"Bayern barrierefrei 2023" - das war sicher die schlechteste Idee in der ersten Regierungserklärung von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) nach seiner Wiederwahl. Doch es war eben so eine Idee. Wer setzt sie um? Und vor allem: Was kostet das und wer bezahlt? Derjenige, der die Musik bestellt hat, oder...?

Um die Kostenfrage zu beantworten hat das Innenministerium 16 bayerische Kommunen für ein Modellprojekt ausgewählt. Die kleinste davon ist Litzendorf, fast alle anderen sind Kreisstädte wie Kronach, Kulmbach oder Bad Kissingen. Nur vier Monate hatten sie Zeit ein Konzept zu erstellen, das der Staatsregierung als Berechnungsgrundlage für die zu erwarteten Ausgaben dienen soll. Aus den Ergebnissen der 16 Modellkommunen soll hochgerechnet werden, was es für insgesamt rund 2000 bayerische Kommunen kostet.
Zielvorgabe ist es ja, den gesamten öffentlichen Raum möglichst barrierefrei zu gestalten.

Litzendorfs Bürgermeister Wolfgang Möhrlein (CSU) ist sichtlich stolz, dass seine Gemeinde in diesen erlesenen Kreis gewählt wurde. Hauptgrund seien wohl die positiven Erfahrungen des Ministeriums mit Litzendorf bei der Umsetzung des städtebaulichen Entwicklungskonzepts gewesen, vermutet Möhrlein. "Man traut uns zu, dass wir das stemmen." Vier Monate seien schließlich nicht viel Zeit.

Und sie haben es gestemmt. In dieser Woche wurde das fertige Konzept vorgestellt. Zusammen mit Behinderten, Behindertenvertretern und Bürgern haben die Städteplaner Wittmann, Valier & Partner und das Büro Planwerk in den vergangenen Monaten praktisch jeden Stolperstein in Litzendorf zweimal herumgedreht. Dabei haben sie einige bekannte Schwachstellen aber auch einige überraschende Punkte gefunden. Das Konzept mit dem darin ermittelten Handlungsbedarf und den dafür errechneten Kosten kann also noch vor Weihnachten nach München geschickt werden.

Wer bezahlt?

Wie teuer es Litzendorf käme, alles umzusetzen hat im Moment noch keiner ausgerechnet. Es wäre jedoch eine Herkulesaufgabe für den jetzigen und auch den kommenden Gemeinderat, wenn es bis ins Jahr 2023 erreicht werden soll. Was den Bürgermeister und die Gemeinderäte weniger begeistert: Zwar wird die Studie, die immerhin fast 20 000 Euro gekostet hat, vom Freistaat bezahlt. Doch für die Umsetzung der Maßnahmen sind bislang noch keinerlei Fördermittel in Aussicht gestellt. "Bei der Vorstellung des Programms in München mussten wir sogar unser Essen in der Kantine selber bezahlen", merkt Möhrlein dazu an - und es ist klar, dass es ihm nicht um diese vier Euro geht.

Immerhin weiß man in Litzendorf nun, wo überall der Schuh drückt. Alle anderen Gemeinden müssten erst mal eine solche Studie selbst finanzieren. Schwer vorstellbar, dass alle dazu bereit oder in der Lage sind.
In Litzendorf wurde - wie es Vorgabe war - der Zugang zu allen öffentlichen Gebäuden, aber auch zu "privaten Gebäuden mit verstärktem Publikumsverkehr", also etwa Geschäfte oder Arztpraxen, auf Barrierefreiheit hin in Augenschein genommen. Außerdem natürlich die öffentlichen Gebäude und die Wege selbst. Wobei barrierefrei sich eben nicht nur mit rollstuhlgerechten Zugängen erschöpft, obwohl dies oft gleichgesetzt wird. Ebenso wichtig ist beispielsweise auch die Barrierefreiheit für Sehbehinderte.

Verschiedenste Behinderungen

An manchen Stellen kann das sogar zu Konflikten führen, etwa an Straßenübergängen. Während Rollstühle und Rollatoren eine Nullabsenkung der Bordsteinkante brauchen, benötigen Blinde eine sogenannte taktile Streifen oder eine gewisse Kantenhöhe, um die Grenze zwischen Gehweg und Straße ertasten zu können.
Als schon barrierefrei gilt in Litzendorf etwa das Seniorenheim. Der Weg von dort in den Ort ist es allerdings nicht. Oder das Rathaus. Die Rampe dorthin nennen die Planer als geradezu vorbildlich - doch dann ist schon Schluss: Es fehlt eine selbstöffnende Türe, ein Aufzug zum Sitzungssaal und ein behindertengerechtes WC. Überhaupt ist der Weg zum Rathaus und zur Kirche - beide stark frequentiert - ein Problem. Für Fußgänger ist der Berg nur über lange, steile Treppen erschlossen.

Ungeachtet der fehlenden Förderung will Litzendorf deshalb nun zwei Leuchtturmprojekte in Sachen Barrierefreiheit angehen. Das Umfeld von Rathaus, Kirche und Friedhof soll mit einem barrierefreien Zugang über den Schimmelsgraben erschlossen werden. Und die Barriefreiheit am Rathaus soll nicht an der Eingangstür enden.