Das Thema eines EU-Kommissars ist Europa. Dafür brauchte Günther Oettinger kein Manuskript, es genügten Stichworte. Dass ein EU-Kommissar mehr Engagement für Europa fordert, ist naheliegend. Oettinger tat es beim Festaktdes Coburger Covents (CC) im Coburger Landestheater mit deutlichen Forderungen und schonungsloser Tatsachenbeschreibung.

Wer die Werte des geeinten Europa verteidigen wolle, müsse dafür kämpfen, sagte Oettinger. Zu viele Ordnungen und Un-Ordnungen würden die freiheitliche Ordnung mit parlamentarischer Demokratie, unabhängiger Justiz, sozialer Marktwirtschaft und liberaler Gesellschaft nicht achten oder sogar beseitigen wollen. Hinzu komme der Wandel durch Globalisierung, Automatisierung und Digitalisierung, der viele verunsichere. Als Gegenbewegung dazu seien "Populismus, Protektionismus und Nationalismus auszumachen - das wäre ein Rückweg in finstere Zeiten".

Wenn Europa seine Werte bewahren wolle, müsse es sich verändern, forderte Oettinger. So stehe Europa vor der Frage, ob die Länder des Westbalkans in die EU aufgenommen werden sollten. Wenn nicht, werde Serbien in die Arme Russlands getrieben, neue Religionskriege und Flüchtlinge seien die Folge, warnte der EU-Kommissar. "In dieser Dimension zu denken und zu handeln ist unsere Verantwortung!"

Er erinnerte an das Jahr 1951, als die anderen europäischen Staaten es dem ehemaligen Kriegsgegner Deutschland ermöglichten, in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft einzutreten. "Da gehörte Mut und Tollkühnheit dazu!" Deutschland profitiere mit am meisten von den Errungenschaften der Union: "Wir haben den größten Vorteil von Frieden und Binnenmarkt." Nur gemeinsam seien die Staaten Europas in der Lage, sich künftig politisch und wirtschaftlich zu behaupten, sagte Oettinger.

Die EU müsse Stabilität exportieren, um nicht Gefahr zu laufen, Instabilität zu importieren. Deshalb stehe sie in der Verantwortung, den Nachbarregionen in Afrika und im Nahen Osten Perspektiven zu geben. "Die Kunst des Teilens müssen wir in deren und in unserem Interesse lernen."

Die politische Diskussion in Deutschland genüge diesen Herausforderungen derzeit nicht, kritisierte Oettinger und appellierte an seine Zuhörer - immerhin alles Akademiker - über die Dimension der politischen Herausforderungen Europas zu informieren und einen Beitrag zur Lösung zu leisten.

Immer wieder war zustimmendes Raunen im Publikum zu hören, es folgte langer Beifall. Die 150 Jahre Coburger Convent beziehungsweise der Landsmannschaften, die eigentlich gefeiert wurden, waren in Oettingers Rede kein Thema.

Diese Geschichte sei nicht immer "stolperfrei" gewesen, sagte Ali-Ottmar Mahdi, der Sprecher des Altherrenverbands AHCC. Ronald Scholz, Theologe und Jurist, sagte, dass die Verbindungen auch immer im kulturhistorischen Kontext gesehen werden müssten. Fabian Fritz, Sprecher der Präsidierenden Turnerschaft Alemannia-Palatio zu Erlangen, verwies darauf, dass 150 Jahre kein Anlass seien, nur in Erinnerungen zu schwelgen. Die Bünde müssten auf neue Entwicklungen reagieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD) bescheinigte dem CC, dass er sich der Wertediskussion stelle. Es gelte nicht, dem Zeitgeist zu dienen, sondern zukunftsfähig zu sein.