Die Blattkanten eines Gebetbuchs bearbeitet Regine Ullein mit feinem Schleifpapier. Dann greift sie nach den Aquarellfarben, die auf ihrem Werktisch stehen. Schon trägt die Buchbinderin mit einem Haarpinsel keltische Ornamente auf, die einmal dunkelblau und orange auf dem Buchschnitt leuchten sollen. "Mit diesem Geschenk möchte eine Patentante ihren 16-jährigen Neffen nach der Firmung überraschen", berichtet Regine Ullein."Und meine Idee war's, dazu einen modernen Ledereinband anzufertigen, auf dem keltische Knoten auf den heiligen Patrick als irischen Nationalheiligen anspielen." Passend zum Namen des Firmlings.

Wiege des Buchdrucks
Gerade ist bei der Buchbinderin, die zu den letzten drei Bamberger Vertretern eines aussterbenden Handwerks zählt, die Nachfrage nach individuell umgestalteten Gebetbüchern groß. Auch Familienstammbücher, Schreibbücher, Fotoalben und Hochzeitsbücher lassen viele Franken in der Unteren Sandstraße 6 veredeln, wo Regine Ullein ihr "BuchWerk" im Sinne einer alten Bamberger Tradition führt. So konnte sich die Domstadt dank Albrecht Pfister im 15. Jahrhundert ja als Wiege des Buchdrucks rühmen. Die ersten deutschsprachigen Werke, gesetzt mit beweglichen Lettern, entstanden hier. Wobei der Kleriker, der als erster Buchdrucker außerhalb von Mainz arbeitete und als erster seine Bände mit Abbildungen (Holzschnitten) illustrierte, bis 1466 im Haus am Sonnenplätzchen 2 lebte.

Zurück zu Regine Ullein, die gerade wieder telefoniert. Von einer Kundin erfährt sie Lieblingsfarben und -materialien einer Freundin, deren Schreibbuch die Buchbinderin in Kürze in der Mache hat. Ein anderes Unikat, das aus dem Rahmen fällt, bekam Paul: der wohl jüngste Abnehmer, für den sich die 52-Jährige je kreativ zeigte. Ein Bär prangt auf dem Einband, nein, klettert aus dem Fotoalbum, das der Kleine zur Geburt geschenkt bekam. "Mir liegt daran, Büchern einen ,Körper' zu geben, der zum Besitzer einen besonderen Bezug hat." Wobei sich Regine Ullein selbst bei modern gestalteten Arbeiten an die Techniken hält, "die schon im Mittelalter gebräuchlich waren".


Gästebuch mit Klaviertasten
Auf kreative Weise gab die Wahlbambergerin auch dem Gästebuch des E.T.A.-Hoffmann-Hauses den letzten Schliff: Dem Tafelklavier, auf dem der in Bamberg so unglücklich verliebte Künstler spielte, empfand Ullein das Unikat nach. "So klappt man mein Buch auch auf wie ein Klavier und blickt auf die schwarz-weißen Tasten, die allerdings nichts zum Klingen bringen."

Kein Wunder, dass das Bayerische Fernsehen auf die Buchbinderin aufmerksam wurde, die am 1. Februar ab 19 Uhr in "Unter unserem Himmel" vorgestellt wird. Dann wird vermutlich auch das Gästebuch zu sehen sein, bei dem sich Regine Ullein vom denkmalgeschützten Kölner Wasserturm inspirieren ließ. "Ich wollte mal ein Buch kreieren, das nicht wie ein Buch aussieht", meint die Wahlfränkin mit einem Schmunzeln. 28 Zentimeter hoch ist ihre Version des ursprünglich 35 Meter hohen Backsteinbaus - und für 800 Euro erhältlich.


Vor laufender Kamera
Gefilmt wurde auch ein anderes "Spaßprojekt" der Buchbinderin, das teilweise sogar vor laufender Kamera entstand. Eine "Schach-tel" mit einem Pferdekopf als Griff und Füßen aus weiteren Schachfiguren. Dazwischen eine kleine Bühne, auf der ein vermutlich schachbegeistertes Paar der nächsten Partie entgegenfiebert.

Den Alltag der Buchbinderin bestimmt allerdings das Restaurieren historischer Werke. Eine Bibel aus dem Jahr 1529 liegt auf dem Werktisch und wartet nur darauf, bearbeitet zu werden: "Ich analysiere die vorliegenden Schäden, um anschließend beispielsweise fehlende Stücke im Ledereinband oder dem darunter liegenden Holzdeckel zu ergänzen", sagt Regine Ullein. Ein altes Buch anzusehen, sei für sie, "als blicke ich durch ein Fenster in die Vergangenheit". In eine Vergangenheit, in der Bücher noch von Hand geschrieben wurden und "für manchen kostbarer als ein Menschenleben waren".
Welche Geschichten zog die Wahlfränkin schon aus historischen Werken: Geschichten, die kein Autor ersann. So zeigen Randnotizen, wie sich ein Leser vor 100 oder 300 Jahren mit einem Buch auseinandersetzte. Während ein Petroleumfleck an die Zeit erinnert, in der Menschen noch im Schein einer Petroleumlampe schmökerten.


Im Fernsehen
Im Bayerischen Fernsehen läuft in der Reihe "Unter unserem Himmel" am 1. Februar ab 19 Uhr ein Beitrag über alte Handwerksberufe, in dem neben Regine Ullein u. a. auch der Glasgraveur Rüdiger Schmiedel vorgestellt wird. 1993 gründete er in Bamberg eine eigene Schleiferei und ist bis heute in der Unteren Sandstraße 2 zu finden.