Dubrovnik - die Perle der Adria! Die Wehrmauer um die Altstadt. Wenige Meter vor dem Pile-Tor plätschert Trinkwasser in einen Brunnen. Gerade Touristen, die vor allem in den Sommermonaten milli onenfach Dubrovnik überfluten, schöpfen gern jenes erfrischende Nass. Die wenigsten wissen jedoch, dass sie am sogenannten "Jüdischen Brunnen" Halt machen - an einem der wenigen steinernen Zeugnisse einer großen Vergangenheit. Diese begann mit dem Zuzug der ersten Juden von der iberischen Halbinsel. Als die "katholischen Könige" im Jahr 1492 alle Juden aus Spanien vertrieben, haben sich einige von ihnen in Dubrovnik niedergelassen. Oder in Ragusa, wie die Stadt damals hieß.


In der zweitältesten Synagoge Europas

Gary und Nicky Novis, ein jüdisches Ehepaar aus Australien, haben diesen Brunnen aus hellem Marmor gezielt aufgesucht. Auch im Urlaub wollen die Novis, die Vorfahren in Polen und Lettland hatten, der Jiddischkejt nahe sein. So ist es für Gary und Nicky eine Selbstverständlichkeit, die Synagoge zu besuchen. Nach einem kurzen Weg vom Pile-Tor über die glattpolierten Pflastersteine des Stradun, der großen Hauptstraße der Altstadt, zweigt die Ulica Zudioska (Judengasse) ab. Hier befindet sich das Bethaus. Gary setzt sich seine mitgebrachte Kippa auf. Er erklimmt mit seiner Frau die enge, steile Treppe bis ins erste Stockwerk. "Dobar dan!", also "Guten Tag!" grüßt eine Frau an einem Tischchen am Eingang: Alma, eine Muslima und Angestellte der Gemeinde, gibt erste Informationen über die nach der Prager Altneuschul zweitälteste sephardische Synagoge in Europa. Diese wurde vor über 500 Jahren gegründet und durchgehend benutzt. Etwa 250 Männer und Frauen zählte die jüdische Gemeinde von Ragusa in ihrer Blütezeit. Ähnlich wie Venedig ein Stück nördlicher war auch Ragusa ein selbständiger Stadtstaat.

Die einstige Blüte dokumentieren noch zahlreiche Kultgegenstände aus acht Jahrhunderten wie Thorarollen oder Kiddusch-Becher, die man im Museum - dem einzigen jüdischen in Kroatien - im Stockwerk unter der Synagoge bewundern kann. Eine eigene Abteilung ist dem Gedenken an die Dubrovniker Opfer der Shoah gewidmet.

Andreja, eine hochgewachsene jüdische Kroatin mit brünetten Haaren und braunen, fröhlich blitzenden Augen, steht umringt von Amerikanern in der Synagoge. Geduldig beantwortet die 31-Jährige die vielen Fragen, die auf sie einprasseln. Ja, sie sei waschechte Dubrovnikerin, ihr Vater Alterspräsident der Gemeinde, ihre Großeltern hätten das von den Nazis errichtete KZ auf der Insel Rab überlebt. Und dann verblüfft Andreja ihre Zuhörer mit der Schilderung des hürdenreichen Alltags, den die gerade mal 54 Dubrovniker Juden bewältigen müssen. Zum Beispiel kommt nur zu den hohen Feiertagen ein Rabbiner aus Zagreb, dem jüdischen Zentrum in Kroatien. Aber auch das nur, wenn es sich mit seinen weiteren Verpflichtungen in den Syn agogen von Rijeka und Split vereinbaren lässt. Damit kann Andreja leben. Aber: "Ich finde hier in Dubrovnik keinen Juden zum Heiraten!" Die junge Frau lacht. Ob sie deshalb in Zagreb ein Italienisch-Studium aufgenommen hat? Sie antwortet nicht, wiegt nur vielsagend den Kopf.




Der Geist der Toleranz

In den Semesterferien ist sie ausgesprochen gern in ihrer Heimatstadt, leistet bereitwillig Präsenzdienst in der Synagoge und lässt sich von Besuchern löchern. Es sind zumeist Juden aus aller Welt, die in die Ulica Zudioska 5 kommen. Viele tragen sich ins Gästebuch ein: "Schalom" wünschen Argentinier und Amerikaner, Israelis und Schotten, Österreicher und Deutsche. Schalom, also Frieden, herrscht in Dubrovnik, zwischen den Religionen: "Es gibt bei uns keinen Antisemitismus", freut sich Andreja. Juden, Christen und Muslime würden einen Geist der Toleranz pflegen.



Gary und Nicky Novis verbringen geraume Zeit in der Synagoge. Ihre Blicke schweifen über die Ausstattung im italienischen Barock, die Bankreihen aus dunklem Holz, den Thoraschrein mit den gedrechselten Säulen, die unzähligen Kronleuchter, die vergitterten Fenster an der einstigen Frauenempore. Als das Ehepaar schließlich den Ausgang nimmt, entdecken sie auf der gegenüberliegenden Hauswand den in Hebräisch eingemeißelten Satz: "Gesegnet seien jene, die herauskommen."