Beine machen wollen die Initiatoren möglichst vielen Menschen. Sie sollen sich in Bewegung setzen, um ihre Angst zu überwinden: "Die lähmende Angst, dass wir es doch nicht schaffen, die Geflüchteten in unsere Gesellschaft zu integrieren", wie Frederic Heisig als Regisseur des Wildwuchs-Theaters erläutert. "Kein Mensch läuft illegal" nennt sich das Projekt, das die Bamberger Bühne aus der Taufe hob, um Zeichen zu setzen. Als "politische Bewegungstherapie" sehen die kreativen Köpfe ihre Offensive, an der sich neben Einheimischen gerade auch Flüchtlinge beteiligen sollen. Bis zum Weltkulturerbelauf möchten die Kulturschaffenden sogar 350 Teilnehmer aus verschiedensten Herkunftsländern mobilisieren.


Nicht länger zusehen

"Es geht darum, Grenzen zu überwinden und Vorurteile abzubauen", sagt Frederik Heisig, der mit Sebastian Stahl und Daniel Reichelt die Projektidee entwickelte. "Seit dem Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt herrschte eine Stimmung im Land, auf die wir reagieren mussten." Auch die derzeitige "Abschiebepraxis in sogenannte sichere Herkunftsländer" bewog die "Wildwuchs"-Akteure, an die Öffentlichkeit zu gehen. Und das nicht nur innerhalb der Mauern ihres Theaters. "Wir entschieden uns, die Bühne zu verlassen, um die unterschiedlichsten Menschen im Herzen der Stadt mit unserem Anliegen zu konfrontieren."

Vom Gabelmann aus startete Anfang März der erste integrative Lauf. "14 Leute kamen auf Anhieb, darunter acht Geflüchtete." Eine Syrerin, die sich mit auf den Weg machte, war in ihrer Heimat schon Halbmarathons gelaufen. Über sie und all die anderen Teilnehmer wurde das Projekt innerhalb kürzester Zeit dann auch so bekannt, dass es beim "Bamberger Volkslauf" Mitte März bereits die zweitstärkste Teilnehmergruppe stellte.


Laufen gegen Rechts

Natürlich steht bei den Treffen mehr als nur das gemeinsame Training im Blickpunkt. Getreu dem Motto "Der unpolitische Sport wird politisiert, die Straße zur Bühne und das Laufen zur Performance" beziehen Teilnehmer auch öffentlich Stellung. So spurteten Interessenten schon "gegen Rechts" auf einer Strecke mit ausschließlich Linkskurven durchs Weltkulturerbe. Oder absolvierten einen "Abhärtungslauf gegen soziale Kälte", der bei Nieselregen über die Bühne ging, wie Frederic Heisig berichtete.

Immer mittwochs (ab 17 Uhr) und samstags (ab 12 Uhr) kann man das "Wildwuchs"-Projekt unterstützen. Los geht's am Gabelmann. Geplant ist in den kommenden Wochen auch ein Lauf zum Thema "Flucht und Verfolgung", der zum Hexen-Mahnmal, zum Synagogenplatz oder beispielsweise "Stolpersteinen" führt. Ebenso wird's einen "Lauf der Bomben" geben, der an die Zerstörung der Innenstadt im Zweiten Weltkrieg erinnert.



Mit bitterer Ironie kommentieren die Theatermacher auch die Flüchtlingssituation im Land, angesichts der sie für Betroffene zwei weitere "Fitness-Programme" ersannen: "Fit für Deutschland", um "in Zeiten sinkender Akzeptanz der Geflüchteten durch die Bevölkerung die Kernkompetenz des Flüchtens zu erhalten". Und "Fit für Kabul", da zahlreiche Menschen im Zuge der aktuellen Abschiebepraxis in gefährdete Gebiete geschickt würden. "In diesen Fällen fokussieren wir auf Maximalgeschwindigkeit und Kaltstartübungen auf kurzen Strecken": Eben das optimale Training, mit dessen Hilfe Teilnehmer "bei einer Bombenwarnung oder einem Drohnenangriff schnell in Deckung gehen können".


Eine tolerante Stadt

Warum möchten die Initiatoren eigentlich exakt 350 Flüchtlinge für den Weltkulturerbelauf gewinnen? "Das entspricht drei Prozent der Gesamtläuferzahl und damit dem doppelten Prozentwert der Geflüchteten in Deutschland", so Heisig. Auch in dieser Hinsicht kann man an der Regnitz eben Zeichen setzen. So wünschen sich die Initiatoren, dass sich Bamberg bei dem Event als "bunte, tolerante Stadt mit Sportsgeist beweisen, die Menschen mit Offenheit und Hilfsbereitschaft begrüßt." Eine Stadt, die öffentlich bekundet: "Wir schaffen das".