Helmut Müller ist hocherfreut: "Für uns ist das eine sehr gute Nachricht. Die CSU wird wieder stärker." Was den CSU-Fraktionschef so wohlgemut stimmt, hat sich am Montag wie ein Lauffeuer in politisch interessierten Kreisen der Stadt herumgesprochen: Gaby Seidl, zuletzt mit Klaus Stieringer und Michael Bosch in der Fraktion der Bamberger Realisten verbandelt, geht mit sofortiger Wirkung zur CSU-Fraktion.

Die stärkste Fraktion im Bamberger Stadtrat hat dem Neuzugang noch in der Fraktionssitzung am Montag ohne Widerspruch zugestimmt. Kein Wunder: Gaby Seidl gilt als wertkonservativ und wirtschaftsorientiert, ohne das Soziale aus den Augen zu verlieren. Seidl lässt die CSU im Stadtrat auf die gleiche Stärke anwachsen, die sie hatte, bevor Daniela Reinfelder ihr den Rücken kehrte: 15 Sitze. Damit vergrößert sich der Abstand von der CSU zur zweitplatzierten SPD. Diese hat elf Sitze.

Gaby Seidl, die auch in die Partei eingetreten ist, hofft in einer großen Fraktion wie der CSU mehr zur politischen Willensbildung beizutragen, als dies in einer kleinen Gruppe möglich war. "Die Zersplitterung ist einer vernünftigen Sacharbeit nicht förderlich", stellt sie nach fünf Jahren im Stadtrat fest.

Zurück zu den eigenen Wurzeln

Für die 51-Jährige ist die Hinwendung zur CSU auch ein Zurück zu den eigenen Wurzeln. Aus einem christlichen Elternhaus stammend sieht sie viele Übereinstimmungen: "Werte in der Politik sind für mich wichtig. Rechtsstaatlichkeit und Freiheit und Verantwortung. Dazu gehört es auch, solidarisch mit Menschen zu sein, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind."

Die BR-Fraktion ist nicht die erste politische Gemeinschaft, die sich in der laufenden Wahlperiode auflöste. Bereits im Winter 2011 kam es zu einem Paukenschlag im Bürger-Block, als gleich vier Kollegen Norbert Tscherner im Stich ließen und mit "Für Bamberg" eine eigene Fraktion aus der Taufe hoben.

Eine ähnliche Dynamik könnte nun der Wechsel von Stadträtin Seidl auslösen, die sich erst vor Kurzem von der FDP losgesagt hatte. Ihr Weggang stärkt zwar die Bamberger CSU, lässt aber zwei Fraktionslose zurück. Michael Bosch und Klaus Stieringer, den wortgewaltigen Stadtmarketingchef. Er verliert seinen Fraktionsvorsitz und wird künftig nicht mehr im Ältestenrat der Stadt vertreten sein. Anders als andere Einzelkämpfer wie etwa Norbert Tscherner oder Daniela Reinfelder behalten Bosch und Stieringer ihre Sitze in Senaten und Aufsichtsräten. Gleichwohl bedauert Stieringer die Entscheidung seiner Kollegin. Für sich persönlich werde er nun überlegen, wo er seine Arbeit als Vertreter der Wirtschaft so einbringen könne, dass sie möglichst viel bewegt.

Übereinstimmungen mit SPD und CSU

Stieringer, dem seit einiger Zeit Interesse an einem Sitz in der SPD-Fraktion nachgesagt wird, sieht "Übereinstimmungen sowohl mit der SPD, aber auch mit der CSU". Der Mittelstand im Stadtrat könne jeden Fürsprecher gut gebrauchen.

Doch eine Verbrüderung von Stieringer mit der SPD ist nur eine mögliche Konstellation. Denkbar wäre auch, dass sich die Fraktionslosen zusammenraufen. Genug von ihnen gäbe es ja: Mit Norbert Tscherner (BBB), Daniela Reinfelder (CSU), Sabine Sauer (vormals SPD-Fraktion), den beiden BR-Stadträten und Gilbert Blechschmidt arbeiten derzeit sechs Stadträte mehr oder weniger nebeneinander her. Die Untergrenze für die Fraktionsbildung liegt bei drei.

An Interesse daran, mehr Macht in den hinteren Reihen des Stadtrats zu konzentrieren, mangelt es gewiss nicht: Die harte Bank der Einzelkämpferin würde mittlerweile auch Daniela Reinfelder lieber heute als morgen wieder aufgeben. Doch wohin gehen? In die derzeitige CSU-Fraktion ist eine Rückkehr wohl ausgeschlossen - nach den Querelen der letzten Jahre. Dennoch steht Reinfelder der CSU immer noch sehr nahe, wie sie bei vielen Gelegenheiten betont: "Mein Herz schlägt für die CSU. Ich finde gut, was sie tut und bin mit Leib und Seele Vorsitzende der Mittelstandsunion", erklärte Reinfelder am Montag.

Rückkehr ist nicht selbstverständlich

Doch selbstverständlich ist eine Rückkehr in den Hafen der CSU nicht, wie CSU-Bürgermeister Werner Hipelius meint. "Hip", der sich nach über 40 Jahren als Stadtrat der CSU 2014 aus der aktiven Politik verabschiedet, verfolgt die Entstehung der neuen CSU-Liste für die Kommunalwahl mit der Gelassenheit dessen, der schon viele Stadtratswahlkämpfe erlebt hat. Seit seinem Einstieg in die Politik ist die Zahl der Klein- und Kleinstgruppen beharrlich gestiegen. Ein ernstes Problem war das bisher noch nicht: "Die Zusammenarbeit von CSU und SPD hat die Bamberger Politik berechenbar gemacht."

Dass dies so bleibt, daran hat vor allem einer großes Interesse: Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD). Zwar hat der OB trotz Fehlens einer eigenen Hausmacht noch nie eine wichtige Abstimmung verloren. Doch schon heute zieht sich das Arbeiten im Rathaus quälend in die Länge, weil der Willensbildungsprozess bei vielen Beteiligten langwieriger und komplizierter ist als je zuvor.

Sollten im im nächsten Stadtrat Gruppierungen wie "Die Linke", die Piraten oder neue bürgerliche Gruppierungen ins Rathaus einziehen, entstehen vollends "italienische Verhältnisse", fürchtet der Oberbürgermeister. Starke wünscht sich Fraktionen und Stadträte, die an der Sache und nicht an der eigenen Profilierung interessiert sind: "Wenn bei wichtigen Fragen wie der Brose-Ansiedlung zu viele ihr eigenes Süppchen kochen, droht das Glück der Stadt auf der Strecke zu bleiben."