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Triathlon

"Es darf sich nicht wiederholen"

Ein kleiner Verstoß gegen die komplexen Regularien hatte Chris Dels den WM-Titel in der Altersklasse 35 auf Hawaii gekostet. Anderen Athleten möchte er ähnliche Fehltritte ersparen.
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Chris Dels hat durch eine formelle Nachlässigkeit seinen WM-Titel beim Ironman auf Hawaii in der Altersklasse 35 verloren. Nun will der Bamberger andere Triathleten vor ähnlichen Fehlern schützen.  Foto: Ralf Naumann
Chris Dels hat durch eine formelle Nachlässigkeit seinen WM-Titel beim Ironman auf Hawaii in der Altersklasse 35 verloren. Nun will der Bamberger andere Triathleten vor ähnlichen Fehlern schützen. Foto: Ralf Naumann

Anderen soll es nicht genauso gehen: Nachdem Chris Dels der Ironman-Weltmeistertitel auf Hawaii in der Altersklasse 35 nach einem formellen Verstoß gegen die Richtlinien der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) aberkannt worden ist, setzt sich der 35-jährige Bamberger für mehr Aufklärung im Athletenkreis ein - und nennt seinen eigenen Fall als abschreckendes wie lehrhaftes Beispiel.

Zum Verhängnis wurde ihm eine Kochsalz-Infusion im April 2019, die er auf Anraten eines Arztes benötigte, aber vor dem Ironman in Texas ordnungsgemäß hätte anmelden müssen. So fordert es die Wada. Weil es aber kein offizielles Krankenhaus war, hätte er die Ironman-Organisation in Kenntnis setzen und eine Art Ausnahmegenehmigung beantragen müssen. In den USA boomen sogenannte Infusionskliniken, ein großes Business mit breitem Angebot von Immunabwehr bis Abnehm-Infusion. Ihm schwante nichts Böses, als er Tage später in den sozialen Medien ein Video teilte - und dort auf einem Bild seine Infusions-Tasche präsentierte.

Die Aufnahme landete über Umwege erst ein halbes Jahr später und damit nach Dels' Titelgewinn auf Hawaii bei der Ironman-Organisation. Die Folgen waren aber gravierend: Sieg aberkannt, dazu eine Wettkampfsperre von 14 Monaten. "Ein Anruf bei der Wada oder der Nationalen-Anti-Doping-Agentur Nada, die für solche Fälle extra eine Nummer eingerichtet haben, hätte viele Probleme vermeiden können", sagt der für Böhnlein Sports Bamberg startende Dels. "Vielen ist nicht klar, wie komplex das Regelwerk ist und wo die Tücken lauern. Ich möchte aufklären und dazu beitragen, dass andere in der Zukunft meinen Fehler nicht wiederholen."

Herr Dels, bereuen Sie es, die Infusionsklinik aufgesucht zu haben?

Chris Dels: Mir ging es beim Ironman in Texas wegen einer Magen-Darm-Infektion miserabel. Es blieb mir gar keine Wahl, weil ich weder Essen noch Flüssigkeiten in mir behalten konnte. In der Infusionsklinik sind Athleten rein- und rausgegangen, die passende Infusion trug sogar den Namen "Ironman Special". Das hat sich richtig und routiniert angefühlt. Ich wusste damals nicht, dass es so was wie eine Ausnahmegenehmigung gibt und auch Methoden als Doping gewertet werden können, nicht nur Substanzen. Nährstoff-Infusionen sind nach oder während eines Rennens keine Seltenheit, wenn beispielsweise Sportler dehydrieren und Hilfe benötigen. Und jeder einzelne Fall müsste nach strenger Auslegung vom Sportler selbst an die Nada gemeldet werden. Ich behaupte, dass das nur wenige Amateure machen, weil sie es nicht wissen. Das kann sich im Nachhinein rächen.

Ist die Entscheidung der Ironman-Organisation nun endgültig oder kämpfen Sie noch gegen die Aberkennung des WM-Titels?

Chris Dels: Ich hatte die Wahl: Einspruch einlegen und versuchen, meinen Namen reinzuwaschen - oder bald wieder bei Wettkämpfen starten. Einige Fachleute hätten einem Einspruch sogar gute Chancen eingeräumt, da ein formeller Fehler vorlag. In Deutschland wäre alles in Ordnung gewesen, weil hier das Attest vom amerikanischen Arzt gereicht hätte. Bei internationalen Wettkämpfen greifen aber weitere Vorgaben. Ich wollte das Thema so schnell wie möglich abschließen. Die Untersuchungen würden alles in die Länge ziehen, auch meine 14-monatige Sperre hätte sich für diese Zeit fortgesetzt, wenn der Einspruch gescheitert wäre.

Einige sagen, Sie hätten von der Regelung wissen können. Bei der Anmeldung hatten Sie ja den Richtlinien zugestimmt...

