Daran erinnert sich Elham Rahmani genau: Vor exakt drei Jahren und drei Monaten kam er von Afghanistan nach Deutschland. Hinter ihm lag eine dramatische Flucht vor den Taliban. Es war eine Odyssee, die ihn über Osteuropa führte und schließlich nach Weismain brachte, wo er in einer Sammelunterkunft lebt. Rahmani verarbeitet seitdem seine traumatischen Erlebnisse durch kreative Gestaltungen. Gemeinsam mit dem Altenkunstadter Holzformer Ernst Müller hat er eine Holzskulptur geschaffen, die den Titel "Flucht" trägt. Gestern wurde das beeindruckende Lindenholz-Objekt im Foyer des Landratsamtes vorgestellt.

Als Rahmani in Weismain ankam, wollte er nicht nur dasitzen und nichts tun, erzählte Ernst Müller. Dort leben laut Müller 250 Asylsuchende aus 16 Staaten verschiedener Kulturen und Religionen, Einzelpersonen und Familien mit Kindern. Rahmani suchte nach einer Beschäftigung, übernahm Hausmeisterarbeiten und begann aus allen möglichen Dingen Neues zu erschaffen: Aus Vinyl-Schallplatten wurden Uhren, altes Metall formte er zu Schmuck und er designte Autoreifen zu Skulpturen, und brachte es damit in die Tageszeitung. Dies wiederum machte Ernst Müller auf den jungen Afghanen aufmerksam.

" Da stand, dass er gerne mit Holz arbeiten würde, aber weder Material noch Werkzeug hat." Müller ausgebildeter Heilpädagoge wurde hellhörig, denn in seiner Freizeit gestaltet der Altenkunstadter Holz, er nennt sich "Holzformer." "Mich hat der Mensch interessiert und ich habe Kontakt aufgenommen."

Müller lernte den jungen Afghanen kennen und lud ihn ein. Schließlich sollte ein 1,5 Meter langer Stamm aus Lindenholz in eine Skulptur verwandelt werden. Die beiden Männer überlegten, wie das Holz die Geschichte der Flucht erzählen könnte. "Das war ein Prozess, der über Monate langsam gereift ist", erzählt Müller.

Rahmani wollte seine konkrete Situation in dem Baumstamm verewigen: Die Landkarte von Afghanistan, Flugzeuge, die Bomben vom Himmel werfen; zerstörte Städte und fliehende Menschen sind zu sehen. Mit einem Stechbeitel hat er die Flüchtenden schlicht aus dem Holz herausgeschnitzt. Sie sollen stellvertretend für alle Menschen, die vor Krieg flüchten müssen, stehen. Am Ast ragt eine flehende Hand empor und ein weinendes Auge endet in einem scheinbar unendlichen Meer aus Tränen. Ein blaue Kugel bringt letztlich doch die Hoffnung zum Ausdruck. Elham Rahmani erzählt mit leiser Stimme, was er in das Holz gearbeitet hat. "Es erzeugt Betroffenheit, die nachdenklich macht", sagt Müller.

Als Landrat Michael Busch durch eine Verwandte auf das Projekt aufmerksam wurde, musste er nicht lange überlegen. "Es ist was Tolles und passt als Gegenstück zur aktuellen Flüchtlingsdiskussion in die Zeit." Denn es gehe nun mal um Menschen und nicht um Zahlen, betonte Busch. "Wir haben die verdammte Pflicht uns um den Menschen zu kümmern." Nach wie vor hätten Menschen, die wie Rahmani aus Afghanistan kommen kein gesichertes Bleiberecht, bedauerte er. Die Skulptur drücke auch diese Angst vor der Abschiebung in eine ungewisse Zukunft aus. Zwischen Müller und dem jungen Afghanen sei eine tolle Symbiose entstanden.

Übrigens: Elham Rahmani ist zum Christentum konvertiert, sein Taufpate ist Ernst Müller. Rahmani hofft, dass er in Deutschland eine neue Heimat und Zukunft findet.