Kulturreferat statt Pressestelle: Zum 1. Juli hat sich für Ulrike Siebenhaar der Aufgabenbereich bei der Stadt Bamberg geändert, nicht aber ihre leitende Funktion. Bewerben musste sich die 51-jährige Kunsthistorikerin nicht, was auch für Diskussionen im Stadtrat sorgte. Was sie für ihr neues Amt qualifiziert, wie sie die Kulturschaffenden aus der Krise retten will, welche Ideen sie einbringt und wie es mit Kesselhaus und Kulturquartier Lagarde weitergeht, verrät die neue Kulturreferentin im Interview.

Ihre neue Stelle wurde nicht ausgeschrieben, was für Kritik gesorgt hat. Hätten Sie sich lieber in einem Bewerbungsgespräch bewiesen?

Ulriker Siebenhaar: Sehr gerne. Ich war vorbereitet. Aber ehrlichgesagt habe ich das Prozedere, das ja auch vom Stadtrat mit großer Mehrheit bestätigt wurde, nicht groß hinterfragt.

Was hat Sie an dem Posten gereizt?

Kunst und Kultur haben mich schon immer begeistert. Ich war jahrelang in der Kulturberichterstattung im Feuilleton und in der PR-Arbeit für Kulturinitiativen tätig. Und jetzt darf ich für die Kultur und die Kulturschaffenden dieser Stadt arbeiten. Das ist großartig, einen besseren Job kann es nicht geben - außer vielleicht Pressesprecherin (lacht).

Was gefällt Ihnen an der Bamberger Kulturszene und wo gibt es noch Entwicklungsbedarf?

Sie ist unglaublich groß, großartig, vielfältig - und viel überraschender, als man es landläufig annimmt. Dazu gehören nicht nur die Leuchttürme - Bamberger Symphoniker, Villa Concordia und E.T.A.-Hoffmann-Theater - die alle ganz toll sind. Es gibt viel mehr: Die freien Theater, die freien Künstler, Tanzgruppen, von denen kaum einer weiß, Musical-Werkstätten, ganz viel von der Uni und der VHS und ganz viele Künstler aus dem bildenden Bereich. Das will ich mehr bewerben, das Bewusstsein dafür schärfen. Und, wenn es mir gelingt, auch verschiedene Sparten zusammenbringen.

Und auch mehr fördern? Von der freien Theaterszene wird kritisiert, dass die "Leuchttürme" um ein vielfaches mehr gefördert werden, als die freie Szene - obwohl mehr Zuschauer dorthin gehen.

Man muss das differenziert betrachten. In die Zuschauerzahlen fließen auch kostenlose Veranstaltungen mit rein: Kinder-, Schul- und Studenten-Theater, die ganz andere Zielgruppen haben. Das gegen ein Stadttheater aufzurechnen, das wir ja zum Glück haben, halte ich für schwierig. Aber den Ansatz der freien Szene, den Kulturhaushalt auf fünf Prozent zu erhöhen - das wären knapp 400 000 Euro - finde ich sehr gut. Ich befürchte jedoch, dass das gerade in diesem Jahr nicht gelingen wird. Ich habe diese Aufgabe sicher in einer der schwierigsten Phasen übernommen und bin jetzt eher dabei, die Künstler zu retten. Da stehen viele an der Wand, einige können sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten. Bei der Förderung sind wir auch verpflichtet. Für das ETA gibt es ein bestimmtes Budget, davon werden Ensemble, Technik, Gebäude und so weiter bezahlt. Da wird es erstmal keine Veränderungen geben. Der Anteil für die Symphoniker ist vertraglich festgelegt. Wenn man da irgendwas streichen würde, würde der Freistaat auch Gelder streichen. Das geht nicht.

Mehr Förderung für die freie Szene wird es also nicht geben?

In diesem Jahr nicht. Ich kämpfe dafür, dass wir die Kulturförderung halten können. Leider sieht der Haushalt dramatisch aus.

Befürchten Sie, dass der Rotstift bei der Kultur besonders stark angesetzt wird?

Das Problem ist, dass die sogenannten freiwilligen Leistungen, teilweise eingefroren bleiben sollen. Die stecken vor allem im Sozialen und in der Kultur. Wobei diese Bereiche ja besonders unter Corona leiden müssen. Ich werde dafür kämpfen, dass Geld übrig bleibt. Ich denke, da wird der Stadtrat auch mitziehen. Aber wenn alle sparen müssen, muss auch die Kultur sparen.

Haben Sie Ideen, die Kulturschaffenden aus der Krise zu retten?

Ja. Die Kulturszene ist ja nach wie vor am härtesten betroffen. Nicht nur durch das Auftrittsverbot über Monate hinweg. Jeder Laden, jede Kneipe, jeder Baumarkt war früher offen als Theater. So langsam fängt's zwar wieder an, aber die können sich nicht einfach hinstellen, die müssen erst proben, Bühnenbilder entwickeln und so weiter. Und wenn ich keine 200 Zuschauer sondern nur noch 50 unterbringe, sind die Ausgaben schnell höher als die Einnahmen. So wird Vieles für das ganze Jahr abgesagt. Und man verdient nächstes Jahr ja nicht das Doppelte, wenn alles wieder geht - falls alles wieder geht. Aber es sind mittlerweile eine Vielzahl von Fördertöpfen geöffnet worden, von Bund, Freistaat und auch der Stadt. Was wir tun können, tun wir. Wir versuchen über die Kulturförderung zu unterstützen. Wobei ich zugeben muss: Bisher ist für 2020 noch keine Förderung ausbezahlt, weil der Haushalt noch eingefroren ist. Aber nach der Finanzsenat-Sitzung am Dienstag werden wir die Möglichkeit haben, einen großen Anteil auszubezahlen.

