Zwischen fast allen Deutschen gibt es eine Gemeinsamkeit, wenn sie einige Zeit lang im Ausland sind: die Sehnsucht nach Brot. So ging es auch Silke Tyler, als sie mit ihrem Mann Tim nach Amerika auswanderte. Sie liebte das freiere Leben und die Flexibilität, ihr gefiel das kleine Häuschen und die Weite des 8000 Quadratmeter großen Grundstücks. Platz für ihre Söhne Daniel und Phillip. Aber auch nach Jahren fehlte ihr das fränkische Brot.
Bei einem Heimaturlaub zeigte ihr der Lichtenfelser Bäcker Christian Schedel, wie Sauerteig gemacht wird. Wieder in Tennessee buk Silke Tyler für die Familie. Dass Sauerteig eine Marktlücke ist, hatte sie da schon erkannt. Im Jahr 2000 begann sie, Brot zu verkaufen. Damit begann der American Dream der ehemaligen Kunststudentin Silke Algaier aus Lichtenfels.

Heute arbeiten 25 Amerikaner für "Silke's Old World Breads", viele in Teilzeit.
Silke Tyler erzählt, wie das Geschäft wuchs: "Das Gebäude neben unserem Café, das wir seit 2005 haben, wurde 2011 leer." Tylers bauten es aus und um, zogen mit der Backstube aus der ehemaligen Garage in ein professionelleres Umfeld. Dazu kam ein "Deli", eine Art Tante-Emma-Delikatessenladen mit kleinem Restaurant. Neben Sandwiches gibt's dort auch fränkische Snacks wie "Bratwurst Brotchen" und europäisch Anmutendes wie "Sauerkraut Pizza".

Herz des Geschäfts ist aber das Brot aus "Sourdough", dem Sauerteig. Egal ob Krustenbrot oder Farmers Bread: die Grundlage ist immer ähnlich. Verkaufsschlager ist in Tennessee wie in Deutschland das Rustic Rye (Roggenmischbrot), das bei Silke Tyler 3,99 Dollar, also etwa 2,90 Euro, kostet. Auch für Texaner oder Kalifornier, die im Brot-Onlineshop bestellen. Täglich werden fast 200 Brote gebacken. Hinzu kommen 1000 Brötchen- und Sandwichvarianten. Obwohl der Betrieb stetig gewachsen ist, wird außer dem Mischen des Teiges alles von Hand gemacht. "Wir arbeiten mit traditionellen Techniken und einem langsamen Prozess." Dadurch sei alles leichter verdaulich und die Brote hielten länger.Wenn die 45-Jährige nach Deutschland kommt, wundert sie sich manchmal darüber, was hier aus der Brotkultur geworden ist. "So viel Massenproduktion und Teiglinge!" Für die Verbraucher sei es zwar schön, dass es an jedem Eck Backwaren gebe, "aber die Qualität leidet darunter".

Deutsches Brot sollte Weltkulturerbe sein, findet die Bäckerin in Amerika genau wie ihre Kollegen hier in Deutschland. Der Antrag ist nun gestellt. Aber damit das Roggenmischbrot so wie der türkische Kaffee und die französische Küche als immaterialles Erbe der Menschheit anerkannt wird, muss die Brotkultur es erst einmal auf die nationale Liste schaffen.


Zahlen und Fakten

3059 Sorten sind im deutschen Brotregister des Bäckerhandwerks erfasst. Drei Viertel aller Brote werden demnach mit Sauerteig hergestellt.

1,9 Millionen Tonnen Brot haben die Deutschen laut Bundesernährungsministerium 2012 gekauft. Mischbrot ist mit 31,8 Prozent das beliebteste Brot, gefolgt von Toast (21,6 Prozent) und Körnerbrot (14,8 Prozent).

14.594 Bäckereibetriebe gibt es in Deutschland. Mit der größten Bäckereidichte der Welt wirbt die Genussregion Oberfranken: 529 Bäckereien und Konditoreien entfallen hier auf 1,1 Millionen Einwohner.