Bianca Nestmann macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Zwar hat sie in den vergangenen sechs Jahren als Kinderbeauftragte gelernt, wenn sie etwas sehr ärgert, noch mal eine Nacht drüber zu schlafen, bevor sie loswettert - grundsätzlich aber ist sie eine Frau der klaren Worte. Ihre ehrenamtliche Amtszeit von sechs Jahren endet in diesem Jahr. In etwa zwei Wochen wird die Stelle neu ausgeschrieben. "Lust hätte ich schon noch einmal, denn es macht richtig viel Spaß", sagt sie gleich zu Beginn unseres Gesprächs.

Tageblatt: Bianca Nestmann, wenn Sie Bilanz ziehen, welches Projekt oder welche Aktion war für Sie als Kinderbeauftragte die Bedeutendste?
Bianca Nestmann: Ganz spontan würde ich da an die Demonstration der fast 250 Kinder denken, die sich für den Erhalt ihrer kleinen Grundschulen eingesetzt haben.
Keine der Schulen, weder in Creidlitz, Neuses, noch Scheuerfeld oder Ketschendorf musste bisher geschlossen werden.
Aber auch die Unterschriftenaktion für den Erhalt des Beiersdorfer Spielplatzes war super: 740 Unterschriften in nur einer Woche!
Insgesamt wurden in meiner Zeit als Kinderbeauftragte 15 Spielplätze auf Vordermann gebracht - immer in Absprache mit Kindern, Anwohnern und Christiane Zinoni-Peschel vom Grünflächenamt.

War das nicht immer eine Aktion des Kinderstadtrates?
Gleich zu Beginn meiner Amtszeit begann die große Spardiskussion. Der Kinderstadtrat ist schließlich eine teure Angelegenheit, denn in der Vergangenheit wurden die Wünsche der Kinder bestmöglich umgesetzt. Dass an dieser Stelle gestrichen wurde, konnte und kann ich nachvollziehen. Auch zu Hause kann ich meinen Kindern nicht alle Wünsche erfüllen. Wenn ich es ihnen erkläre, verstehen sie das auch.

Soll es auch in Zukunft keinen Kinderstadtrat mehr geben?
Es hat sich bereits ein Gremium gebildet, das über einen neuen Kinderstadtrat nachdenkt. Leider konnte ich an der ersten Sitzung nicht dabei sein.

Würden Sie denn in der neuen Legislaturperiode noch einmal zur Verfügung stehen?
Ja klar. Mir macht es total Spaß. Ich habe das Gefühl, an den richtigen Stellen gut akzeptiert zu sein: Bestätigung bekomme ich zuhauf über E-Mail. Aber ich freue mich auch, wenn ein Kind an der Tankstelle oder im Supermarkt auf mich zukommt und sagt: "Du bist doch die..."
Dagegen ist es mir nicht so wichtig, ständig in der Zeitung zu stehen. Ich brauche kein Schulterklopfen von Politikern.

Empfinden Sie da einen Druck?
Nein, aber ich beobachte die zunehmende Profilierungssucht. Wenn ich lese, welcher Kindergarten was für eine Auszeichnung bekommen hat und wieder eine neue Urkunde am Eingangsschild hängt, frage ich mich schon, wie viel Zeit bleibt da eigentlich noch zum Spielen?

Oh, da scheint ein wunder Punkt getroffen?
Ehrlich gesagt, ich finde den Projektwahn in Schule und Kindergarten schrecklich. Ein Beispiel: Bis Ostern können die Kinder das Einmaleins. In den sechs Wochen zwischen Ostern und Pfingsten stehen dann acht Projekte auf dem Stundenplan. Pfingsten lernen sie das Einmaleins neu!
Es braucht schon ein bisschen ein Gleichgewicht zwischen Unterricht und Projektarbeit, finde ich.
Die Belastung ist ja nicht nur für die Schüler da, auch die Lehrer sind zu stark eingespannt. Oder im Kindergarten. Wie toll sind die spielzeugfreien Wochen ... wenn Langeweile die Fantasie herausfordert.

Jetzt sollen die Erzieherinnen neben dem Bewertungsbogen des Ministeriums in Coburg auch noch an einem neuartigen Screening-Verfahren teilnehmen. Das ist durchaus umstritten. Wie stehen Sie grundsätzlich dazu?
Das Screening selbst ist eine gute Sache. Man erkennt die Stärken und Schwächen der Kinder. Aber der große Mehraufwand für die Erzieherinnen ist schon ein Problem. Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Schlimm finde ich, dass es in Coburg Wartezeiten bis zu einem halben Jahr gibt, wenn ein Kind eine Therapie braucht. Das ist eigentlich der Skandal.

Auf Ihre Initiative hin wurde ja in Coburg der Lesipold eingeführt. Sind Sie mit der Entwicklung zufrieden?
Ja, das macht mich sogar ein bisschen stolz. 2011 habe ich den Lions Club Coburg Veste als Sponsor gewinnen können. 23 Kindertagesstätten wurden daraufhin mit Lesekoffern ausgestattet, Lesepatenschaften sind entstanden. Mittlerweile wurde das Projekt auf den Landkreis (Rödental, Neustadt, Itzgrund) ausgeweitet. Der Lions Club hat 40 000 Euro investiert.

Die Fragen stellte Christiane Lehmann.