Sie ist Diplom-Biologin und hat fast ihr ganzes Leben lang im Ballettstudio am Ketschentor Kindern das Tanzen beigebracht. 2009 war Schluss damit. Ruth Schulz brauchte zwei neue Hüften und hängte ihre Ballettschuhe an den Haken. Sie schlug ein ganz neues, ein ganz anderes Kapitel in ihrem Leben auf: Im Asylbewerberheim in der Uferstraße begann sie 2010 ehrenamtlich mit Deutschunterricht für Flüchtlinge.
Mittlerweile spricht man von der "Herbergsmama" oder von Frau Ruth und ihrem Kabinett, wenn sie in dem frisch getünchten "Klassenzimmer" sitzt - um sich bis zu zehn Schüler aus aller Herren Länder. "Die persönliche Lebensgeschichte" steht auf dem Stundenplan - jeden Morgen zwischen 10.30 und 12.30 Uhr heißt es für Martha aus Äthiopien, Johannes aus Eritrea, Adel und Fais aus Syrien Ohren spitzen und aufpassen, was Frau Ruth gerade erklärt.

Ledig oder
verwitwet?

Heute geht es um den Familienstand: ledig, verlobt, verheiratet, getrennt, geschieden oder verwitwet. Martha will wissen, warum in Deutschland die Verheirateten ihren Ring an der rechten Hand tragen. Bei ihr zu Hause steckt man ihn an die linke. Und dass Johannes schon seit 20 Jahren verheiratet ist, will kaum einer glauben. Wenn die deutschen Worte fehlen, hilft das Englische. Arabisch hat so viele Facetten, das versteht nicht jeder - und schon gar nicht Frau Ruth. Zwar hat sie im Laufe der Jahre viele Begriffe aufgeschnappt, aber hocharabisch spricht sie nicht. Muss sie ja auch nicht. Es geht schließlich darum, den Flüchtlingen, die meist erst seit ein paar Wochen in Coburg sind, die Grundlagen zu vermitteln.
Es gibt verschiedene Sprachstufen. Mit A1 geht es los, wer später eine Ausbildung hier machen möchte, muss den B-2-Kurs machen. Und dafür braucht es geschulte, zertifizierte Lehrkräfte. Zwar würde Ruth Schulz gern die Zusatzausbildung dafür machen, aber dazu müsste sie 5000 Unterrichtsstunden an einer Bildungseinrichtung vorweisen können. "5000 Stunden habe ich längst gegeben, aber eben nicht an einer Bildungsstätte, sondern hier im Asylbewerberheim", sagt sie und hat sich mittlerweile damit abgefunden. Sie erzählt lieber von den schönen Geschichten, den interessanten Menschen, die ihr hier begegnen.
Fais ist einer davon. Er sitzt heute mit im Unterricht. In Syrien war er Kaufmann. Der 46-Jährige ist mit einem seiner Söhne nach Coburg gekommen. Vier Kinder und seine Frau sind noch daheim und wollen irgendwann nachkommen. Amar ist 19 und sein Vater erzählt stolz, dass er die Berufsschule in Coburg besucht.

Kochen für alle

Fais macht sich derweil im Heim nützlich. In Deutschland hat er seine Liebe fürs Kochen neu entdeckt. Seit er bei "Kochen für Weltbürger" neulich so viele Menschen mit seiner syrischen Küche begeistert hat, überrascht er gerne beim offenen Café donnerstags ab 16.30 Uhr mit einem leckeren Essen. Willkommen ist da jeder, oft sind es Studenten, die einfach in der Uferstraße vorbei kommen, Kontakt suchen oder, wie im vergangenen Jahr, das Klassenzimmer von Frau Ruth mit Pinsel und Säge auf Vordermann gebracht haben.

Sprache ist ein Muss

Seine Hilfe bietet auch Nahoss Mohamed Hadi gern an. Der 36-jährige Syrer hat in Tunesien in einem Hotel gearbeitet und spricht italienisch, französisch, arabisch (alle Dialekte), ein bisschen englisch und deutsch. Seit sechs Monaten ist er in Deutschland. Und sein Zimmer in der Uferstraße wird so manche Stunde zum privaten Schulungsraum. "Ich helfe ein bisschen aus, übe mit den anderen die Aussprache oder mache mit ihnen die Hausaufgaben von Frau Ruth", sagt Nahoss. Auch begleitet er andere Asylbewerber zum Jobcenter oder macht sich als Dolmetscher nützlich. "Wer in Deutschland leben möchte, muss die Sprache lernen. Ob auf der Arbeit oder im Kindergarten, es ist wichtig, dass man seine Kollegen, den Chef, die Erzieherin seiner Kinder, die Lehrer in der Schule versteht," mahnt Nahoss, der unbedingt in Coburg bleiben möchte.
"C oburg ist so eine schöne kleine Stadt mit viel Kultur", schwärmt er und hält drei Computerausdrucke hoch: Seine erste Arbeitsstelle. Nahoss hat nämlich eine Arbeitserlaubnis erhalten und auch schon eine Stelle. Am Wochenende wird er im Hessenhof in der Küche zur Probe arbeiten. Der Syrer ist überglücklich und ehrgeizig. Einmal pro Woche kommt "Schorsch", der Ingenieur, zu ihm, der ihm Einzelunterricht in Deutsch gibt. Ebenfalls ehrenamtlich. "Damit schaffe ich den B-1-Kurs", sagt er und es fällt leicht, daran zu glauben .