Wer ist denn bei allem Ernst der Lage noch zu Scherzen aufgelegt? Ein Tor, der noch lacht! Die Ausnahme: Beim Astor. Der Wortakrobat aus Münchens Norden eröffnete am Mittwochabend den zweiten Reigen der Veranstaltungen auf der Böhmerwiese, kalauerte sich durch die rätoromanische Sprachenfamilie, lauerte auf Gesten im Publikum, um dazu einen Spontan-Witz zu schneide(r)n. Das gelang von der ersten Pointe da, schon kullerten die ersten Freudentränen die Wangen hinunter. Diese Schleusen schlossen erst Minuten später, die Himmelpforten dagegen waren den rund 200 Besuchern wohlgesonnen.

200 Besucher? Die Corona-Unsicherheit ist an jeder Ecke spürbar, auf dem gesamten Festareal der Gärtnerfamilie Böhmer mit allen den Vorgaben eines ausgeklügelten Hygienekonzeptes, beim Veranstalter, beim Künstler und bei den Besuchern hinter ihren Masken. Hatte Willy Astor fast auf den Tag vor einem Jahr mit seinem Wortspielereien noch fast 800 Besuchern auf die Seebühne von Bad Staffelstein gelockt, blieb der Ansturm in Bamberg überschaubar. Was auch für den Kassensturz gilt. Viel Gewinn werden die zwei Veranstaltungswochen nicht abwerfen. Aber noch mag Gay Heyder vom Veranstaltungsservice Bamberg noch keine Bilanz ziehen. "Schauen wir mal, was bis Sonntag noch alles kommt."

Mit Willy Astor verbindet die Heyders eine langjährige Freundschaft. "Vor 35 Jahren schon haben die mich als Allererste bei meinem ersten Ausbruch aus Oberbayern da schon irgendwo am Hafen veranstaltet. Und dann bleib ich treu und bleib loyal." Zwischenzeitlich ist der Astor auch schon bei privaten Familienfeiern aufgetreten und auch bei der Absage wegen des Dauerregens am Sonntag hat er sich persönlich um den Ersatztermin bemüht.

Auch wenn es Solo-Künstler derzeit leichter haben, auch ein bekannter Kabarettist wie der 58-Jährige, der am Sonntag 59 wird, hat viele offene Seiten im Terminkalender, wie er zum Ende der Show preisgibt. "Ab Oktober habe ich keine bestätigten Termine mehr." Und dann wird's melancholisch. Der einstige Werkzeugmacher bei BMW greift zur akustischen Gitarre und mutiert vom Phrasen-Reißer zum ernsthaften Musiker, der das Programm mit den "Sounds of Islands" ausklingen lässt und ein Loblied auf sein großes Vorbild Reinhard Mey anstimmt.

Doch in den 90 Minuten zuvor hatte der Witzbold, der Willy Michl, in ihm triumphiert. Er verballhornt sein Publikum ("Bei Tageslicht schaut man in die Gesichter und da braucht es schon eine gewisse Grundtoleranz" - "Klogänge sind bei mir gefürchtet"), feixt mit den Böhmers auf den Logenplätzen ihrer Terrasse, kämpft gegen den Glöckner von St. Otto an, veräppelt Zuspätkommer ("Was war los? Die anderen haben es doch auch pünktlich geschafft."), macht sich über das illuminierte Gewächshaus als Rotlichtviertel und die ausgestellten Fahrzeuge eines Sponsoren lustig. Die Versöhnung erfolgt während der Pause und nach dem Auftritt, da sich Astor leutselig und geduldig auf Gespräche, Fotos und Autogramme einlässt.

Dazwischen Gags und Pointen wie die Perlen an der Kette. Manche schon ausgelutscht, andere brandneu, weil während des Lockdowns entstanden ("Mein Klopapier, meine Wertpapieranlage"). Auch dabei verhunzt er die Hits vieler Kollege in der ihm eigenen Weise mit neuen Texten, jongliert einzigartig mit Phonetik und Semantik, was bei konzentriertem Zuhören zum großen Vergnügen wird. Kostprobe? Wer errät das Getränk, wenn es im doof-genialen Spirituosen-Gag, einer Schnapsidee einer Selbsthilfe-Grappa, darum geht, dass "er die Jeans a on hot". Nicht weniger unterhaltsam die frivole Autotour oder die A-Story oder die erotische Franken-Hymne mit lauter harten Bs.

Selbstironie und Saitenkünste

Stets als Spracherforscher unterwegs sprühte Astor auch vor Selbstironie. "Es gibt in der deutschen Sprache keinen größeren Widerspruch als ,Urlaub mit Kindern'." Als dreifacher Vater wisse er, wovon er rede. "Ich habe eben so einen hinter mir und brauche nun eine Kur." Oder der Rap über die (Ba-) Chiller im Kinderzimmer/Hotel Mama: Pupertier is in the house ("Ordnung ist das halbe Leben, der andere Teil ist mir gegeben".). Astors Saitenkünste klingen beim Welthits-Medley an, wobei die Texte selbstredend von ihm durch die Mangel genommen werden. So wird aus einem Abba-Hit die Einladung zum Hochzeitstag, wenn das Ehegespons verdonnert wird, dass "wir heute bei Esso ess". Keiner bleibt verschont - von Trini Lopez über Prince bis Helene Fischer.

Die 200 Besucher goutierten die Gags und Wortspiele voller Begeisterung, egal ob geistreich oder banal. Sogar ein leidenschaftlicher Clubfan zollte dem Komponisten der Bayern-Hymne "Stern des Südens" höchste Anerkennung. Mehr Bewunderung kann ein Franke nicht verteilen.

Nach dem Dampfhammer-Franken Bembers am Donnerstag gastieren am Freitag, 4. September, noch Arnd Rühlmann als Hanuta Gonzalas sowie "Chapel, Hyde&Porzel" am Samstag sowie "Chapeau Claque" und "Viva voce" am Sonntag.