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Bamberg
Fotografie

Unterschied zwischen Knipsen und Kunst

In der Villa Remeis erinnern 24 Bilder von Gerhard Schlötzer an die erste Großskulpturen-Ausstellung in Bamberg.
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Botero-Figuren am Domplatz, fotografiert in Schwarzweiß mit der Großbildkamera von Gerhard Schlötzer
Botero-Figuren am Domplatz, fotografiert in Schwarzweiß mit der Großbildkamera von Gerhard Schlötzer
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In der Stadt war die Hölle los. Schnell hatte der Volksmund eine Verunglimpfung für die "Liegende" Fernando Boteros gefunden. Als "Blunsn" titulierten nicht nur manche, sondern viele das Weib mit üppigen Formen. Ein anonymer Postkartenschreiber beschimpfte Gerhard Schlötzer, als der seine Serie mit Skulpturen-Porträts im Antiquariat Lorang erstmals zeigte. Man müsse die Skandal-Skulpturen nicht auch noch fotografieren, die nackt und unförmig Anstoß erregten - zumindest beim aufgeregten Anonymus.

Diese Zeiten sind wohl vorbei. Wenn auch nicht ganz, woran Bernd Goldmann am Donnerstagabend während der Vernissage in der Villa Remeis erinnerte. Denn ein betrunkener Radfahrer war mit dem "Centurione I" Igor Mitorajs kollidiert und wollte die Stadt deswegen verklagen. Und der Kopf des "Apoll" von Markus Lüpertz fiel jugendlichem Vandalismus zum Opfer. Goldmann ist Spiritus rector der Großskulpturen-Ausstellungen in Bamberg, zunächst (bis 2006) als Gründungsdirektor des Künstlerhauses, dann als Kurator im Auftrag der Stadt. Im Herbst 1998 holte er die ersten Werke nach Bamberg. Die Botero-Ausstellung war bis Januar 1999 zu sehen. Übrig geblieben ist nach Ankauf durch die Stadt die "Liegende mit Frucht" auf dem Heumarkt. Die Bamberger hätten "diese Sache mit der Zeit angenommen" freute sich Goldmann.

Die legendäre Werkschau des kolumbianischen Künstlers in Bamberg halten 24 Fotos Gerhard Schlötzers fest. Er war seinerzeit mit seiner Kamera unterwegs, um den Dialog von Gebäuden und Skulpturen zu dokumentieren - tunlichst ohne Autos im Bild. Nun hängen die Schwarzweißfotos, kleinformatige Kontaktabzüge, an den Wänden des vom Sozialdienst katholischer Frauen betriebenen Cafés Villa Remeis in der St.-Getreu-Straße, die Leiterin Simone Stroppel ist stolz darauf.

In einem lockeren Gespräch thematisierten der Fotograf und der Kurator die damalige Ausstellung und die folgenden von prominenten Künstlern wie Igor Mitoraj, Joannis Avramidis und Frau, Bernhard Luginbühl, Erwin Wortelkamp, Rui Chafes, Markus Lüpertz und Jaume Plensa. Goldmann schilderte die Genese der Botero-Ausstellung. Wie er in Eltville die Werkschau konzipierte, wie er Fernando Botero in Paris besuchte und mittels Fotografien die Standorte der Skulpturen in Bamberg suchte. Den "Dialog zwischen Stadtraum und Skulpturen" zu formulieren, sei eine diffizile und langwierige Aufgabe, schilderte Goldmann.

Leicht deplaziert

Daran anknüpfend, entspann sich ein Dialog über die Positionierung der Werke nicht nur von Botero. Die "Stimmgabel" Erwin Wortelkamps - Schlötzers Lieblingskünstler in diesem Kontext - vor der Konzerthalle sei leicht deplatziert, und Goldmann hätte auch lieber das hölzerne Original gesehen als den Bronze-Abguss. Ihm wiederum sind "alle Skulpturen sehr lieb". In der Planung waren Ausstellungen mit Werken Alfred Hrdlickas und Manolo Valdes", die jedoch nicht zustande kamen. Was Goldmann bis heute bedauert.

Lobend äußerte er sich über die Qualität von Schlötzers Fotos, die "den Unterschied zwischen Knipsen und Fotografie" in Zeiten digitaler Redundanz jedem Betrachter klarmachten. In der Tat haben die Schwarzweißfotos ihren ganz eigenen Reiz. Glänzende Oberflächen erscheinen als Stilmittel, Gemäuer, Hintergrund und Kunst kommunizieren eindringlicher, als dies Farbfotografie vermöchte. Blickachsen setzt Schlötzer gekonnt ein, wie er zwischen Großaufnahmen der Skulpturen und deren Einbettung in den städtebaulichen Kontext variiert. Nicht zuletzt sind die Aufnahmen eine schöne Erinnerung an das "Pferd" am Schönleinsplatz, die "Sphinx" vor dem Stadtbad oder die Torsi in der Alten Hofhaltung, besonders schön mit Lichtfahnen an Silvester. Erinnerungen, die hoffentlich stetig aufgefrischt werden, denn, so Goldmann skeptisch: "Ich weiß nicht, ob es überhaupt noch eine Großskulpturen-Ausstellung geben wird."

Zur Ausstellung Die Fotos Gerhard Schlötzers sind bis 30. April im Café Villa Remeis, St.-Getreu-Str. 13, zu sehen. Öffnungszeiten Di.-So. 12-18 Uhr.

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