Ja, es kommt vor, dass jemand emotional aufgewühlt ist. Wenn die Polizei morgens vor der Tür steht, weil der Flug zurück ins Herkunftsland geht. "Aber wir hatten noch nie den Fall, das wir mit jemandem ringen mussten. Denn die Menschen wissen Bescheid, dass sie ausreisen müssen. Manche sitzen schon auf ihren Koffern."
Polizeihauptkommissar Holger Dremel ist laut eigener Aussage bei 98 Prozent der Abschiebungen dabei, ein Aufgabenbereich, den die Bamberger Polizei vor Herbst 2015 so nicht kannte. Seitdem sind es die Beamten vor Ort, die Abschiebungen durchführen, sobald der Auftrag von der Zentralen Ausländerbehörde (ZAB) der Regierung von Oberfranken kommt.

Was das konkret bedeutet: die "Ausreisepflichtigen" mit Gepäck in der Aufnahme-Einrichtung Oberfranken (AEO) abholen, zum Flughafen bringen, sie bis zum Einchecken begleiten und auf den Abflug warten.
"Neben dem Transport kümmern wir uns im Vorfeld um die Logistik, zum Beispiel die Bestellung eines Reisebusses, oder um die Registrierung und Verfrachtung des Reisegepäcks."

Die Polizei prüft außerdem, ob der Abzuschiebende überhaupt ausreisen darf, oder ob er "nach strafrechtlichen Ermittlungen den Ausgang des Verfahrens noch abwarten muss". Am Ende gibt die Polizei der Regierung noch Rückmeldung. So viel zum sachlichen Vorgehen.

Doch dann ist da noch die emotionale Komponente: "Auf der einen Seite steht die Erfüllung des gesetzlich verpflichtenden Auftrags der Abschiebung. Auf der anderen Seite nehmen die Kollegen auch die Schicksale der betroffenen Menschen wahr." Klar ist allerdings auch: Abschiebungen sind Zwangsmaßnahmen, wie Oliver Hempfling, Sprecher der Regierung von Oberfranken, sagt.

Das Asylverfahren führt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) durch. Ist jemand ausreisepflichtig - und tut dies innerhalb einer Frist nicht freiwillig - wird die Zentrale Ausländerbehörde der Regierung aktiv. "Wir prüfen, ob Reisedokumente, wie der Pass, vorliegen, und kümmern uns gegebenenfalls um einen Ersatz", sagt Hempfling.

Dann wird die Regierung von Oberbayern aktiv, denn diese koordiniert laut Hempfling die Abschiebungen für ganz Bayern. "Wir haben keinen Einfluss darauf, welche Person an welchem Tag zurückgeführt wird." Daten und Zeiten kommen von den Oberbayern. Und die Behörde in Oberfranken gibt sie dann an die Polizei weiter - Abflugort, Abflugzeit und wer abgeholt werden soll.

Das laufe oft sehr kurzfristig ab, was mit der Belegung der Flugzeuge zusammenhänge. Aus dem Innenministerium heißt es dazu: "Abschiebungen werden nicht angekündigt. Sie erfolgen überwiegend mit Sammelcharakter vom Flughafen München aus." Diese würden entweder von Bayern allein, in Zusammenarbeit mit anderen Bundesländern oder mit der EU-Grenzschutzagentur Frontex durchgeführt - auch mit internationaler Beteiligung. "Die Sammelflüge finden wöchentlich statt, aktuell überwiegend in die Westbalkanstaaten."


1188 Menschen abgeschoben

Seit Bestehen der Bamberger Einrichtung wurden laut Regierungssprecher Hempfling 1188 Menschen abgeschoben, Stand 19. September. Dass die Polizei dabei meistens um sechs Uhr morgens oder noch eher auf der Matte steht, habe vor allem organisatorische Gründe: die Abflugzeiten. Denn nicht nur München, auch der Flughafen in Frankfurt am Main wird angefahren. Hempfling: "Wir wehren uns, wenn es heißt, die Leute werden unvorbereitet mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen." Wer mit einer Abschiebung rechnen muss, wisse Bescheid. Wird kurzfristig ein Platz im Flugzeug frei, könne das auch mal sehr schnell gehen.

In jedem Fall solle man wenigstens menschlich vorgehen, wünscht sich Ulrike Tontsch aus dem Vorstand des Flüchtlingshilfe-Vereins "Freund statt fremd". Das Netzwerk übt in erster Linie Kritik an der Gesetzgebung, vor allem an einem "Ghetto" wie in Bamberg. Konkret zur Abschiebepraxis sagt Tontsch: "Es geht nicht nur um die Reisefähigkeit, sondern auch um die Frage des Gesundheitszustandes." Zwar prüft das Innenministerium die sogenannte Reise- und Transportfähigkeit und zieht gegebenenfalls Ärzte hinzu oder lässt diese im Flugzeug mitreisen. Dass Menschen wenige Tage vor einer Operation abgeschoben würden, halte man laut Tontsch bei "Freund statt fremd" allerdings für äußerst fragwürdig.