Aufkrachen ist angesagt: "Mein Haus, mein Auto, meine Pferdepflegerin." Satire ist das längst nicht mehr. Die peinlichste Selbstinszenierung ist heute stinknormal und findet Zuspruch. Als "Märchen unserer Zeit" bezeichnet Martin Neubauer somit Hans Christian Andersens Geschichte "Des Kaisers neue Kleider". Dazu ersann der Theaterprinzipal eine szenische Groteske, die am 24. Januar Premiere feiert. Als Partnerin erlebt man Nadine Panjas, die an der Seite Neubauers schon bei den "Hans-Sachs-Spielen" und "Lebe der Liebe und liebe das Leben!" zu bewundern war.


"Eigenlob ist geil"

"In meiner Jugend galt noch der Satz ,Eigenlob stinkt'", meint der Brentano-Theater-Leiter. Was inzwischen wohl dem Prinzip "Eigenlob ist geil" gewichen sei. "Und je weniger man gelernt hat, desto weniger ist einem bewusst, wie wenig man kann." So würden spektakuläre Auftritte wichtiger als Botschaften und Inhalte, die Menschen vertreten. Maßstäbe verschwämmen. "Die sogenannten sozialen Medien bieten für die Selbstdarstellung und Ich-Beweihräucherung eine grandiose, grenzenlose Bühne."



Übel geworden

Grund genug für Neubauer, sich im neuen Jahr diesem Aberwitz zu widmen. Über Monate hinweg sammelte der Bamberger die dazu passenden literarischen Texte. Seit acht Wochen laufen die Proben mit Partnerin Nadine Panjas. "Wobei uns mitunter selbst ganz übel angesichts der Charaktere wurde, die wir verkörpern."



Vor 180 Jahren entstanden

Reizvoll dagegen die besondere Aktualität des vor 180 Jahren erschienenen Märchens "Des Kaisers neue Kleider". "Seine Weber haben ja absolut nichts auf dem Webstuhl. Aber alle bestaunen ihre vermeintlichen Meisterstücke", sagt Neubauer. So erklärten die beiden Betrüger, die Andersen beschrieb, gleich von vorneweg, ihre Kleider seien für Dummköpfe unsichtbar. Erst ein Kind entlarvt den Schwindel mit dem erstaunten Ruf: "Aber der Kaiser hat ja gar nichts an!"



Blenden lassen

Und genau damit spielt das Programm des Brentano-Theaters. "Ausgehend von der schier prophetischen Märchendichtung geht es um Schaumschläger, Windbeutel, Lauttreter und Luftweber, die in parodistischen Szenen ihre Ansichten, Produkte und Welt-Torheiten über Zuschauer ergießen". Ganz so wie es heute on- und offline üblich ist, wo sich viele Menschen nach dem Prinzip blenden lassen: Wer so viel von sich hält, muss doch was drauf haben. "Dabei wusste schon Schopenhauer: ,Das Affektieren irgendeiner Eigenschaft, das Sich-Brüsten damit, ist ein Eingeständnis, dass man sie nicht hat'", so Martin Neubauer.



Das Kind ist der Depp?

Vor diesem Hintergrund erlebt das Publikum in der Gartenstraße ab 24. Januar, wie es einem Opernregisseur gelingt, "endlich die verstaubten Klassiker ,performativ runterzubrechen'". Und dabei nachzuweisen, dass in Andersens Märchen "natürlich das Kind der Depp ist". Eine geschäftstüchtige Malerin reiht sich wortreich in die Reihe der Allergrößten ein. Ein Poet hebt zielsicher den Unterschied zwischen Nichts und Dichtkunst auf.


"Bamberch groß machn"

Natürlich gibt's am Brentano-Theater auch wieder Franken zu bewundern. "Ein Bamberger erkennt die trüben ,Zeichen der Zeit'. So orientiert er sich bis zur Haartracht an seinem großen amerikanischen Vorbild und posaunt mit brutaler Klarheit heraus, worüber er sich selbst nicht klar ist": "Bamberch widdä groß machn", ist der Plan. Wobei Neubauer mit seiner Satire keine Individuen aufs Korn nimmt. "Es geht eher um einen sich ausbreitenden Typus": Den Typus Aufschneider, der dann dummerweise noch Erfolge feiert. Weil die Sorge vieler Menschen, "den Zeitgeist zu verpassen eben mitunter größer ist, als die, Schaumschlägern aufzusitzen".

Dazu passende literarische Raritäten runden das Programm ab: Gedichte von Gryphius und Fontane etwa. "In einer Szene aus ,Das Wundertheater' von Cervantes versprechen Gaukler das große Mysterienspiel, das leider aber niemand sehen kann, der in einem ,sündigen Zustand' ist." Auch hier wird demnach wieder brav die große Leere bejubelt. "Am Ende steht in einer Episode von Manfred Kyber noch der Sensenmann vor der Tür. Den aber sogar kann ein gewitzter Kopf bei seiner Eitelkeit packen und überlisten."


Ohne moralischen Zeigefinger

Ja, an Witz mangelt es dem neuen Programm des Brentano-Theaters nicht. "Des Kaisers neue Schneider" ist somit auch nicht als Wink mit dem moralischen Zeigefinger zu verstehen. "Würde ich glauben, man könne mit Theater die Welt verbessern, so könnte ich mich doch gleich unter die Parodien einreihen", sagt Neubauer. "Aber wenn ein Zuschauer bei der nächsten Begegnung mit dem dargestellten Typus lacht oder sich denkt ,Der Kaiser hat ja gar nichts an', hat unsere Posse ihren Zweck erfüllt."


Die Termine auf einen Blick

Premiere feiert "Des Kaisers neue Schneider", eine szenische Groteske mit Nadine Panjas und Martin Neubauer im Brentano-Theater (Gartenstraße 7) am Dienstag, 24. Januar, 20 Uhr. Weitere Vorstellungen finden am Freitag, 27. Januar, 16 Uhr, Sonntag, 29. Januar, 20 Uhr, Dienstag, 31. Januar, 20 Uhr, Donnerstag, 9. Februar, 20 Uhr, Freitag, 10. Februar, 20 Uhr, Dienstag, 14. Februar, 20 Uhr, Sonntag, 19. Februar, 17 Uhr, und Rosenmontag, 27. Februar, 20 Uhr, statt. Plätze können Interessenten unter der Telefonnummer 0951/54528 vorreservieren lassen.