Die Antarktis war das fehlende Puzzleteil: Nun ist Jürgen Sinthofen auf allen Kontinenten einen Marathon gelaufen. Am Ziel fühlt sich der Altendorfer aber noch nicht. Eines Tages soll bei wieder geöffneten Grenzen die Marathon-Reise um die Welt weitergehen. Wie bis vor wenigen Tagen. Als sich die Corona-Krise im März stark beschleunigte, weilte der 64-jährige Oberfranke noch auf Sokotra, einer zum Jemen zählenden Insel im Golf von Aden. "Es hat keiner gewusst, dass die Lage um Corona so eskaliert und wie es weitergeht. Dennoch würde ich auch mit dem Wissen von heute die Reise wieder auf mich nehmen. Eigentlich war es ja verrückt, nach Deutschland zurückzufliegen", sagt der Altendorfer mit Blick auf die geringe Corona-Infektionsgefahr auf der entlegenen arabischen Insel. Auf dem Heimflug musste er einige Male umsteigen, erreichte aber noch problemlos Deutschland.

Über die Jahre hat der Läufer aus dem Landkreis Bamberg eine große Leidenschaft entwickelt und sammelt Marathon-Veranstaltungen in den unterschiedlichsten Kategorien. Sinthofen ist aber nicht nur Sportler der DJK Teutonia Gaustadt und Reisender, er organisiert auch Wettkämpfe, ist seit 2015 als oberfränkischer Laufwart für den Bayerischen Leichtathletik Verband tätig sowie Vize-Präsident des Country Club. Dort tummeln sich Marathon-Läufer, die in mindestens 30 Ländern Marathon gelaufen sind.

Sie haben in 85 Ländern einen Marathon absolviert. Das hört sich nach sehr viel an. Darf man zum Weltrekord gratulieren?

Jürgen Sinthofen: Da bin ich noch sehr weit von entfernt. Brent Weigner aus den USA hat 180 Länder abgehakt. Mir ist die reine Anzahl nicht wichtig: Die Reise organisieren, den Marathon als Höhepunkt genießen und danach noch einige Tage bleiben, um Land und Leute kennenzulernen. Diese Mischung macht den Reiz aus. Ich bin seit sieben Jahren aus dem Job raus und dankbar, mir diese Zeit nehmen zu können. Manche Läufer reisen in kleinen Gruppen nur schnell über eine Grenze und laufen wettkampfmäßig die 42 Kilometer auf einer Landstraße hoch und runter. Oder sie lassen sich in der Karibik mit einem Kreuzfahrtschiff von Insel zu Insel bringen und rennen im jeweiligen Hafen. Das gab es vor 25 Jahren schon. Meine Welt war das nie.

Sondern?

In 34 Jahren habe ich nur knapp 250 Marathon-Läufe absolviert. Das ist nicht viel, reine Sammler kommen auf eine Zahl von weit über 1000. Ich habe zwar auch eine Lust auf das Sammeln entwickelt, aber in ausgewählterer Form, nicht auf Masse. Die Big Six, die sechs größten Läufe, hat man schnell zusammen. Also habe ich weitere Felder gesucht, mein erstes Sammelgebiet waren die Erstlings-Marathons, also jene, die zum ersten Mal stattfinden. In der Zwischenzeit sind es 40 Teilnahmen. Aber damit hat es ja nicht aufgehört, jeder entwickelt seine eigenen Vorlieben. Es folgten die europäischen Hauptstädte, dann hatte mich jemand mit den Städten der olympischen Sommerspiele angefixt. Inzwischen habe ich alle Länder Europas, fast alle europäischen Hauptstädte, alle Nato-Staaten, alle Länder von A bis Z auf Deutsch und Englisch, alle Bundesländer, sämtliche deutsche Inseln, die einen Marathon veranstalten, sowie die wichtigsten europäischen Inseln. Neu aufgenommen habe ich zuletzt den ältesten Marathon eines jeden Kontinents.

Um Siege und Zeiten geht es nicht?

Das Ankommen und das Erleben sind für mich das Entscheidende, heute noch mehr als früher. Was mich stolz macht: Ich habe in den Ergebnissen kein "did not finish" stehen und bin verletzungsfrei seit 1987 unterwegs. Nie exzessiv das Laufen trainiert zu haben, aber immer das Crosstraining mit Radfahren und Schwimmen aufrechterhalten zu haben, ist glaube ich das Entscheidende. Alle fünf Jahre muss ich mir selbst beweisen, dass ich noch einen Ironman schaffe. Ich habe genug Sportler gesehen, die sich über die Jahrzehnte kaputt trainiert haben. Meine schwerwiegendste Verletzung war eine Achillessehnenzerrung, zugezogen ausgerechnet beim Tennis.

Längere Pausen gibt es auch?

Nur, wenn sie unausweichlich sind. Vor eineinhalb Jahren hatte ich unerwartet vier Bypässe benötigt. Selbst mein Arzt ist aus allen Wolken gefallen, dass es ausgerechnet mich erwischt hat. Ich hatte ja mit 29 Jahren mit dem Rauchen aufgehört, direkt mit dem regelmäßigen Sport angefangen und seit 18 Jahren keinen Alkohol mehr getrunken. Zum Glück habe ich den Eingriff so gut verkraftet, dass ich zwei Monate später wieder einen Marathon absolviert habe - aber nur gehend als Aufbaumaßnahme. Die Zeit war mit sieben Stunden zwar unterirdisch, aber auch völlig egal. Vier Tage später in Armenien waren es nur noch 6:05 Stunden. Inzwischen flutscht es wieder, 20 Marathons habe ich seitdem absolviert.

