Szenenfolge echt hinterhältig hintersinnig: Wie da der Schweinsbraten als Ausdruck einer ganzen Gesellschaft analysiert wird, das Ausmaß der gepflegten Toleranz für die eigenen Bedürfnisse reicht, Mai Ling, die dritte Thai-Frau vom Erwin, wieder so pflegeleicht und nichtschmutzend wie der Asiate an sich ist (über die Kostenlawine, die durch die Bestellung im Katalog ausgelöst wurde, gucken wir mal hinweg); wie die drei tollen Schauspieler so direkt unter den Leuten, also quasi von Angesicht zu Angesicht, im großen Gelächter alles gegen uns selbst kehren.
Ans, zwoa, gsuffa... Dazu wird auch noch so herzig gesungen; Roland Brehm und Harald Kotschenreuther spiel'n Akkordeon, echt ganz klasse. Manchmal merkt man erst viel später, dass man in an gemeinen Text gelandet ist. Aber dass ma mit an Kopf, der nix aushält, nicht aufs Münchner Oktoberfest darf, hat uns der Polt eh scho klar gemacht. In des Coburger Wirtshaus-Theater dürfen Sie mit so an Kopf aber auch ned nei.

Landestheater Coburg Ich sinnlose so vor mich hin - Ein Gerhart-Polt-Abend von Matthias Straub im Saal des Münchner Hofbräus. Inszenierung Matthias Straub, Bühnenbild und Kostüme Susanne Wilczek, Dramaturgie Carola von Gradulewski, musikalische Einstudierung: Dominique Tremel. Darsteller: Stephan Mertl, Thomas Straus, Sarah Zaharanski.

Die nächsten Termine 21., 29. Oktober, 18., 19. November,20 Uhr, im Münchner Hofbräu