Bei Rick Stafford und Spencer Nelson entlädt sich die Spannung. Die beiden US-Amerikaner schreien ihre Freude heraus und liegen sich in den Armen, während die letzten Sekunden in der Nürnberger Arena laufen. Das europäische Spitzenteam Benetton Treviso ergibt sich seinem Schicksal. 9000 fränkische Basketball-Fans feiern am 22. Dezember 2005 den 92:85-Sensationssieg von GHP Bamberg - ein vorweihnachtliches Märchen. Denn vor seiner ersten Spielzeit in der Euroleague wurde der deutsche Titelträger von 2005 noch als Kanonenfutter angesehen.

Kein Wunder, dass der damalige Bamberger Trainer Dirk Bauermann kurz nach der Schlusssirene in Superlative verfiel: "Das war eine unglaubliche Leistung. Was hier gerade passiert an Erfolg, Stimmung und Basketball auf allerhöchstem Niveau, das hat es selten im Profisport gegeben. Ein Verein hat sich aus dem Nichts in die höchsten Sphären entwickelt. So viele Sternstunden wie in diesem Jahr habe ich in meinem langen Trainerleben noch nicht erlebt."

15 Jahre später, Bauermann ist seit nunmehr 34 Jahren im Trainergeschäft, ist dem Krefelder die Begeisterung über diesen Erfolg am Telefon immer noch anzuhören. "Dieser Sieg hat nachhaltig dafür gesorgt, dass Bamberg auf der europäischen Basketball-Landkarte verortet wurde. Danach wurde uns viel Respekt entgegengebracht", sagt der heute 63-Jährige, der derzeit den Zweitligisten Rostock und die Nationalmannschaft Tunesiens betreut.

"Der emotionale Höhepunkt"

GHP Bamberg erntete auf seiner Europareise 2005/06 aber nicht nur Respekt, sondern auch sieben Siege (siehe Infobox). Der einzige Erfolg gegen ein Team, das ebenso wie Bamberg das Top 16 erreichte, gelang an jenem 22. Dezember. "Die erste Euroleague-Saison war insgesamt sehr speziell. Aber dieses Spiel war sicher der emotionale Höhepunkt", erinnert sich der damalige GHP-Manager und heutige Brose-Nachwuchskoordinator Wolfgang Heyder. "Freak City hat mit 9000 Fans gelebt. Und das öffentliche Interesse war riesig. Bei dem Spiel waren 30 bis 35 Medienvertreter bei der Pressekonferenz."

Dabei sah es an diesem Abend zunächst nicht so aus, als würde es sensationelle Schlagzeilen geben. Die Norditaliener dominierten bis zum 33:20 Mitte des zweiten Viertels, ehe die Bamberger immer besser in die Partie fanden und sich in einen Rausch spielten. 50 erzielte Punkte in der zweiten Halbzeit waren unter Defensiv-Fanatiker Bauermann eine Rarität.

Letztlich machte aber der Wille den Unterschied aus - und für diese Eigenschaften standen an diesem Abend besonders die eingangs erwähnten Rick Stafford und Spencer Nelson. Die spielentscheidende Szene: Nelson rettete den Ball kurz vor dem Aus, passte diesen zu Stafford, der 43 Sekunden vor Spielende einen Dreier aus der Ecke zum 87:82 (Endstand: 92:85) traf.

"Rick war ein Krieger"

Was diesen Wurf so besonders machte? Der Shooting Guard war eigentlich nicht spielfähig, litt noch an den Nachwirkungen einer Verletzung aus den Play-offs ein halbes Jahr zuvor. Bei einem Sturz in die Werbebande hatte sich Stafford die Trizepssehne im Wurfarm gerissen. Da er seinen Arm kaum belasten konnte, warf er phasenweise sogar mit links. Nachdem sich während der Partie neben dem ohnehin schon fehlenden Steffen Hamann mit Derrick Phelps ein zweiter Bamberger Guard verletzt hatte, war Bauermann gezwungen, Stafford einzuwechseln. "Er wurde vor Spielen fit gespritzt, hat mir gegenüber aber nie zugegeben, wie schlimm es wirklich ist. Er war einfach ein Krieger", sagt Bauermann und fügt an: "Rick hat die Identität der damaligen Bamberger Spielergeneration verkörpert. Mit Leidenschaft, Wille und Entschlossenheit hat das Team den Erfolg gesucht."

