"Rettet uns die Kunst?", fragt lapidar Johannes Schmidt aus dem Publikum. Der in Coburg lebende Philosoph Christian Illies legt grundsätzlich los mit Kant und Kritik der Urteilskraft, sein Bruder Florian, Autor dieses Abends bei "Coburg liest 2018", sagt: "Ja." Und aus.
Zwischen diesen Polen stolpert der vergnügliche Beitrag aus der Sektion Sachbuch der Coburger Literaturtage am Dienstag im vollen Saal des Kunstvereines. Der dann schon vom Ansatz her gar nicht so sachlich werden kann. Denn der Kunsthistoriker Florian Illies hatte als Feuilletonredakteur für die FAZ und die "Zeit" keine wissenschaftlichen Abhandlungen zu liefern, sondern sein Lesepublikum intelligent und kenntnisreich zu unterhalten.
Gewitzt hat der freche Bub, als der er sich lustvoll gibt bei seinem Auftritt in Coburg, die in zwei Jahrzehnten verfassten anspruchsvollen journalistischen Werke zur Kunst in einen himmelblauen Sammelband unter dem Titel "Gerade war der Himmel noch blau" gebracht. Der auch so wechselhaft unterhaltsam ist wie ein wolkenbewegter Himmel, mit einem Liebesbrief an Caspar David Friedrich, den anderen Romantiker Carl Gustav Carus dagegen verreißend, der von der Kunst des 19. Jahrhunderts bis ins Heute zu Christoph Schlingensief reicht.
Vor Ort zu erleben war aber eher die heiter improvisierte Inszenierung des Stückes "Wie der kleine Bruder dem großen Bruder (doch nicht) entkam".
Vom Trauma der Erziehungs- und Bildungsversuche durch den älteren Christian hatte sich Florian ja schon im Jahr 2000 mit seinem überraschenden Knaller "Generation Golf" versucht zu befreien. Was einmal bitterernst gewesen sein mag zwischen dem Fußball-Freak Florian und dem vom Geist ergriffenen Christian, wird sich ein Leben lang als liebevolle Fitzelei erhalten. Womit die zwei ja Glück haben.


Schaumkronen

Und so steckt der in Bamberg lehrende Philosoph Christian Illies gutmütig weg, schließlich ist er ja auch der Moderator des Abends, während der Florian munter auf seinem Stuhl hupfen darf. Dass er frech ist gegenüber Goethe, der in seinem Ordnungswahn allem Schönen die Schaumkrone genommen habe (was selbstverständlich zu maßvollem Protest aus dem Publikum führt, wo sind wir denn), dass er Rilke gegenüber sehr despektierlich ist, gehört dazu. Ebenso wie Florian Illies Antworten keineswegs umschweifelos auf den Punkt zu bringen braucht. Denn seine Methode ist eher die aus dem historischen Wissen heraus suchend Erspürende, also ins Literarische gehend.
Und so streifen wir schon länger gewonnene Einsichten, dass unsere Sehnsüchte und Bedingtheiten des Denkens entscheidend sind für die Wahrnehmung der (Kunst)Geschichte oder dass Kunst nicht mit objektiven Kriterien zu fassen ist. Dass da am Ende "etwas" hinzukommt, was dann wohl auch den Preis eines Werkes auf dem Kunstmarkt beeinflussen kann, aber nicht muss.
Das wiederum fasziniert Florian Illies mittlerweile noch mehr, als sich der kenntnisreichen, eher stillen Intuition einem Künstler gegenüber zu überlassen. Seit 2011 ist er Partner beim Berliner Auktionshaus "Villa Grisebach". Abzuschätzen, ob ein heute bei 500 Euro eingestuftes Kunstwerk irgendwann 50 Millionen erzielt, das ist eine echte Herausforderung für ihn.

Christian Illies. Gerade war der Himmel noch blau. Texte zur Kunst. S. Fischer Verlag, 300 Seiten, 20 Euro.

Florian Illies, geboren 1971 in Schlitz, ist Journalist, Kunsthändler, Kunsthistoriker und Buchautor. Er studierte Kunstgeschichte und Neuere Geschichte in Bonn und Oxford. Bereits 1997 wurde er Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2004 gründete Illies mit seiner Frau Amélie von Heydebreck "Monopol", eine Zeitschrift für Kunst, Literatur und Lifestyle. 2008 wechselte Illies zur "Zeit". Ab 2009 leitete er dort zusammen mit Jens Jessen das Ressort Feuilleton und Literatur. Seit 2011 ist Illies einer der vier Gesellschafter des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach. Bekannt wurde Illies besonders durch seinen Bestseller "Generation Golf" (2000), in dem er ein kritisches Bild seiner eigenen Generation entwirft. Unter anderem erhielt er 2014 den Ludwig-Börne-Preis. wp

Christian Illies, geboren 1963 in Kiel, studierte Biologie, Kunstgeschichte und Philosophie in Konstanz. 1995 promovierte er an der Universität Oxford, 2002 erfolgte die Habilitation in Aachen. Von 2006 bis 2008 war Illies Professor für Philosophie an der TU Delft, er ist seit 2008 Professor für Philosophie an der Universität Bamberg. Er arbeitet vor allem zu Themen der praktischen Philosophie und der Architekturphilosophie.

Coburg liest 2018 geht heute zu Ende mit der Autoren-Gala, die um 19.30 Uhr im Gebäude der Wohnbau, Mauer 12 (ehemals Kaufhaus Matzer & Worsch) beginnt. Zu Gast ist der vielseitige österreichische Autor Franzobel. Er stellt seinen neuen Roman "Das Floß der Medusa" vor, liest aber auch aus anderen Werken.