Super. Es regnet. Das Dienstauto hat einen Platten. Die Sommertour soll heute nach Rattelsdorf führen. Wird sich da ernsthaft jemand eine Stunde zum Interview auf unseren Redaktionsstuhl hocken? Eine echte Herausforderung! "Geh' doch auf den Campingplatz", rät der camping-erfahrene Kollege in der Konferenz. "Ganz bestimmt nicht", ist der Antwortreflex. Doch warum eigentlich nicht? Camper haben vielleicht ein Vorzelt und ganz bestimmt eine Stunde Zeit. Das Abenteuer beginnt.

Die schweren Stühle hunderte Meter durch die feuchte Wiese zu schleppen und dann mit noch feuchteren Schuhen wieder zurück, scheint wenig reizvoll. Sinnvoll dagegen, die Chefs der Anlage zu fragen, ob wir uns hier überhaupt auf Suche begeben dürfen. "Geschlossen", besagt das Schild an der Tür des Platzwarts. Geräusche hinter offenen Türen bezeugen Mensch gemachte Aktivitäten. Tatsächlich Herr und Frau Platzwart werkeln in der Wäschestube und in den Duschen; also Michaela und Rainer Stadelmann, erfahren wir, als die beiden auf unser schüchternes "Hallo" reagieren. Wir dürfen tatsächlich mit den Stühlen anrücken . "Nehmen Sie doch den Marco", empfiehlt Frau Platzwart, als sich ein jüngerer Mann dem Gebäude nähert. "Oder noch besser den Dieter, da ganz dahinten, der ist schon an die 30 Jahre da." Also gut. Marco ist inzwischen zum Zähneputzen verschwunden. Dieter scheint uns sicher.

Tabak wird geliefert

"Diiiiieter", rufen wir mutig bei einem Schild, auf dem "Dietersweg" steht. Da taucht ein Blondschopf aus der Luke des Vorzelts auf. Wir haben ihn regelrecht überfallen, und erklären unser Ansinnen. Aber kämmen müsse er sich noch schnell. Kein Problem. Wir müssen eh erst die Stühle mit ihren staksigen Metallbeinen so aufstellen, dass wir nicht gleich im gepflegten Vorzeltrasen versinken. In der Zwischenzeit taucht eine Frau im Dietersweg auf und schickt sich an, die Grundstücksgrenzenleine zu überwinden. "Gehört die zu Marco" fragen wir wagemutig, "nein zu mir", stellt Dieter klar. Das ist seine Anita, die ihm Tabak vorbeibringt und ansonsten keine Zeit hat. Weil sie zu ihren Kaffeefreundinnen muss, oder irgendetwas in der Art vorhat, informiert uns Dieter. Mit vollem Namen heißt der 76-Jährige Dieter Seifert und ist seit 15 Jahren in Rente. Und genauso lange hier Dauercamper.

Was heißt, dass er zwischen April und Ende September in seinem Wohnwagen mit Vorzelt lebt. Seine Anita versorgt ihn täglich mit Lebensmitteln. An den Wochenenden bleibt sie mit hier, wenn auch die anderen kommen. Wenn mehr los ist, also. Ansonsten haben Seiferts ja ihre 110-Quadratmeter-Wohnung in Breitengüßbach.

Geboren wurde Dieter Seifert im Sudetenland. 1945 ist die Familie in Ebing gelandet. Die Eltern fanden Arbeit bei Bosch in Bamberg. Die Großeltern haben sich um Dieter gekümmert. "Es gibt nichts Schöneres als eine Jugend auf dem Land", schwärmt er. Von der Oma hat er sich das Kochen abgeschaut. Ansonsten war er mit den Bauernkindern unterwegs. Auch bei der Ernte auf dem Feld und bei der anschließenden Brotzeit. Schon früh hat er das Schwimmen gelernt und war im Main und im Baggersee, auch als dieser hier noch von Schwimmbaggern bearbeitet wurde.

Freunde vom Land vermisst

In der achten Klasse zog die Familie nach Lichteneiche um, und Dieter vermisste seine Freunde vom Land. Er absolvierte eine Lehre als Kfz-Mechaniker, und nach einigen Gesellenjahren ging er zum Bund. Weil man da sowieso hin musste, hat er sich gleich verpflichtet, dadurch gab es bestimmte Vorteile. Unter anderem konnte er den Lkw-Führerschein machen, der auch gleich den Autoführerschein einschloss.