Mit Kesselhaus und Kulturquartier Lagarde stehen zwei große Projekte an. Was ist wann möglich?

Ich gebe zu bedenken: Das sind beides Millionenprojekte. Für das Kulturquartier fließen deutlich mehr Fördergelder. Da passiert am ehesten etwas. Eine Zwischennutzung der Posthalle ist angedacht. Dass die Stadtbau die Posthalle übernimmt, ist umstritten. Aber ich kann beruhigen: Als hundertprozentige Tochter der Stadt sitzen OB, Bürgermeister und Politiker aller Gruppierungen im Aufsichtsrat. Da wird keine Entscheidung getroffen, die nicht auch von der Politik mitgetragen wird. Dann muss man alle Akteure - Kutlur-, Konversionssenat und freischaffende Künstler - mit ins Boot holen und gemeinsam ein Konzept stricken. Da wird sich bald etwas tun. Im Kesselhaus geht's weiter, wir wollen auf jeden Fall den Vertrag verlängern. Dieses Jahr großartig etwas umzubauen, wird aber nicht gelingen.

Wird es Möglichkeiten geben, auch mal lauter und länger zu feiern?

Um das Kesselhaus ist in alle Richtungen Wohnbebauung. Bis morgens um fünf Uhr Musik zu machen, wird schwierig. Mal ein einmaliges Störereignis vielleicht. Beim Kulturquartier muss man abwarten. Aber es muss mitgedacht werden, dass dort auch Kulturveranstaltungen gemacht werden können, die länger als 22 Uhr gehen. Insgesamt glaube ich, dass sich Bamberg-Ost dadurch unglaublich entwickeln wird. Das wird ein Ort der großen Strahlkraft für den ganzen Osten.

Was wollen Sie unternehmen, um die Club-Kultur in Bamberg zu stärken, die sich schon vor Corona zurückentwickelt hat?

Clubs stärken im Corona-Jahr wird schwierig. Die ganze Szene lebt vom dicht an dicht. Wenn jemand nur 70 Zentimeter weit weg steht, kann ich mich mit dem im Club nicht unterhalten. Der Morph-Club ist hauptsächlich aus Lärmschutzgründen dichtgemacht worden. Das war nicht in den Griff zu bekommen. Es gibt ein paar Diskotheken, die funktionieren, weil sie außerhalb sind. Aber natürlich: Der Morph-Club war zentral, das Sound-n-Arts mitten in der Sandstraße, das war fantastisch. Die Obere Sandstraße 20 (ehemals Sound-n-Arts) haben wir gekauft. Bei der Sanierung reden wir natürlich über Jahre. Aber auf mehreren Treffen wurde ganz klar gesagt: "Wir wollen das Sound-n-Arts wieder." Was genau in das Gebäude reinkommt, ist noch im Gespräch. Wohl sicher keine Luxuswohnungen. Und der Keller eignet sich natürlich super für eine Club-Nutzung. Aber ja, der Morph-Club und das Sound-n-Arts haben musikalische Nischen gefüllt, die bisher nicht geschlossen worden sind. Wie man da Anreize schaffen kann, bin ich offengesagt überfragt. Da gibt es erstmal andere Baustellen. Wo wir dran sind, ist ein Proberaum-Zentrum. Es gibt vier heiße Optionen, ein Gebäude ist in städtischer Hand. Wir führen da tausend Gespräche und machen Besichtigungen. Ich bin recht zuversichtlich, dass da zeitnah etwas klappt.

In letzter Zeit sieht man viele Schmierereien in der Stadt. Andererseits gibt es auch viele graue Mauern. Könnten Sie sich vorstellen, mehr legale Flächen für Graffiti- und Streetart-Künstler auszuschreiben?

Ja, da bin ich schon dran. Ich wollte eigentlich ein Streetart-Festival an der Oberen Sandstraße 20 machen: Kunstwerke an der Außensicherung. Jetzt wird das abgebaut, aber ich bin nach wie vor in Gesprächen. Ich bin auch am Rumfragen in der Verwaltung, was für Möglichkeiten es gibt. Ich vertrete die Theorie: Wenn ein cooles Gemälde gesprüht wird, dann wird das auch nicht mehr zerstört. Es gibt zwar manche, die nehmen einfach eine Spraydose in die Hand. Aber viele begreifen sich als Künstler - und sind das auch. Ich war kürzlich im Streetart-Museum in Berlin und war perplex, was die da Großartiges zusammengesammelt haben. Ich habe auch schon Ideen. Die Bänke auf der Kettenbrücke sind ständig beschmiert. Ich überlege, Künstler zu bitten, für jede Bank ein kleines Kunstwerk zu schaffen. Vielleicht auch ein kleines Streetart-Festival zu machen.

Was ist Ihr größter Wunsch für die Kulturszene der Stadt?

Viel Geld! Im Moment steht die Kulturszene an der Wand. Es gilt, sie zu erhalten. In einem zweiten Schritt will ich sie stärken. Das gelingt nur mit Geld und guten Ideen - und ein paar Synergieeffekten. Ich glaube, hier reden manche Leute nicht oft genug miteinander, und wenn ich das irgendwie ändern kann, würde mir das große Freude bereiten. Welche Leute? (lacht und schweigt)

Das Gespräch führte Markus Klein.