Der Meisterschafts-Coup blieb zwar verwehrt, der Vizetitel in der Schweiz bedeutet für den FC St. Gallen aber den größten Erfolg seit vielen Jahren - auch dank Mittelfeld-Stratege Lukas Görtler aus Kemmern. 14 Treffer bereitete der 26-Jährige vor, der beste Wert in der Super League. Dennoch hatten nach dem Re-Start die Young Boys aus Bern im Meisterkampf die Nase vorn.

Nach einer Sommerpause, die diesen Namen gar nicht verdient, befindet sich der 26-Jährige bereits wieder im Training. Ein erstes großes Ziel: Der Einzug in die Gruppenphase der Europa League.

Herr Görtler, der Saisonendspurt muss anstrengend gewesen sein: 13 Spiele in sechs Wochen. Haben Sie schon wieder Lust auf Fußball?

Lukas Görtler: Die Pause war in der Tat sehr, sehr kurz. Wir hatten vom letzten Spiel bis zum Trainingsauftakt nur zwölf Tage frei. Die Super League hat länger gespielt als die Bundesliga, fängt aber früher wieder an. Das ist schon stramm. Der Wiedereinstieg ins Training war aber gar nicht so schlimm, was wohl auch an unserer starken vergangenen Saison liegt. Wir wollen daran anknüpfen.

Blieb in der kurzen Pause Zeit, die Familie in Kemmern zu besuchen?

Ja, wir waren für fünf Tage hier. Es war schön, die ganzen alten Freunde wiederzusehen, einige Tage nicht an Fußball zu denken und den Kopf freizubekommen. Das geht zu Hause am besten. Eine Woche haben meine Freundin und ich dann noch Urlaub am Comer See gemacht, viel mehr Zeit blieb ja gar nicht.

Als die Saison unterbrochen wurde, standen Sie auf Platz 1. Ist die Enttäuschung über den verpassten Titel noch sehr groß?

Nein, die Enttäuschung war nie groß. Man muss sehen, wo wir herkamen, uns hatte niemand auf der Rechnung. Jetzt, drei Wochen nach dem Saisonende, verfestigt es sich immer mehr, dass wir insgesamt Großes geleistet haben. Wir haben dominant gespielt, viele Tore geschossen, die Zuschauer begeistert und alle Erwartungen übertroffen. Wir sind stolz auf die Vizemeisterschaft.

Woran machen Sie es fest, dass es am Ende nichts wurde?

Ich will nicht nachkarten, aber es gab einige Schiedsrichterentscheidungen, die nicht zu unseren Gunsten ausgefallen sind. Auch der Spielplan nach dem Re-Start war sehr nachteilig. Unsere Partien waren so gelegt, dass wir sechs Mal vor einem Spiel eine um einen Tag kürzere Vorbereitungs- bzw. Regenerationsphase hatten als der Gegner, aber nur einmal länger. Bei Bern war das genau umgekehrt. Unser Spielstil ist zudem kraftzehrend, wir hatten befürchtet, dass es eng werden könnte.

Als Vizemeister steigt Ihr Verein in die 3. Runde der Europa-League-Qualifikation ein. Haben Sie einen Wunschgegner?

In unserem Lostopf befinden sich unter anderem AC Mailand, PSV Eindhoven, VfL Wolfsburg und Tottenham Hotspur. Tolle Gegner, aber bitte nicht in der Qualifikation. Denen würden wir noch sehr gerne aus dem Weg gehen. Am 1. September ist die Auslosung, dann wissen wir mehr. Wegen der Corona-Pandemie findet die Qualifikation in dieser Saison nicht mit Hin- und Rückspiel statt, es gibt stattdessen nur einen Vergleich. Überstehen wir dann auch noch die 4. Runde, ziehen wir in die Gruppenphase ein - und da wollen wir alle unbedingt hin.

Es gab aber einen Aderlass: Der beste Torjäger Cedric Itten ist zu den Glasgow Rangers gewechselt, der zweitbeste Stürmer Ermedin Demirovic zum SC Freiburg.

Diese Zwei zu ersetzen, ist natürlich schwierig. Allerdings sind wir sehr breit und flexibel aufgestellt und das Transferfenster ist auch noch bis Mitte Oktober geöffnet. Wir haben bereits zwei Spieler geholt, die zwar noch unbekannt sind, aber viel Potenzial besitzen und ihren Weg gehen werden. Für diese Philosophie steht St. Gallen.

In der Super League waren 1000 Zuschauer zugelassen. Wie sind die Planungen für die neue Saison?

Bis Ende September ist vorgesehen, weiter vor maximal 1000 Zuschauern zu spielen, ab Oktober soll es für jeden Verein individuelle Lösungen geben - abhängig von der Stadiongröße und dem Infektionsgeschehen vor Ort. Wir hoffen, dass wir unser Stadion dann wieder zur Hälfte füllen dürfen, das wären etwa 9500 Zuschauer. Ich meine, dass die Situation in der Schweiz ähnlich wie in Deutschland ist: insgesamt stabil, aber mit leicht steigenden Zahlen.

Sie haben vergangene Saison drei Tore erzielt und 14 Treffer vorbereitet. Ihr Marktwert wurde von Transfermarkt.de auf 800 000 Euro verdoppelt. Wie groß ist die Verlockung, es noch einmal in einer großen Liga zu versuchen?

Ich habe überhaupt keinen Grund, St. Gallen zu verlassen, besitze noch zwei Jahre Vertrag und fühle mich hier pudelwohl. Die Wertschätzung ist immens und einmalig in meiner Karriere. Ich gehe zum jetzigen Zeitpunkt davon aus, noch lange hier zu spielen. Ausschließen möchte ich natürlich nichts, es müsste aber ein sportlich ausgesprochen reizvolles Angebot sein, um mich von hier wegzubringen.

Zur Person

Geburtstag: 15. Juni 1994

Geburtsort: Bamberg

Position: Mittelfeld (rechts, zentral und offensiv)

Jugendvereine: SC Kemmern, SpVgg Greuther Fürth, FC Eintracht Bamberg, 1. FC Nürnberg

Seniorenbereich: FC Eintracht Bamberg (2012 - 2014), FC Bayern München II (2014/ 15), 1. FC Kaiserslautern (2015 - 2017), FC Utrecht (2017 - 2019), FC St. Gallen (seit Juli 2019, Vertrag bis Juni 2022)

Besonderes: Absolvierte in seiner Zeit beim FC Bayern II (3. Liga) ein Spiel für die Bundesliga-Profis, kam im Mai 2015 als Einwechselspieler gegen Bayer Leverkusen (0:2) auf 18 Minuten und darf sich Deutscher Meister 2014/15 nennen.