Dieter Seifert kam nach der Grundausbildung gleich in die Werkstatt, wo es ihm sehr gut gefiel und er herumkam. Zumindest auf allen Truppenübungsplätzen. Zwei Jahre war er dafür überhaupt nicht nach Hause gefahren. Und als er dann doch mal da war und auf Tanz ging, hat er seine Anita kennengelernt. "Das war a schönes Ding", erinnert er sich schmunzelnd. Vier Jahre sind die beiden miteinander "rumgschlappt", bis das Paar vor den Altar trat.

Dieter wäre eigentlich gerne beim Bund, also bei der Bundeswehr geblieben. Aber seine aus Straßgiech stammende Frau wollte nicht weiter weg ziehen. Also verließ der Dieter die Truppe und wurde Lkw-Fahrer. Da war er die ganze Woche auf Tour, "zweimal die Woche in Mailand". 22 Jahre haben Seiferts in Lichteneiche gewohnt. Dann zogen sie nach Breitengüßbach, wo die beiden inzwischen auch schon drei Jahrzehnte leben.

Die Familie ist freilich auch gewachsen: Um Tochter Tanja, die hat Seiferts die Enkelkinder Sebastian (24) und Christian (22) beschert. Die Buben sind sozusagen auf dem Campingplatz in Ebing groß geworden. Denn mit dem Campen hat Tanja begonnen: Mit ihrer eigenen Familie hat sie in Zapfendorf gewohnt und den Campingwagen am Baggersee stehen.

Wenn Dieter Seifert am Wochenende nicht fahren musste, waren er und Anita ihrerseits auf dem Ebinger Campingplatz. "Das Freie hat mir gefallen." Vor 15 Jahren etwa wollte Tochter Tanja, die inzwischen in Memmelsdorf lebt und als Altenpflegerin arbeitet, den Platz aufgeben. "Sie hatte einfach nicht mehr die Zeit herzukommen", blickt Dieter zurück. Da bei ihm die Rente anstand und es ihm hier sowieso schon immer gut gefallen hat, übernahm er einfach den Camper und die Parzelle. Seitdem lebt Dieter zwischen April und Ende September hier. Ende dieses Monats müssen all die Wohnwagen der Dauercamper ins Winterquartier gleich in der Nähe. "Denn hier ist Überschwemmungsgebiet."

Dann verschwindet auch Dieters Bonanza-Klapprad, seine Yamaha und der Ford Ka-Roadster vom Platz. "Wenn ich da bin, muss das alles auch da sein", erklärt er lapidar. Für den Fall des Falles. Denn den Platz verlässt er höchstens für einen Arzttermin oder den Friseur.

Weil der Dieter eben immer da ist und hier jeder Blumen hat, kümmert sich Seifert um Pflanzen oder Rasen der arbeitenden Nachbarn. Oder hilft, wenn die sonst irgendwas brauchen. Bei einem großen Campingplatzfest haben die Nachbarn vor Jahren überlegt, wie sie ihren Dank ausdrücken können. So entstand das Schild "Dietersweg", auf das der 76-Jährige richtig stolz ist.

Den ganzen Tag auf dem Campingplatz - was macht man da? "Ich bin beschäftigt", versichert Dieter, der mit Anita schon sehr viel von der Welt gesehen hat und jetzt einfach Freiheit und Natur am See genießt. Früh heißt Frühstück, Kaffeetrinken, Aufspülen, Kochen, Aufspülen. Aufräumen. Dies und das. Am Nachmittag ein Nickerchen und dann hat er natürlich Radio und Fernsehgerät, Nachbarn und Anita. Was will er mehr?

Plattdeutsch-Lieder

Im Dietersweg taucht ein lustiges Nordlicht, Bernhard-Friedrich De Reese auf und fragt, wo hier die Wohnmobile hinkommen. Dieter weiß Bescheid, weist den Weg. Weil De Reese redselig ist und verrät, dass er Plattdeutsch-Lieder schreibt, muss er eins vorsingen. Bis der Platzwart auftaucht und ihn weiterlotst.

Inzwischen ist Marco Bayer fertig mit Zähneputzen. Gleichfalls ein Camper mit Leib und Seele, der als Landschaftsgärtner den Belag ums Haus gepflastert hatte. Heute ist der 41-Jährige Betreuer einer Behindertenwerkstatt und pendelt zwischen April und Ende September jeden Tag von hier auf die Arbeit. Camper, das ist eine Lebenseinstellung nehmen wir mit und könnten wohl etliche weitere Geschichten schreiben. Aber jetzt wird es hier endgültig nass.