Ein totes Reh. Daneben zwei gleichfalls tote, ungeborene Kitze. Kein schöner Anblick auf dem großen Foto am Weg zwischen Zeckendorf und Scheßlitz. Seit Wochen hängt es hier und sorgt für Diskussionen. Das soll es auch, wollen Alexandra Schunk und ihr Vater Dieter. Es habe immer wieder Fälle gegeben, wo sie von freilaufenden Hunde gehetzte Rehe gefunden haben. Im vergangenen Jahr auch an der Stelle im Jagdrevier unterhalb der Giechburg, wo nun das Foto hängt. Die Jäger möchten für die Bedürfnisse des Wildes in der so genannten Brut- und Setzzeit sensibilisieren, so dass möglichst keine Tiere gestört und gehetzt werden und schlimmstenfalls deswegen verenden.

Nachdem zunächst nur das Bild mit den toten Rehen am Weg lag, wurde in der ortsbezogenen Facebook-Gruppe daraufhin die Frage gestellt, was es denn damit auf sich habe. Da brachte sich dann auch Steffi Götz ein. Sie ist in der Kreisgruppe Bamberg des Bayerischen Jagdverbands für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und kennt Alexandra Schunk und deren Vater, die das Plakat angebracht hatten. Der Fränkische Tag hat bei ihr nachgefragt. Steffi Götz begrüßt die Diskussion, deren Ziel mehr Sensibilität, mehr Rücksicht auf einander sein soll.

Sehr wohl hat die 43-Jährige Verständnis für das Bedürfnis, im Wald Erholung zu finden. Schließlich ist das Betretungsrecht des Walds im Bayerischen Waldgesetz verankert. Was sie sehr vermisst hingegen, ist eine Anleinverordnung für Hunde in Wald und Flur , gerade zu den für das Wild kritischen Zeiten. Wenn also Tiere kurz vor der Geburt des Nachwuchses stehen oder dieser erst stattgefunden hat. "Wenn dann Hunde frei und abseits der Wege herumrennen, bedeutet das Stress fürs Wild." Das sei so, als ob ständig Wildfremde durch die eigene Wohnung rennen würden, bemüht sie einen Vergleich.

Wenn Wildtiere brüten und Nachwuchs haben, brauchen sie besonders Ruhe, führt Götz weiter aus. Diese Zeit ist in Bayern vom 1. April bis 15. Juli definiert.

Keine schöne Sache

"Ein Hund hat keine Chance, ein gesundes Reh zu erwischen", verdeutlicht die BJV-Öffentlichkeitsdame. Ein trächtiges Reh dagegen sei natürlich träger und leichtere Beute. Selbst für Jäger sei es dann "keine schöne Angelegenheit", wenn sie so ein verendetes Tier finden, oder erlösen müssen, ergänzt Alexandra Schunk.

Jäger zu sein bedeute schließlich nicht nur Wild zu schießen, sondern zu hegen, zu pflegen, Wildwiesen anzulegen und Wild auch zu retten, machen die Damen deutlich. So schützen sie in Wiesen abgelegte Rehkitze vor Tod bringenden Mähwerken. Steffi Götz und ihr Mann haben eigens eine Drohne sowie eine Wärmebildkamera angeschafft. Bevor Landwirte Wiesen abmähen, lassen sie die Drohne diese abfliegen, suchen die Tierbabies und bringen sie in Sicherheit. "Die haben noch keinen Fluchtreflex", erklärt Steffi Götz. "23 Stück haben wir auf 270 Hektar heuer schon gerettet und waren dafür 25 Stunden unterwegs", meldet sie den bisherigen Erfolg.

Kein Wunder, wenn sie null Verständnis für Hundebesitzer aufbringt, wegen deren Ignoranz Rehe oft qualvoll verenden. Ganz abgesehen davon, dass ein totes Reh auch einen finanziellen Schaden von mindestens 100 Euro bedeutet.

Freilich erlaube es das Jagdgesetz dem Jäger, einen wildernden Hund zu erschießen. Davon scheuten sich die Kollegen jedoch, meinen Götz und Schunk. Ihnen sei niemand bekannt, der das gemacht habe. Hingegen nutze man man jede Gelegenheit, um an die Vernunft der Hundebesitzer zu appellieren. Ein krasses Mittel sei eben das Bild der toten Rehe. Freilich arbeite man auch mit Hinweisschildern, die auf Bereiche aufmerksam machen, in die sich Wildtiere zurückziehen, um Ruhe zu finden. In einer Kooperation mit Schulkindern sind bunte Werke entstanden.

Man setze auch darauf, dass Nichthundebesitzer für die Thematik sensibilisiert werden und ihrerseits Hundehalter ansprechen, wenn sie derartiges beobachten. Zur Erläuterung des Schockbildes gibt es in der Zwischenzeit als Ergänzung einen erläuternden Text.

Wie sehen Hundehalter die Problematik? Der Fränkische Tag hat bei Rita Scherer nachgefragt. Sie hat 1994 den Verein Hundefreunde Bamberg und Umgebung mitgegründet, der inzwischen gut 100 Mitglieder zählt und Kurse für Hunde aller Art anbietet. Rita Scherer ist zertifizierte Hundetrainerin und zudem Züchterin. "Ich kann den Scheßlitzer Jägern nur Recht geben" sagt sie unumwunden. "Ein Hund, der Jagen geht, der also wildert, ist nicht in Ordnung."

Egal wo ein Hund, der nicht gehorche unterwegs sei, "ist er eineine Belästigung für andere, wobei das Problem nicht bei dem Tier, sondern bei dessen Halter liegt". Freilich fordert sie keine generelle Leinenpflicht außerorts. Vorausgesetzt, der Hund sei gut ausgebildet und gehorche. Freilich betont Scherer ihre Auffassung, wonach Hunde da zu laufen hätten, wo ihre Besitzer sich bewegen - im Wald und in der Flur auf den dortigen Wegen. Wenn man sich daran halte, gebe es keine Probleme steht für sie fest.

KOMMENTAR:

Einen Ausgleich schaffen

Zuallererst gehört der Wald denen, die schon immer da waren und hoffentlich dauerhaft bleiben werden, den Wildtieren. Selbstverständlich gehört er auch uns allen, obwohl es nicht unser ureigenster Lebensraum ist. Zwar gibt es ein verbrieftes Betretungsrecht, das bedeutet jedoch keinen Freibrief dafür, dass sich unsereiner hier nach Belieben austoben dürfte. Das gilt ohne Ausnahme für alle Gruppen, die im Wald unterwegs sind. Für den Jäger ebenso wie für den Biker, den Reiter, den Jogger und auch für den Hundebesitzer.

Als einer von ihnen weiß ich, wie schön es ist, zu sehen wie der treue Kamerad sich nach Herzenslust austobt. Die Freude daran endet jedoch , wo das Vergnügen des Hundes Leid, Stress oder gar Tod eines anderen Lebewesens zur Folge hat. Für jeden echten Tierfreund sollte das Selbstverständlichkeit sein.

Wenn nun jeder im Wald ein bisschen darüber nachdenkt, was vom eigenen Tun anderen zum Schaden gereichen könnte, würden am Ende alle profitieren - das Walderlebnis konflikt- und stressfreier. So drastisch die Fotoaktion auch war, so richtig ist sie in dem Sinn, dass sie zum Nachdenken anregt und hoffentlich Bewusstsein für Rücksichtnahme geschaffen hat.

Im Übrigen steht es Jägern frei, stoßen sie auf einen wildernden Hund, dessen Halter anzuzeigen. Der kann mindestens wegen einer Ordnungswidrigkeit belangt werden.