Der 100. Geburtstag ist etwas besonderes. Bürgermeister, Landrat und Vereinsvorsitzende reihen sich in den Gratulantenreigen ein. Ein öffentliches Interesse wird bekundet. Doch, etwas allzu Seltenes, etwas Erstaunliches, ist dieser Ehrentag fast schon nicht mehr - das dürfte dem Zeitungsleser bekannt sein. Seltener sind dagegen die Menschen, die älter als alt werden - die Supercentenarians. So darf sich der betiteln, der mindestens 110 Jahre alt geworden ist.

Wie eine Studie des des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock im Jahr 2010 herausfand, leben die meisten über 110-Jährigen in den USA, Großbritannien, Japan, Frankreich und Italien. Aber auch Deutschland wird immer älter. Die neusten Zahlen aus dem statistischen Jahrbuch 2016 der Bundesregierung legen dar, dass die Lebenserwartung der neugeborenen Jungen mittlerweile bei 78 Jahren, bei den neugeborenen Mädchen sogar bei 83 Jahren liegt.
Damit ist die Lebenserwartung seit Bismarck (seit der Lebenssterbetafel von 1871/1881) um 40 Jahre gestiegen.

Und die durchschnittliche Lebenserwartung wird immer wieder überstiegen. Zum Beispiel von Maria Derra. Zum Thema Altwerden kommt ihr sofort ein "Das Alter, das ist was Schönes" über die Lippen. Was Schönes und Besonderes, sagt sie. Mit ihrem Gehwägelchen ist sie in der Innenstadt unterwegs. Ihre weißen Haare sind perfekt frisiert. Dass sie im nächsten Jahr 90 wird, das sieht man ihr nicht an. Mobil und unterwegs sein, das ist eine wichtige Sache, erklärt sie. Aber das eigentlich Entscheidende im Leben - ganz egal, wie alt man sei - ist für sie: Den Kontakt zu Menschen bewahren, die einem etwas bedeuten - Schulkameraden, Freunde, Familie. Gemeinsam mit Begleitpersonen alt werden, das sei ein Glück. Und gleichzeitig auch mit Schmerzen, mit Verlust verbunden.

Mit ihrem Mann hat sie "alle Unebenheiten gemeinsam getragen". Sie haben sich schon früh in der Schule kennengelernt, sind ein Paar geworden - in all den Jahren haben sie alles überstanden. Die Erinnerung an ihren Mann, an die gemeinsamen Momente und der Gedanke daran, dass es seit seinem Tod nicht mehr so ist, treiben ihr die Tränen in die Augen. Und dennoch: Alt werden, sagt sie, ist "schön, wenn man nicht flach im Bett liegt". Ihre größte Sorge ist es, zu erblinden. Noch ist sie aber fit, kann mit 89 Jahren die Familie zum Martinsgansessen empfangen - mit all ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln feiern. Für solche Momente lohne es sich, alt zu werden.

Ähnlich sieht das Werner Reisbeck. Auch bei diesem Senior ist es vergebens, das richtige Alter zu schätzen. Mit Hut und dicker Jacke steht er auf dem Markt. "Wenn man zufrieden ist, regelmäßig eine Beschäftigung und eine gute Ehe hat, dann lohnt es sich immer zu leben", sagt Reisbeck. Gebrechlichkeiten, körperliche Grenzen seien kein Grund, nicht alt werden zu wollen. Nur im Kopf, das ist für ihn wichtig, da will er fit bleiben. Mit 80 Jahren kann er bisher nicht klagen - und will es auch nicht. Kinder, junge Leute, so der Senior, helfen, im höheren Alter glücklich zu sein. Wenn Kinder einen freundlich auf der Straße grüßen oder mit anpacken. Bei ihm es ist es auch umgekehrt der Fall: "Ich helfe jetzt meinen Kindern." Entweder auf dem Markt, oder dem Hof der Familie. "Wenn man sich nur hinsetzt, dann ist das Leben sehr kurz", sagt Reisbeck.


Familie und etwas zu tun haben

Einer, der wahrlich alt werden möchte, ist Henning Scherf. Kein Franke, sondern ein Bremer - genauer gesagt der ehemalige Bürgermeister der Hansestadt. Einer, der fürs Altwerden beinahe schon wirbt. Scherf feierte kürzlich seinen 78. Geburtstag. Im April dieses Jahres sprach er auf einem Demografieseminar das aus, was er vom Altwerden hält: Er findet es genial. Er findet es aber nervig, folgenreich und verantwortungslos, dass Altern meist als etwas Negatives dargestellt werde.

Für ihn ist klar: Die 60-Jährigen können oft noch Bäume ausreißen. Ein Buch nach dem anderen, Magazine, Studie für Studie packt er während seines Vortrages aus - gefühlt hat er sie alle im Kopf. Und vermutlich das meiste davon in irgendeinem seiner Bücher aufgearbeitet. Scherf ist kein alter Mann aus dem Bilderbuch, er passt eher in ein Lifestyle-Magazin. Er ist über zwei Meter groß, hat weißgraues, aber dichtes Haar. Ständig ziert ein breites Lachen sein Gesicht, weiße Zähne strahlen zwischendurch. An diesem einen Abend im April hört er nicht so gut. Der Kommunikation tut das keinen Abbruch. Man muss sich nur etwas näher kommen. Hemmungen, auf seinen Gegenüber zuzugehen, hat der Senior keine; Schwierigkeiten, sich immer wieder aus seinem Lounge-Sessel zu erheben, auch nicht. Auch an ihm geht das Alter nicht spurlos vorüber. Aber er nimmt es an, kommt damit zurecht, genießt es sogar. Die 100 Jahre sind für Henning Scherf kein Horrorszenario, die Supercentenarians gehören für ihn zur Gesellschaft von morgen dazu. Denn: "Unser Leben ist nicht nur bedeutungsvoll, wenn wir auf dem höchsten Punkt unseres Lebensbogens stehen. Die Rolle und die Lage eines Menschen mag sich verändern, aber nicht seine Würde."