Ein grauer Schlitz am Scheitelpunkt eines gotischen Fensters: Christa Smith kennt die Stelle sehr genau, wo Anfang November ein tellergroßer Brocken aus dem Gewölbe der Michaelskirche herausbrach und den Glauben an die Standfestigkeit eines Bamberger Wahrzeichens erschütterte. Die treue Kirchgängerin saß in den letzten 30 Jahre unzählige Sonntage genau gegenüber auf der Kirchenbank: "Wäre das während des Gottesdiensts passiert, dann hätte es jemanden getroffen."

Doch es sind weniger die Ortskenntnisse, die Christa Smith veranlasst haben, sich an die Redaktion dieser Zeitung zu wenden. Eher ist es schon eine Diagnose. Die Frau, für die die Michaelskirche so etwas wie eine zweite Heimat geworden ist, sieht einen Zusammenhang zwischen der Zunahme der Bauschäden in jüngster Zeit und den aus ihrer Sicht erheblichen Erschütterungen im Zusammenhang mit der Anlage eines neuen Weinbergs unmittelbar an der Südseite der Kirche.

Eine kühne Theorie? Die alte Bambergerin stützt sich in ihren Schlussfolgerungen auf ihre eigenen Beobachtungen in der Kirche und auf dem Weinberg, der damals noch eine Streuobstwiese war: "Ich konnte miterleben, wie die 84 Bäume mit Hilfe schwerer Maschinen gerodet wurden. Und kurze Zeit später habe ich gesehen, wie sich die Risse im Langhaus vergrößert hatten." Für Smith liegt der Grund für die aktuellen Schäden auf der Hand: Die Michaelskirche, nach historischen Quellen schon 1117 Opfer eines Erdbebens in Italien, steht auf fragilem Untergrund.

Hört man sich bei den Nachbarn am Michelsberg um, so war der Bau des über 300.000 Euro teueren Weinbergs tatsächlich mit Erschütterungen verbunden. Allerdings weniger bei der in einer Nacht- und Nebelaktion vollzogenen Rodung als im Winter danach, als die tief gegründeten Schotterwege in den Hang hinein planiert wurden. Dieter Martin, der in der Senke unterhalb der Kirche wohnt, berichtet von schweren Raupen und Baggern, die im Einsatz waren. "Das hat manchmal ganz schön gerumpelt."

Doch reicht das, um in einem mittelalterlichen Bauwerk von solcher Größe Schäden auszulösen oder bstehende zu verschlimmern? Immerhin liegt die Südfassade der Kirche einige Meter oberhalb des Weinbergs und wird von diesem durch eine Terrasse mit Mauer getrennt.


Fragwürdige statische Methoden
Darüber gehen die Meinungen auseinander. Einer, der klar nein sagt, ist der Statiker Günter Döhring aus Kulmbach. Für ihn gibt es keinen belegbaren Grund, anzunehmen, dass die zunehmende Rissbildung tatsächlich in einem Zusammenhang mit Erdarbeiten in jüngster Vergangenheit stehen könnte. "Das, was wir hier sehen, sind alles Altschäden", sagt der Experte, der sich in seinen Erkenntnissen auf ausgiebige Untersuchungen im Dachstuhl, an Langhaus, Gewölbe und den beiden Türmen stützen kann. Für ihn sind die Risse und Verwerfungen ein Erbe der wechselvollen Geschichte der Klosterkirche. An ihr erprobten sich Baumeister aller Jahrhunderte, von der Romanik bis zum Barock - teils mit fragwürdigen statischen Methoden.

Doch auch Döhring weiß, dass im Untergrund von St. Michael noch einige Überraschungen schlummern können. So sei nicht auszuschließen, dass St. Michael wie manche andere Kirche auf einem Hügel auch auf einer Felskuppe errichtet wurde. Das würde bedeuten, dass sie in der Mitte aufsitzt, während die Enden nach unten in weichere Sedimentschichten ziehen - keine sehr günstige Position, um die Jahrhunderte unbeschadet zu überstehen. Immerhin: Die Erdbeben, die im Mai Oberitalien erschütterten und den Wert von 5,9 auf der Richterskala erreichten, haben den Michelsberg nachweislich unbewegt gelassen, während in der Bayreuther Stadtkirche Schwingungen zu verzeichnen waren.

Um sich Klarheit über die Verhältnisse unter dem Kloster zu verschaffen, sind Bodenuntersuchungen in den nächsten Monaten wohl unerlässlich. Ein solches Gutachten empfiehlt auch der Bamberger Statiker Günther Bien. Er hat die Erfahrung gemacht, dass massige Bauteile zwar mit einer gewissen Trägheit reagieren, ab einer gewissen Schwelle aber auch sehr empfindlich. Einen Zusammenhang zwischen den Planierarbeiten am Weinberg und den Schäden in der Kirche mag er nicht ausschließen. Aus seiner Erfahrung werden die Folgen von Erschütterungen für die Bausubstanz allgemein unterschätzt, was auch der Blick nach Bamberg zeigt. So gibt es bekanntlich viele Häuser in der Altstadt, die unter den Vibrationen des Verkehrs leiden. Auch Kanalarbeiten in der Nachbarschaft können ungeahnte Schäden auslösen: Bien: "Es gibt Fälle, wo Häuser dadurch regelrecht zerrissen wurden."