Der musikalische Kreis schließt sich mit Mozart. Rossinis "Barbier von Sevilla" bildete vor fast genau sechs Jahren die gefeierte letzte Premiere der damals ersten Saison von Intendant Bodo Busse am Landestheater Coburg. Die inhaltliche Fortsetzung dieser musikalischen Verwechslungskomödie, Mozarts Meisterwerk "Die Hochzeit des Figaro", steht nun kurz vor dem endgültigen Finale von Busses siebenjähriger Coburger Amtszeit in einer außergewöhnlichen Neuinszenierung auf dem Spielplan.


Ausdauernder Beifall


Der Kreis - er schließt sich an diesem pfingstlichen Premierenabend mit großem Jubel und ausdauerndem Beifall. Denn die Neuinszenierung dieser Opera buffa in vier temporeichen Akten - sie wird knapp zwei Monate nach dem gefeierten Coburger "Parsifal" zum erneuten Beleg für die Leistungsfähigkeit des traditionsreichen Hauses am Schlossplatz. Die Bausubstanz des Landestheaters ist dringend sanierungsbedürftig, die künstlerische Substanz aber glänzt mit bemerkenswertem Niveau.


Poetisches Gesamtkunstwerk


Dieser Premierenabend gut einen Monat vor Ende von Bodo Busses Coburger Intendanz - für Susanne Lietzow wird sie zu einem außergewöhnlichen Beginn. Die erfolgreiche Schauspiel-Regisseurin, die bereits mehrfach in Coburg gastierte, liefert mit dieser "Hochzeit des Figaro" ihr gefeiertes Debüt als Opern-Regisseurin. Gemeinsam mit ihrem Ausstattungsteam Marie-Luise Lichtenthal (Bühne, Kostüme) und Julia Pommer (Kostüme) und in Zusammenarbeit mit der Videokünstlerin Petra Zöpnek bringt sie diesen "Figaro" als poetisches Gesamtkunstwerk auf die Bühne.


Notorisch untreuer Graf


Dass Licht und suggestive Videoprojektionen mit raffinierten Stummfilm-Assoziationen Räume erschaffen und zauberhaft verwandeln können, erlebt das Coburger Premierenpublikum staunend. Diese turbulente Verwechslungs- und Intrigengeschichte um den notorisch untreuen Grafen Almaviva und die betrogene, aber selbstbewusst sich wehrende Gräfin, um das Dienerinnen- und Dienerpaar Susanna und Figaro und u den jungen Herzensbrecher Cherubino - Susanne Lietzow bringt diese Geschichte mit feinem Gespür für die Balance von Komik und stiller Tragik auf die Bühne. Bewundernswert, wie es Lietzow gleich in ihrer ersten Opernregie gelingt, Szene und Musik jederzeit gleichberechtig zu behandeln.


Bestens besetztes Solistenensemble


Das Solistenensemble ist bis in die kleinste Rolle bestens besetzt. Allen voran: Felix Rathgeber in der Titelrolle, die er stimmlich mit seinem wohltönenden Bassbariton ebenso eindringlich gestaltet wie darstellerisch. Vom naiven Untertan emanzipiert sich dieser Figaro zum selbstbewussten Gegenspieler des Grafen. Den Grafen gestaltet Salomón Zulic del Canto als Bruder im Geiste Don Giovannis. Berührend: Ana Cvetkovic-Stojnic mit makellosem Gesang ihres lyrischen Soprans als Gräfin. Julia da Rio gestaltet die Susanna mit hellem Sopran und gewitztem Spiel. Mit makellosem Gesang und großer darstellerischer Intensität zieht Verena Usemann als Cherubino in Bann. Michael Lion macht aus der Partie des Arztes Bartolo eine Paraderolle.


Als Verwandlungskünstler beeindruckt Dirk Mestmacher in einer Doppelrolle - als intriganter Musikmeister Basilio und als lispelnder Richter Don Curzio.


Verdienten Applaus gibt es auch für Gabriela Künzler als Marcellina, Francesca Paratore als Barbarina und Freimut Hammann als Gärtner Antonio.


