"Ich liebte Bamberg. Ich wuchs auf, umgeben von Schönheit." Alicia Seitz zitiert Martha Ehrlich. Alicia ist heute, 2019, Schülerin am Eichendorff-Gymnasium. Martha besuchte vor 90 Jahren die Bachschule, aus der das Eichendorff-Gymnasium hervorging. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, musste die jüdische Schülerin die Schule verlassen. "Sie schrieb: ,Meine Kindheit war vorüber‘, sie durfte ihre Freundinnen nicht mehr besuchen, wurde ausgegrenzt", berichtet Alicia aus ihren Recherchen über die junge Frau, die ans Institut der Englischen Fräulein wechselte. Die einzige Schule Bambergs, die jüdische Schülerinnen weiterhin aufnahm.

1939 emigrierte Martha Ehrlich mit ihrem Bruder in die USA. "Dort wurde sie Lehrerin", berichtet Alicia. "Sie wollte Nicht-Juden berichten, was in Deutschland passiert war." Marthas Eltern wurden 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Stolpersteine vor ihrem Haus in der Herzog-Max-Straße 3 erinnern heute an sie.

Alicia Seitz und zwölf ihrer Mitschülerinnen haben für das W-Seminar "Das Eichendorff-Gymnasium und seine jüdischen Schülerinnen in der NS-Zeit" die Biografien von 13 Schülerinnen jüdischen Glaubens erforscht, die in den 1930er-Jahren an ihre Schule gingen.

Gegen das Vergessen arbeiten

An diesem Sonntagabend stellen sie zusammen mit ihrer Religionslehrerin Alina Rölver und ihrer Geschichtslehrerin Alexandra Franze die Ergebnisse ihrer Recherchen vor. "Wir haben diesen Abend nicht zufällig ausgewählt", betont Gymnasiastin Anna Dresen in ihrer Einführung. "Heute vor 74 Jahren wurden die Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau befreit." Es sei wichtig, betont Anna, Erinnerungsarbeit zu leisten - gerade im Hinblick auf unverhohlen antisemitische und geschichtsverdrehende Aussagen einiger Politiker. Und auch angesichts einer aktuellen Umfrage des Senders CNN, die ergeben hat, dass 40 Prozent der jungen Menschen in Deutschland nach eigener Einschätzung nichts oder kaum etwas über den Holocaust wissen.

"Es ist wichtig, jemanden interviewen zu können, der Klara noch gekannt hat"

Im September 2017 bekamen die Eichendorff-Schülerinnen verstaubte Schulakten, in denen sie erste Hinweise auf die jüdischen Schülerinnen fanden. "Wir haben recht schnell alle von ,unserer Schülerin‘ gesprochen, weil wir eine Bindung zu der an sich fremden Person aufgebaut haben", berichtet Anna Dresen. Die Recherche ging tief: "Wir haben im Stadtarchiv Bamberg, in der Unibibliothek, aber auch in Archiven und mit Hilfe jüdischer Gemeinden in London und in Tel Aviv geforscht."

Rebecca Lennartz, die über "ihre" Klara Herschthal wenig in den Archiven fand, erfuhr viel Persönliches aus Briefen, die Klara Herschthal an die Bambergerin Karin Mistele geschrieben hat. Herschthal, die Anfang der 30er-Jahre die Gangolfschule und später auf das heutige Eichendorff-Gymnasium besuchte, wanderte 1938 in die USA aus. "Mit nur fünf Dollar in der Tasche. Dort baute sie sich dann ein eigenes Leben auf", erzählt Rebecca und Bewunderung schwingt in ihrer Stimme mit.

Karin Mistele ist zur Gedenkfeier gekommen. Sie nahm sich viel Zeit und traf sich mit Rebecca. "Es ist wichtig, jemanden interviewen zu können, der Klara noch gekannt hat. Das ist viel emotionaler, als nur in Akten zu recherchieren", dankt ihr die Schülerin. Sie und die anderen Seminarteilnehmerinnen wollten vor allem wissen, was aus den jungen Frauen geworden ist. Anna Dresen hatte großes Glück: Sie konnte "ihre" Thea Saalheimer in Berlin treffen und interviewen.

Lena Göler fuhr in den Schulferien nach Polen, um in Auschwitz eine Spur von Liselotte Marx zu finden, die dort ermordet wurde.

Immer weniger Zeitzeugen

"Es ist euch gelungen, den Namen eine Geschichte, ein Gesicht zu geben", lobt Religionslehrerin Alina Rölver die Erinnerungsarbeit der Mädchen. Dies sei "wichtig in einer Zeit, in der es kaum noch Zeitzeugen gibt. Ihr habt den Grundstein für die Erinnerungsarbeit an unserer Schule gelegt."

Auch Alexandra Franze würdigt die Arbeit der Mädchen und hält dabei eine Schülerinnenakte aus den 1930er-Jahren hoch. "Es war ein Wagnis, ob die Faktenlage schlecht oder gut sein würde. Ihr seid dieses Wagnis eingegangen." Schülerin Alina Tietz bedankt sich bei ihren Lehrerinnen: "Dieser Geschichtsunterricht war nicht so oberflächlich wie sonst", sagte sie unter dem Nicken der anderen. "Wir haben eine ganz andere Sicht auf die NS-Zeit bekommen. Und ich persönlich konnte mich hineinfühlen, wie die Juden sich gefühlt haben. Was es wirklich für sie bedeutet hat, was die Nationalsozialisten für einen Einfluss auf ihr Leben hatten."

Wie nah sich die Mädchen heute den Mädchen damals fühlen, macht Isabella Einwich deutlich: "Meine Schülerin Vera Morgenroth war mir so ähnlich: Auch sie hatte einen Hund. Auch sie hatte eine Schwester. Und auch sie hat wie ich gerne Plätzchen gebacken."

Weitere Biografien jüdischer Schülerinnen sollen rekonstruiert und irgendwann öffentlich gemacht werden. Die Erinnerungsarbeit geht weiter.