Einer der schönsten Momente bei ihren diversen ehrenamtlichen Aktivitäten war für Johanne Scharnick, als ihr Vorlesepatenkind ihren Schulranzen öffnete und verkündete, dass sie heute vorlesen werde. Seit fünf Jahren besucht Scharnick die türkischstämmige Familie, liest mit den Kindern Märchen und Geschichten von Paul Maar und gerade "Katrin streng geheim", einen Roman aus den 1980er Jahren von Brigitta Bergman. "Beim Vorlesen stellte sich heraus, dass der Junge in der Geschichte blind ist." Genau wie Johanne Scharnicks Lesepatentochter. Der Moment, als ihr das siebenjährige Mädchen zum ersten Mal vorlas, war besonders: "Sie holte ein ganz weißes Buch aus ihrem Schulranzen und las.
Das war einfach beglückend", berichtet die 53-jährige Lesepatin.


Verbrannte Zeit und sinnerfüllte Zeit

Kurz darauf habe das Mädchen ihr sogar eine Geschichte geschrieben, auf der Blinden-Schreibmaschine. "Ich habe den Zettel, kann die Punktschrift aber nicht lesen." Genau so wenig, wie sie Türkisch versteht - bei Familienfesten ist Scharnick die einzige Deutsche. Sie lacht. Das Ehrenamt gibt ihr viel. Manchmal ist es anstrengend, aber es sei eine sinnvolle Art, Zeit zu nutzen. Die Bambergerin freut es, dass ihre beiden Kinder sich auch ehrenamtlich betätigen. Übermäßiger Medienkonsum verbrenne diese Option des Zeitvertreibs, glaubt die Verwaltungsangestellte, die mit ihrer Zeit genau haushalten muss.
Vorlesepatin wurde sie über einen Aufruf der Arbeiterwohlfahrt Awo, aber sie engagiert sich auch im Sport und der Musik. Vor allem die Chöre Musica Canterey Bamberg und der Kirchenchor St. Stephan sind ihr wichtig. Dabei schaffte sie eine Verbindung ihrer Ehrenämter: Sie fand einen Sponsor - dadurch bekommt ihre blinde Lesepatentochter nun Klavierunterricht.