Wenn Werner Taegert spricht, der Chef der Bamberger Staatsbibliothek, ist stets genaues Hinhören angesagt, will man nicht riskieren, die eine oder andere Hintersinnigkeit zu verpassen. Am Ende seiner Begrüßungsrede im Kaisersaal anlässlich der feierlichen Eröffnung der Richard-Wagner-Ausstellung der Staatsbibliothek meinte er ein wenig lapidar: "Ich sage nichts weiter". Wer zwei Stunden später ehrfürchtig vor dem wohl kapitalsten Exponat der frisch eröffneten Ausstellung stand, dem originalen Autograph von Wagners "Götterdämmerung", begriff nachträglich den Hintersinn dieser Bemerkung. Der Komponist hat nämlich wortgleich unter den Schlussakkord des Finales seiner Tetralogie geschrieben: "Vollendet in Wahnfried am 21. November 1874.
Ich sage nichts weiter! RW".

Werner Taegert musste bei dieser bemerkenswerten Vernissage vor allem einen umfangreichen Dankes-Parcours absolvieren, denn eine solch hochkarätige Ausstellung hat naturgemäß eine ganze Reihe von Eltern. Der erste Dank galt allerdings der musikalischen Umrahmung durch das Hornquartett "German Hornsound". Und das zu Recht, denn was lässt sich beim Stichwort Wagner Schöneres und Passenderes denken als Hörnerklang für die diversen Preziosen aus Lohengrin, Tannhäuser, Parsifal & Co.?

Wilhelm Wenning und Rolf Griebel vergaßen in ihren Grußworten nicht, die außerordentlich glückliche Fügung, ja Zufallskonstellation, zu betonen, der sich die Verwirklichung der Ausstellung verdankt. Dass die Sanierung von Haus Wahnfried ausgerechnet im Jubiläumsjahr ansteht, ist von mancher Seite bedauert worden, spülte aber der Staatsbibliothek Bamberg auslagerungsbedingt einen großen Schatz in die heiligen Hallen. Insofern hatte der oberfränkische Regierungspräsident endlich eine der raren Gelegenheiten, bei den ewigen Städtekonkurrenten Bayreuth und Bamberg einmal Verbrüderung melden zu dürfen.

Wenning, der praktischerweise zugleich Vorstandsvorsitzender der Richard-Wagner-Stiftung ist, konnte es sich nicht verkneifen, das Janusköpfige am Komponistenjubilar zu erwähnen: künstlerisch ein Genie, menschlich ein Egomane. Auch Vorredner Griebel hatte schon mit einem Hinweis auf das berühmte, von König Ludwig unterzeichnete finanzielle Zuwendungsbillet in dieselbe Kerbe gehauen.

Taegerts Kollege aus München, dort Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, wies auf die Ausstellungsbeiträge aus seinem Hause hin und betonte in einem kleinen Exkurs, welches Kabinettstückchen dem Bamberger Kollegenkreis mit der Aufnahme des Lorscher Arzneibuches in das Weltdokumentenerbe gelungen ist.

Auch der Hauptredner begann seinen Festvortrag mit einer Würdigung der günstigen Umstände für das Gelingen der Ausstellung. Werner Breig, renommierter Emeritus der Musikwissenschaft, wusste natürlich, dass es zu seinen Ausführungen unter dem Titel "Richard Wagners musikalisches Drama zwischen Mittelalter und Zukunft" einen sehr ortsnahen Bezug gibt. Die berühmte Bamberger Motettenhandschrift aus dem Hochmittelalter, an der Generationen von Studenten ihre Kenntnisse in Notationskunde messen mussten, liegt wohlverwahrt in der Staatsbibliothek! Breig stellte exemplarisch Wagners mittelalterliche Stoffe dar, unterfüttert durch überzeugende Klangbeispiele. Welche Optionen von "Zukunftsmusik" sich nach Wagners harmonischen Neuerungen auftaten, verdeutlichte der Referent am Beispiel von Arnold Schönbergs Orchesterstück "Farben". Vorschlag: Werner Breigs hochinteressanter Vortrag sollte für die Besucher auch in Schriftform zugänglich gemacht werden.

Fazit: Dass die Bamberger Ausstellung zum 200. Geburtstag Richard Wagners "sich gleichrangig einreiht in hochkarätige Projekte an anderen prominenten Orten" (Griebel), war Konsens bei der Eröffnungsmatinee im Kaisersaal. Davon darf erhellend profitieren, wer sich, ob Wagnerianer oder nicht, bis zum 31. Oktober auf den Weg zur "Stabi" macht.