Coburger Mozart-Wunder


Dieses Coburger Mozart-Wunder aber beginnt im Orchestergraben. Am Pult des Philharmonischen Orchesters gelingt Coburgs Erstem Kapellmeister Alexander Merzyn eine fein differenzierte Mozart-Deutung. Jederzeit wahrt Merzyn die Balance zwischen Bühne und Orchestergraben. Mit sensibel differenzierter Gestik lotet er den Ausdrucksreichtum der Partitur aus und sorgt dafür, dass das in schlanker Besetzung spielender Philharmonische Orchester oftmals geradezu kammermusikalisch filigran agiert. Dabei führt das jederzeit sehr konzentrierte Orchester vor Ohren, dass sich auch auf modernen Instrumenten historisch informiert musizieren lässt. Dieser Coburger Mozart klingt jederzeit klar in den Konturen und ist immer bestens ausbalanciert zwischen Streichern und oftmals solistisch akzentuierten Holz- und Blechbläsern. Bestens einstudiert (Lorenzo Da Rio): der Opernchor des Landestheaters.


Mozarts "Le nozze di Figaro" am Landestheater - ein faszinierend lebendiger Opernabend.






Rund um die Coburger Neuinszenierung von "Figaros Hochzeit"


Theater-Tipp "Die Hochzeit des Figaro" - Komische Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln, 8. Juni, 19.30 Uhr, 11. Juni, 18 Uhr, 23. Juni, 19.30 Uhr, 2. Juli, 19. 30 Uhr (Gastspiel im Stadttheater Fürth), 5. 11. Juli, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg

Weitere Termine in der Saison 2017/2018 17., 23. September, 6.,11., 18. Oktober (Gastspiele in Erlangen), 29. Oktober, 3., 12., 26. November, 15., 26. Dezember, 7., 18. Januar 2018


Produktionsteam
Musikalische Leitung: Alexander Merzyn; Inszenierung: Susanne Lietzow; Bühnenbild: Marie-Luise Lichtenthal; Kostüme: Marie-Luise Lichtenthal, Julia Pommer; Video: Petra Zöpneck; Dramaturgie: Renate Liedtke

Besetzung
Il Conte d'Almaviva: Salomón Zulic del Canto
La Contessa d'Almaviva: Ana Cvetkovic-Stojnic
Susanna: Julia Da Rio
Figaro: Felix Rathgeber
Cherubino: Verena Usemann/Anna Gütter
Marcellina: Gabriela Künzler
Bartolo: Michael Lion
Don Basilio: Dirk Mestmacher
Barbarina: Francesca Paratore
Don Curzio: Dirk Mestmacher
Antonio: Freimut Hamman

Chor des Landestheaters
Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg

Die Entstehung Vergingen seit der Uraufführung von "Die Entführung aus dem Serail" und "Die Hochzeit des Figaro" ganze vier Jahre (1782-1786), liegen zwischen den Neuinszenierungen beider Opern am Landestheater Coburg nur zwei Jahre. Rasanz ist aber relativ. Während sich die Gesellschaften Westeuropas am Ende der 1780er-Jahre komplett veränderten, verspüren wir heute trotz digitaler Revolution nur eine scheinbare Rasanz des Wandels und drehen uns vielleicht doch eher im Kreise - so rein moralisch gesehen.

Zusammenarbeit Mozart und sein genialer Textdichter Lorenzo da Ponte nahmen in ihrer Version der beliebten Komödie "Der tolle Tag" das Tempo des gesellschaftlichen Wandels auf. Graf Almaviva, scharf auf Kammerzofe Susanna, wird von Figaro und Ehefrau an der Nase herumgeführt. Erotische Würze liefern der junge Cherubino, die blutjunge Barbarina, und nicht wenige Kostümwechsel, die genderpolitisch heute absolut unkorrekt und dadurch besonders unterhaltsam sind.

Rezeptionsgeschichte Wiens Hochadel zeigte sich nach der Premiere verschnupft, obwohl Kaiser Joseph II. seinen Spaß gehabt haben soll. Dies lag nicht zuletzt an den wunderbaren Arien und Ensembles, die bis heute in den Hitparaden der Klassik vorderste Plätze einnehmen. Die Revolution findet also auf der Bühne und im Orchestergraben statt. Schließlich ist keine Zeit zu verlieren.



Susanne Lietzow Geboren 1968 in Innsbruck, besuchte sie zunächst die Modeschule Schloss Hetzendorf in Wien, studierte Bildhauerei in New York und absolvierte die Schauspielschule des Innsbrucker Kellertheaters. 1997 bis 2000 war sie Gastdozentin für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig. Es folgten Engagements am Theater Phönix (Linz) und am Nationaltheater Weimar. An beiden Theatern sowie am Staatstheater Kassel führte sie auch Regie. 2006 erhielt sie für die Inszenierung von "How much, Schatzi?" nach H.C. Artmann zusammen mit dem Projekttheater Voralberg den Nestroypreis für die beste Off-Produktion.