Natürlich muss ich mir den Schuh anziehen, da ich ein Häkchen gesetzt habe, ohne den Wada-Code im Detail zu kennen und vor Ort auch nicht mehr nachgefragt habe. Das war naiv und ein Fehler. Die Regeln bei den Amateuren gelten aber für alle gleichermaßen, jeder Agegrouper sollte mit dem Regelwerk vertraut sein und im Zweifel wissen, was ihm blüht - nicht nur ein paar Ausgewählte.

Wie sehr nagt der Verlust des WM-Titels an Ihnen?

Eigentlich gar nicht - weil er nie mein Ziel war. Ich gehe damit locker um. Familie und Freunde waren geschockter als ich und können schwer nachvollziehen, dass mir dieser WM-Titel tatsächlich so "egal" ist, wie ich es immer betone. Das Erreichen der persönlichen Bestzeit und die Tatsache - trotz einiger Probleme in den Monaten davor - ein perfektes Rennen abgeliefert zu haben, entspricht exakt meinen Zielen und fühlt sich noch immer wie eine absolute Genugtuung an. Mehr wollte ich nie.

Sie sind der zweite Weltmeister in der Altersklasse 35, dem 2019 der Titel aberkannt wurde. Zuvor hat es Sergio Marques aus Portugal erwischt, der verbotenerweise im selben Jahr als Profi gestartet ist.

Auf meiner Facebook-Seite tummeln sich einige fragwürdige Kommentare aus dem portugiesischen Lager, die nichts mit sportlicher Fairness zu tu haben. Enttäuschend ist, dass niemand direkt bei mir nachgefragt hat, stattdessen wird öffentlich Unsinn behauptet. Weil ich als Zweiter am meisten von seinem Aus profitiert habe, machen sie mich wohl dafür verantwortlich. So erkläre ich mir das. Ich hatte die Gerüchte um Marques im Anschluss auch mitbekommen, aber ignoriert. Ich war glücklich, mein persönliches Ziel hatte ich ja erreicht.

Welche Lehren für die Zukunft ziehen Sie aus dieser Geschichte?

Durch die Aufarbeitung meines eigenen Falls in den vergangenen Wochen ist mir klar geworden, wie viel Unwissenheit noch vorherrscht. Nicht nur in Sachen Doping, auch bei Formalitäten. Es gibt zwar Aufklärungskampagnen der Nada, diese kommen aber bei den Sportlern zu selten an oder werden unzureichend wahrgenommen. Ein Fall wie meiner darf sich nicht wiederholen. Ich möchte gemeinsam mit der Nada aufklären und besonders die junge Generation für die Thematik sensibilisieren. Was ich auch gelernt habe, dass man "Doping" und "Doper" nicht über einen Kamm scheren darf. Es ist wie bei so vielen Themen: Kein vorschnelles Urteil fällen und jemanden abstempeln, sondern die Fälle einzeln betrachten und differenzieren.

Mit sportlichen Zielen könnte es vorerst rar werden. Das Coronavirus hat den Sport weltweit lahmgelegt. Wie behelfen Sie sich?

Das große Ziel ist die Challenge in Roth im Juli, dann ist meine Sperre auch abgelaufen. Mitte April soll über eine Austragung entschieden werden. Ich trainiere so intensiv, als würde Roth tatsächlich stattfinden - auch wenn es derzeit völlig offen ist.

Beeinflusst die Corona-Krise auch das Training?

Schwierig ist das Schwimmtraining aufgrund der geschlossenen Hallenbäder. Für das Freiwasser muss man zu dieser Zeit ein harter Hund sein. In der aktuellen Situation ist der Triathlon-Sport in Kombination mit meinem Lehrerberuf die perfekte Beschäftigungstherapie: Man kann alles alleine und indoor machen, auch das Schwimmen lässt sich durch Zugseiltraining ersetzen. Es gibt zur Zeit also wesentlich größere Probleme.

Ein Trainingslager im Süden wird vorerst nicht möglich sein...

In der letzten Februarwoche war ich sogar noch auf Mallorca zum Trainingslager. Alles war wie immer, wunderschön, beste Bedingungen. Das Coronavirus war kaum ein Thema und wurde noch belächelt. Das hat sich schnell geändert, die Auswirkungen im Leben und im Sport sind auf längere Zeit unvorhersehbar. Trotz dieser Umstände sollte jeder versuchen, das Beste für die Gesellschaft und sich daraus zu machen.

Wie lautet Ihre gute Tat?

Ich verbinde mein tägliches Radtraining mit Einkaufsdiensten für Menschen, die momentan dazu nicht in der Lage sind. Das kann auch außerhalb des Stadtgebiets sein. Ab heute geht es los, vielleicht wächst das Projekt noch weiter. Wer etwas vom Supermarkt oder woanders benötigt, kann sich gern an mich wenden - dann komme ich mit Fahrrad und Lastanhänger vorbei. Bitte vorerst über Facebook anfragen oder eine E-Mail schreiben: c_dels@yahoo.com Das Gespräch führte

Tobias Schneider