Wie gewinnt eine Stadt Neubürger? Zum Beispiel bei den Semesterauftaktveran staltungen. Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) kennt den Punkt, an dem er regelmäßig Applaus bekommt. Die jungen Zuhörer klatschen immer dann, wenn er vom Begrüßungsgeld erzählt. Eine Sitte, die sich die Stadt im vergangenen Jahr 27 000 Euro hat kosten lassen: Wer sich von den studierenden Neubürgern mit Hauptwohnsitz in Bamberg anmeldete, bekam fünf "Schex in the City" zu je zehn Euro.

549 Studienanfänger sind der Einladung, sich die Gutscheine zu holen, seit Mai 2011 gefolgt und haben der Stadt damit einen Einwohnerzuwachs beschert, der im Umkreis nicht selbstverständlich ist. In ganz Oberfranken ging die Bevölkerungszahl im vergangenen Jahr um 4000 zurück. Doch Bamberg kann nach den neuesten Zahlen zulegen: von 70 004 auf 70 084, teilte das Statistische Landesamt in Fürth vor Kurzem mit.

In der Stadt Bamberg ist man zufrieden: "Die Einwohnerzahl steigt gegen den oberfränkischen Trend weiter an. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass Bamberg auch in Zukunft moderat wachsen wird", sagt Ulrike Siebenhaar von der Pressestelle der Stadt. Dort rechnet man auch wegen der Beliebtheit Bambergs bei älteren Menschen bis 2025 sogar mit 71 000 Einwohnern.

Doch eine Frage kann man im Rathaus nicht beantworten. Warum schlägt sich das stürmische Wachstum der Universität nicht noch deutlicher in den Zahlen der Stadt Bamberg nieder? Der doppelte Abiturjahrgang und die Abschaffung der Wehrpflicht ließen den Zustrom auf Rekordwerte anschwellen: Über 2000 Studierende zählte die Bamberger Hochschule im Wintersemester 2011/12 mehr als im Vorjahr. Unvergessen ist das Bild der Eröffnungsvorlesung für Betriebswirtschaftslehre, bei der sich rund 1100 junge Menschen in einem völlig überfüllten Audimax drängten. Erstmals musste eine Lehrveranstaltung der Universität aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden...

Zwar rechnet man an der Bamberger Hochschule auch in den nächsten Jahren mit starkem Zulauf. Szenen, wie sie sich am 19. Oktober in der Feldkirchenstraße abspielten, sollen sich aber nicht wiederholen. Vorsorglich wurde eine Zulassungsbeschränkung für die Massenfächer Betriebswirtschaftslehre, Kommunikationswissenschaften und Pädagogik eingeführt.

Wohnungsmangel hemmt


Warum die Bamberger trotz der magnetischen Anziehungskraft auf junge Leute nur um 80 mehr wurden, kann man sich an der Universität nur durch den akuten Wohnungsmangel erklären. Er habe viele junge Leute im vergangenen Jahr zum Pendeln gezwungen, sagt Maria Steger von der Studentenkanzlei. Nach einer gewissen Zeit kommt es aber doch häufig zum Umzug. "Wenn die Gelegenheit da ist und Räume frei werden, wechseln viele nach Bamberg", sagt Steger.

Der scharfe Blick auf die Einwohnerzahlen ist kein Steckenpferd für Statistiker. Die Bürgerzahl berührt die Interessen aller: Bamberg braucht den Zuzug, um den seit Jahren unveränderten Geburtenmangel auszugleichen. Anders wäre die städtische Infrastruktur, vom Kanalnetz bis zum Theater, kaum zu finanzieren.

Einer, der sich kraft Amtes über jeden neuen Bürger freut, ist der Bamberger Finanzreferent Bertram Felix. Er weiß: Sinkende Einwohnerzahlen würden die Kosten explodieren lassen und wären auch deshalb Gift für die Bedeutung einer Stadt, weil die Steuereinnahmen von der Zahl der Bewohner abhängen. Auch Felix räumt ein, dass die statistische Meldezahl die derzeit in der Stadt herrschende Dynamik nicht widerspiegelt. "Die Dunkelziffer nicht angemeldeter Bewohner scheint höher zu sein als bekannt", lautet seine Erklärung für das Bürger-Defizit.

Diese Vermutung lässt sich auch durch die Zahl der so genannten Zweitwohnsitzler erhärten. Nach Angaben von Franz Eibl von der Stadt sind in Bamberg derzeit 6800 Menschen mit Zweitwohnsitz gemeldet. Gemessen an der Zahl von 1987, dem Jahr der Volkszählung, bedeutet dies eine Verdreifachung.

Der Rückblick zeigt auch: Bamberg pendelt seit Langem um die magische Marke von 70 000. Einen kräftigen Anstieg, wie 2011 in Bayreuth auf 73 111 zu verzeichnen, gab es zuletzt Anfang des Jahrtausends. Wer in der Bamberger Statistik freilich nicht auftaucht, sind die 8000 Bewohner des US-Standorts. Wenn sie nun gehen, hat dies zwei Seiten: Die Amerikaner werden bei der Finanzierung der Infrastruktur eine schmerzliche Lücke hinterlassen. Gleichzeitig machen sie aber Platz für viele neue Bürger.