Vor wenigen Tagen sind Sie aus Sokotra zurückgekehrt, die Insel gehört zum Jemen, wird aber von Saudi-Arabien kontrolliert. Ein gewagter Trip. Nicht nur wegen der Corona-Krise. Im Jemen tobt seit Jahren ein Krieg.

Auf dem jemenitischen Festland ist an eine Lauf-Durchführung aus Sicherheitsgründen nicht ansatzweise zu denken. Sokotra ist dagegen eine andere Welt, Hunderte Kilometer vom Festland entfernt und isoliert: Landschaftlich ist es karg, aber wunderschön, die Menschen sind sehr nett und Touristen sicher. Gezeltet haben wir in Dünen direkt am Meer. Weil aber nur einmal in der Woche ein Flug geht und dieser um zwei Tage vorgezogen wurde, als die weltweite Nachrichtenlage rund um Corona immer schlechter wurde, sind wir doch früher als geplant abgereist. Womöglich wären wir sonst wochenlang auf der Insel gefangen gewesen.

Mit wem waren Sie unterwegs?

Ich war der einzige Deutsche einer 22-köpfigen internationalen Laufgruppe. An Geld fehlt es sicherlich den wenigsten, die das auf sich genommen haben. Allein An- und Abreise sind teuer. Es ist ein spezieller Schlag von Läufern aus aller Welt dort gewesen. Auf Sokotra läuft niemand auf Bestzeit, viele wollten vorrangig ihre Länder-Liste von A bis Z vervollständigen. Im englischen Alphabet ist das einzige mit Ypsilon geschriebene Land der Jemen. Es bleibt also gar keine Alternative.

Was sagt eigentlich Ihre Frau zu Ihren Ausflügen?

Wir sind schon früher immer gern und viel mit dem Wohnmobil verreist, als unsere inzwischen längst erwachsenen Kinder noch klein waren. Der Wettkampf war oft eingebettet in einen Urlaub und ganz normal. Meine Frau ist früher zwei Mal mitgelaufen, fand es aber ätzend langweilig und spielt lieber Golf. Sie mag Sonne und Wärme und begleitet mich, wenn es ihr zusagt - wie zum Beispiel nach Japan oder Brasilien. Nach Spitzbergen oder Grönland darf ich aber gern alleine fahren, sagt sie.

Das hat wohl auch auf die Antarktis zugetroffen, einem Ihrer letzten Wettkämpfe Anfang des Jahres...

Da bin ich im Grunde sogar dankbar. Bereits für eine Person ist es sehr kostspielig. Der Lauf fand auf der King-George-Insel statt, sie ist dem Festland vorgelagert, zählt geografisch aber zur Antarktis. Man kommt nur über geschlossene Gruppen dorthin, entweder mit dem Expeditionsschiff oder wie wir mit dem Flugzeug von Chile. Wir waren in einer russischen Forschungsstation untergebracht und hatten zwei Tage riesiges Glück mit dem Wetter: Sonnenschein, wenig Wind und fünf Grad plus. Wenn nicht riesige Gletscher im Hintergrund sowie Robben und Pinguine um uns herum gewesen wären, hätte man auch denken können, man sei gerade in Norwegen an einem Fjord.

War es der schönste Marathon?

Den gibt es in dieser Form nicht, weil etwa ein City-Marathon zu einem Landschafts- oder Bergmarathon nicht vergleichbar ist. Was vielen nicht klar ist: Grundsätzlich finden wir in Mitteleuropa perfekte Bedingungen vor. Es gibt öffentliche Feld- und Waldwege, das Wanderwegnetz ist ein purer Luxus, von dem die ganze Welt träumt. In Nord- und Südamerika, Australien oder Südafrika, die spät kultiviert wurden, gibt es kaum öffentliche Wege Fast alles ist in privater Hand. Entsprechend schwer ist es, dort Läufe zu organisieren. Oft fehlen Tradition und Verständnis für den Sport. In Tunesien waren die Autofahrer beispielsweise sauer, als die Straße wegen uns Läufern gesperrt war, sie haben gehupt und geschimpft, aber immer Rücksicht genommen. Richtig gefährlich wurde es nie, weder dort noch andernorts.

Was waren die kuriosesten Läufe?

2006 war ich beim Medoc-Marathon nahe Bordeaux, dort sind fast alle verkleidet und möglichst langsam gelaufen, um die Streckenverpflegung mit Rotwein und Austern ausgiebig zu genießen. Oder Spitzbergen vor acht Jahren, als ein Bewaffneter auf einem Quad uns vor Eisbären schützte. Nicht zu vergessen im aserbaidschanischen Baku, als wir komplett auf Marmor auf dem Boulevard am Kaspischen Meer gelaufen sind. Es gibt so viele besondere Läufe.

Ist das Absolvieren eines Marathons für jeden Menschen ein realistisches Ziel?

Sich zu Beginn ein solches Ziel zu setzen, ist Quatsch. Man sollte sich langsam steigern und klein anfangen, das kann auch mit einem Fünf-Kilometer-Lauf sein. Jüngeren empfehle ich, mittelfristig einen Halbmarathon ins Auge zu fassen. Die Trainingslehre sagt, dass man in einer Woche zusammengerechnet so viel laufen sollte wie später im geplanten Wettkampf. Drei Mal in der Woche im Schnitt sieben Kilometer schafft jeder, der einigermaßen orthopädisch gesund ist und den Willen aufbringt. Es dauert maximal eine Stunde, bei ruhigem Tempo um Puls 130. Das ist die Dosis, die uns Gesund hält. Natürlich kann man als Highlight auch mal einen Marathon laufen.