Der Vorwurf wiegt schwer: Die Edeka-Tochter Franken-Gut schließt aus wirtschaftlichen Gründen ihr Fleischwerk in Trunstadt und entlässt die mehr als 70 Mitarbeiter. Gleichzeitig such das Unternehmen Mitarbeiter für die Niederlassung am Stammsitz in Rottendorf bei Würzburg. Während die Gekündigten in Trunstadt - oft langjährige Mitarbeiter - nach Tarifvertrag bezahlt werden, sucht Franken-Gut in Rottendorf über eine Zeitarbeitsfirma Leiharbeiter.

Die Frage ist nun, sind die Ende November ausgesprochenen betriebsbedingten Kündigungen zum 30. April in Trunstadt rechtmäßig, weil es sich um eine Betriebsschließung handelt, wie das Unternehmen behauptet. Oder findet in Wahrheit nur eine Betriebsverlagerung von Trunstadt nach Rottendorf statt, wobei die tarifvertraglich gebunden Mitarbeiter durch billige Leiharbeiter ersetzt werde. So sehen das jedenfalls Mitarbeiter aus Trunstadt und die Anwälte, die sie bei ihren Kündigungsschutzklagen vor Gericht vertreten.

Die Bombe platzte vor dem Arbeitsgericht in Bamberg - und damit auch ein Gütetermin, bei dem es um die Kündigungsschutzklagen von mehreren Dutzend Trunstadter Franken-Gut-Mitarbeitern. Rechtsanwalt Marc Brab, der mehrere Mandanten vertritt, erklärte, dass man mit einer fingierten Bewerbung bei der Zeitarbeitsfirma erfahren hab, dass Franken-Gut in Rottendorf dort Leiharbeiter suche. Die Stellen seien neu und entsprächen genau dem Tätigkeitsprofil der in Trunstadt gekündigten Mitarbeiter. Zudem sei den Bewerbern von der Zeitarbeitsfirma zugesichert worden, dass die Arbeitsplätze in Rottendorf langfristig möglich seien.

Richter Ulrich Schmottermeyer, Direktor des Arbeitsgerichts Bamberg, sah hier ausreichend Anhaltspunkte, die Angaben überprüfen zu lassen. Die unternehmerische Entscheidung, das Werk zu schließen, sei unbenommen. Aber wenn Dauerarbeitsplätze geschaffen würden und die Arbeitsmenge im Unternehmen gleich bleibe, lege das eine Verlagerung nahe. Der Arbeitgeber müsse seinen Stellenplan offenlegen. Von Franken-Gut gab es dazu am Freitag keine Stellungnahme.

Wenn sich die Vorwürfe der Franken-Gut-Mitarbeiter gegen ihren Noch-Arbeitgeber bestätigen, könnten sich die von der Edeka-Tochter ausgesprochenen Kündigungen als ungültig erweisen. Der Arbeitgeber hätte in diesem Fall höchstens Änderungskündigungen aussprechen können, das heißt den Trunstadter Mitarbeitern "zumutbare" Arbeitsplätze in einem anderen Unternehmensteil beziehungsweise an einem der anderen Standorte anbieten müssen, wie Rechtsanwalt Brab ausführt.

Zu klären gebe es allerdings noch eine Kernfrage: Ist das Werk in Trunstadt ein eigenständiger Betrieb - wie das Unternehmen behauptet - oder Teil eines Betriebes mit mehreren Standorten? Bei Letzterem wäre zum Beispiel auch bei betriebsbedingten Kündigungen eine betriebsweite Sozialauswahl zu treffen, so Brab. Der Rechtsanwalt ist zuversichtlich, dass das Gericht das auch so sieht.

Für die Feststellung, dass es sich bei Franken-Gut um einen Betrieb handelt, spricht zum Beispiel auch der Auftritt auf den Internetseiten von Edeka. Dort heißt es: Die Franken-Gut Fleischwaren GmbH ist eine "100-prozentige Tochter der Edeka Nordbayern-Sachsen-Thüringen" mit "vier Niederlassungen in Rottendorf, Nürnberg, Trunstadt und Mockritz mit über 375 Mitarbeitern". Über die heißt es weiter, sie seien "aktiv und engagiert" und das Unternehmen pflege eine "gerechte und offene Zusammenarbeit". Franken-Gut ist Lieferant für Fleisch- und Wurstwaren für die Edeka-Märkte in der Region. In Trunstadt wurde die Produktion jedoch bereits schon vor einiger Zeit eingestellt. Dort wird nur noch die Ware kommissioniert und verpackt - genau die Art von Arbeit, wie sie noch Anfang Januar von der Zeitarbeitsfirma ausgeschrieben war.

Von den Vorgängen in Trunstadt hat inzwischen auch das ZDF-Politmagazin "Frontal 21" Notiz genommen. Ein Filmteam hat die Franken-Gut-Mitarbeiter in den vergangenen Tagen begleitet - auch zum Arbeitsgericht. "Hier werden qualifizierte Mitarbeiter einfach abgeschoben, weil sie zu teuer sind", sagte der Betriebsratsvorsitzende Marko Bärschneider in die laufende Kamera. Und einer seiner Kollegen formulierte es so: "Uns wurde versprochen, hier könnt ihr in Rente gehen. Jetzt haben wir die Scheiße."