Jeden Feierabend rollt eine Blechlawine durch die Lange Straße, oft eng an Radfahrern vorbei, die sich ihrerseits oft eng an Fußgängern vorbeischlängeln. Mit wachsender Bevölkerung wächst auch die Anzahl der Verkehrsteilnehmer, die sich den begrenzten Raum teilen.

Um die künftige Gestaltung herrscht nach den Worten von SPD-Fraktionsvorsitzendem Klaus Stieringer seit Jahren ein "Glaubenskrieg": Während das bürgerliche Lager mit der Interessengemeinschaft Lange Straße (IG) für den Erhalt oder einen Ausgleich wegfallender Parkmöglichkeiten kämpft und kaum Alternativen für die vielgenutzte Ost-West-Achse sieht, soll nach dem Willen der Grün-Roten Mehrheit aus der Durchfahrtsstraße eine "Flaniermeile mit Allee-Charakter" (Zweiter Bürgermeister Jonas Glüsenkamp, Grünes Bamberg) oder gar ein "Pracht-Boulevard" (Grünen-Stadtrat Christian Hader) werden. Und damit unter anderem sicherer für Radfahrer und Fußgänger. Beide Seiten argumentieren, dass ihre Lösungen besser für die Geschäfte vor Ort seien.

Für Baumaßnahmen fehlt Geld

Obwohl in der jüngsten Sitzung des Mobilitätssenats erneut eine hitzige Grundsatzdiskussion geführt wurde, ist die Debatte um die Lange Straße alles andere als neu: Bereits im Jahr 2008 gab es das Mediationsverfahren "Zukunft Innenstadt". Als Ziele wurden eine Verkehrsberuhigung und langfristig eine Sperrung für den motorisierten Individualverkehr (MIV) angedacht. Seitdem wurde die Straße als verkehrsberuhigter Geschäftsbereich ausgewiesen (Höchstgeschwindigkeit 20 km/h). Die Einführung einer Halteverbotszone wurde Anfang 2019 umgesetzt. Für den niveaugleichen Ausbau gilt im Pandemie-Jahr umso mehr, was zuletzt 2018 und 2019 als Begründung diente: Für umfassende bauliche Maßnahmen fehlt das Geld.

So beendet Grünen-Stadtrat Stefan Kurz die Diskussion mit den Worten: "Wir stimmen heute nicht über ein Gesamtkonzept ab, sondern über einen Kompromiss, eine Zwischenlösung." Diese sieht eine Reduzierung der Lieferstellmöglichkeiten von 25 auf 14 und die Abschaffung der zwei Taxi-Stellplätze vor - zugunsten von unter anderem mehr Pflanzenkübeln, Radbügeln und Lastenradstellplätzen.

"Der Kompromiss verteilt den Verkehr neu und vor allem gerechter", findet Hader, der sich über "mehr Platz, mehr Begrünung, mehr Behinderten-Parkplätze und weniger Blech", freut. Die Kosten dafür schätzt die Verwaltung auf 10 000 Euro. Der Vorschlag wurde mit sieben gegen fünf Stimmen beschlossen.

Dabei stellen sich die Gegner von CSU, FDP und BBB nicht grundsätzlich gegen den Kompromiss. "Die Pläne sind akzeptabel. Aber wir sollten die Stellungnahme der IG Lange Straße abwarten", sagt CSU-Stadtrat Franz-Wilhelm Heller. Denn diese habe die Entwürfe erst wenige Tage zuvor erhalten und sich noch nicht damit befassen können. Entsprechend stellt Heller - unterstützt von FDP und BBB - einen Antrag auf Verschiebung der Entscheidung. Dieser wird jedoch - wenig überraschend - mit fünf gegen sieben Stimmen abgelehnt.

Blieb die IG außen vor?

Glüsenkamp beteuert, er habe in den vergangenen Wochen und Monaten viele Gespräche mit der IG geführt. Und auch mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) und dem Verkehrsclub Deutschland (VDC), die sich einen noch stärkeren Wegfall von Haltemöglichkeiten für den MIV gewünscht hätten. "Ich denke, es ist hier ein guter Kompromiss gelungen, der allen entgegenkommt", sagt Glüsenkamp.

IG-Vorsitzender Pius Schiele sagt hingegen, es habe zwar Gespräche gegeben, zuletzt allerdings nur über eine mögliche Verlegung der Radwege. Die beschlossenen Pläne zur Umgestaltung des Seitenrands habe Schiele erst vor einer Woche erhalten. Eine Vorstandssitzung, vor der die IG-Vertreter ihre rund 100 Mitglieder befragen hätten können, sei bisher nicht möglich gewesen. Deswegen habe Schiele auch appelliert, die Entscheidung in die Zweite Lesung zu verschieben. Eine Stellungnahme der IG könne er entsprechend noch nicht abgeben. Persönlich und aus seiner Erfahrung beim Roten Kreuz appelliert er aber, "nicht zu vergessen, dass sich viele alte Menschen nur deshalb noch selbst verpflegen, weil sie noch Auto fahren können". Alleine zwischen Theatergassen und Schönleinsplatz befänden sich etwa 20 Arztpraxen, die erreichbar bleiben müssten.

VCD von Kompromiss enttäuscht

Der Radentscheid Bamberg freut sich hingegen über die Pläne. "Es ist aber nur eine Minimalverbesserung", heißt es in einer Stellungnahme. "Wir setzt uns für eine Mischverkehrsfläche wie auf der Kettenbrücke ein."

Für den VCD Bamberg, der ähnliche Ziele verfolgt, bleibt der Kompromiss hingegen "weit hinter den Erwartungen zurück. Insbesondere die Chance auf eine höhere Aufenthaltsqualität und verbesserte Verkehrssicherheit wird vergeben, da sich weiterhin Fuß- und Radverkehr Richtung Schönleinsplatz einen zu engen Platz teilen müssen", so der Vorsitzende Andreas Irmisch. Immer mehr Kommunen setzten auf autofreie oder autoarme Innenstädte und hätten damit positive Erfahrungen gemacht - "insbesondere auch aus Sicht des dortigen Handels".

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