Eine Generation, die auch heute - zumindest in Form einer WhatsApp-Gruppe - noch verbunden ist. Bauermann hat ebenfalls noch regen Kontakt zu seinen ehemaligen Spielern. Stafford, seine Frau Maren und seine sechs Kinder hat er sogar im vergangenen Sommer persönlich in Salt Lake City besucht, als Bauermann für einige Wochen bei den Utah Jazz hospitierte. "Rick ist Rektor an einer High School in Utah. Ihm und seiner Familie geht es sehr gut. Seine Zwillinge kannte ich aus Bamberger Zeiten nur aus dem Buggy, jetzt sind das zwei erwachsene Männer, die American Football spielen", erzählt Bauermann. Und natürlich tauschten sich beide über das legendäre Treviso-Spiel und den entscheidenden Dreier des heute 48-jährigen Stafford aus.

Die Vorlage zum Wurf gab sein mormonischer Glaubensbruder Nelson, der heute ebenfalls mit seiner Familie in Salt Lake City lebt. Der Power Forward erzielte damals gegen Treviso 23 Punkte, holte 20 Rebounds (zehn davon offensiv), verteilte sieben Assists und klaute drei Bälle. Das ergab einen unglaublichen Effektivitätswert von 48 - bis heute Rekord eines Spielers einer deutschen Mannschaft in der Euroleague. "Ich coache schon lange in der Euroleague, aber so etwas, was Spencer Nelson heute abgeliefert hat, habe ich selten gesehen. Das war gigantisch", sagte der damalige Benetton-Trainer David Blatt nach Spielende. Nur Nelson gab sich - seinem Naturell entsprechend - bescheiden: "Ich habe lediglich meinen Job gemacht. Bei den Rebounds hatte ich nur Glück, dass der Ball in meine Richtung sprang."

Vom Co-Trainer zum Finanzprofi

Dass an diesem Abend nicht nur Glück im Spiel war, unterstrich die Tatsache, dass ausgerechnet Benetton Nelson für die darauffolgende Saison verpflichtete. "Ich war zweimal lange mit ihm zusammengesessen, er wäre auch liebend gerne in Bamberg geblieben. Aber am Ende lagen 200 bis 300 000 Euro netto zwischen den Angeboten", verrät Heyder. Heute ist Nelson beim Thema Zahlen ganz in seinem Element. Der 40-Jährige, der vor fünf Jahren seine aktive Karriere beendete und danach zwei Jahre als Assistenz-Trainer einer Collegemannschaft tätig war, verdient sein Geld mittlerweile als Anlageberater.

Infobox: Die erste Bamberger Euroleague-Saison

Mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft 2005 qualifizierte sich Bamberg erstmals für den höchsten europäischen Klubwettbewerb. Aufgrund der strengen Euroleague-Auflagen - die Bamberger Arena fasste damals nur 4750 Zuschauer - musste GHP Bamberg seinerzeit alle Heimspiele in der Arena Nürnberger Versicherung austragen. Acht der zehn Partien waren mit knapp 9000 Fans ausverkauft. Sportlich war das Team von Meistermacher Dirk Bauermann als krasser Außenseiter gestartet, stellte dann aber schnell seine Wettbewerbstauglichkeit unter Beweis. Mit sieben Siegen und sieben Niederlagen gelang GHP als Tabellenfünfter seiner Vorrundengruppe (acht Teams) der Einzug in das Top 16. Neben dem Heimsieg über Treviso bleiben die zwei knappen Siege in Straßburg und in Ljubljana in Erinnerung, die "General" Derrick Phelps in den letzten Sekunden mit Treffern sicherstellte. Im Top 16 (Vierergruppe) mussten die Bamberger dann sechsmal die Überlegenheit der Topteams ZSKA Moskau, Tau Vitoria und Rytas Vilnius anerkennen. Offensiv ragten damals aus einem funktionierenden Kollektiv Demond Mallet (13,6 Punkte pro Spiel), Spencer Nelson (10,8) und Robert Garrett (8,8) heraus.