Eine Visitenkarte ist es wahrlich nicht: das ehemalig Lagerhaus am Bahnhof in Bad Rodach. Wer aus dem Zug aussteigt, dessen Blick fällt zwangsweise auf ein verwahrlostes Gebäude, das irgendwann einmal der Bahn als Lagerhaus und Stellwerk gedient hat. Die Wände sind beschmiert.

Dachrinnen sind zwar vorhanden, leisten aber keinen Dienst mehr. Niederschlagswasser ergießt sich auf die freie Fläche. Zu allem kommt noch der Unrat, der dort ständig hinterlassen wird. Die Deutsche Bahn als Eigentümerin des Geländes und des Gebäudes sieht sich offensichtlich nicht genötigt, hier tätig zu werden.

Nun hat die Stadt Bad Rodach die Initiative ergriffen, damit das Areal nicht völlig verkommt. Seit einiger Zeit schickt sie zweimal pro Woche einen Mitarbeiter des Bauhofes vorbei, um die hässlichen Zeugnisse der Zivilisation zu beseitigen. Es ist aber ein Kampf gegen Windmühlen, den Peter Genßler montags und freitags am Bahnhof führt. "Ich bin zwischen 15 und 30 Minuten hier beschäftigt, je nachdem, was ich vorfinde", erzählt der Bauhofmitarbeiter. Am vergangenen Freitag war er richtig überrascht. "Heute liegt ja recht wenig rum", stellte er fest. "Erstaunlich" war für Peter Genß­ler, dass er diesmal keine zerschlagenen Schnaps- und Bierflaschen auflesen musste. "Sonst liegen hier immer Scherben herum." Obwohl ihm der schmuddelige Anblick mittlerweile vertraut sei, frage er sich dennoch: "Wer macht denn so was und lässt die Scherben einfach liegen?"

Unzählige Zigarettenkippen, Kronkorken, Essenreste, Verpackungsmaterialen, Kondome - alles habe er schon aufsammeln müssen. "Es ist einfach schlimm, was hier abgeht", meinte er am Ende seiner Aufräumaktion, wohlwissend, dass er am Montag wieder von vorne anfängt.

Diese Zustände müssen aufhören

Gegen diese Zustände will die Stadt aber noch mehr machen. Das wurde bei Sitzungen des Stadtrates deutlich. Bürgermeister Tobias Ehrlicher (SPD) stellte fest, es sei alles andere als schön, was Gäste und Bürger der Stadt zu sehen bekämen, wenn diese mit dem Zug anreisten.

Er berichtete in der Stadtratssitzung, die Verwaltung habe schon mal einen ersten Vorstoß gemacht und sich mit der Bahn in Verbindung gesetzt. Es sei sehr aufwendig gewesen, die richtige Stelle in dem Konzern ausfindig zu machen. Ehrlicher weiter: "Dort trafen wir aber auf taube Ohren. Eine Videoüberwachung lehnt die Bahn aus Kostengründen ab."

Nachdem es auf dem Schmuddelareal im vergangenen Jahr zu einer Messerstecherei gekommen war, bat Ehrlicher vertrauensvoll die Polizei, den Bereich um den Bahnhof öfter zu überwachen. Aber auch bei den Ordnungshütern sei er abgeblitzt, berichtete er sinngemäß und betonte, das wolle er so nicht hinnehmen. Er habe nicht locker gelassen. "Ich habe mit dem Leiter der Polizeiinspektion Coburg, Ralf Neumüller, bereits einen Gesprächstermin vereinbart, um die Problematik eingehend zu erörtern", ließ der Bürgermeister wissen.

Eines will Tobias Ehrlicher nicht: das Problem verlagern.

Bekannt ist, dass sich das ehemalige Lagerhaus zu einem Treffpunkt für hauptsächlich Jugendliche entwickelt hat. "Wir haben nichts gewonnen, wenn sich diese Gruppe an einer anderen Stelle niederlässt", betonte Ehrlicher.

Keine echte Lösung in Sicht

Katrin Liebermann (SPD) regte in der jüngsten Sitzung des Stadtrates an, die Stadt könne die Reinigungsarbeiten doch der Bahn in Rechnung stellen. Der Bürgermeister hatte seine Zweifel, ob das was bringt. "Wir können selbstverständlich unsere Leistung in Rechnung stellen. Dass wir aber Geld bekommen, glaube ich nicht." Die Krux sei, dass es das Gelände der Bahn sei, das die Stadt sauber halte. Und jeder Grundstückseigentümer könne am Ende selbst entscheiden, ob er Unrat auf seinem Areal duldet oder nicht, solange dies keinen behördlichen Vorgaben widerspricht. Nachdem kein Patentrezept parat liegt, dem Spuk ein Ende zu bereiten, wird Peter Genßler wohl noch öfters am Bahnhof präsent sein müssen.