Männer, Frauen, Kinder, Jugendliche. Zu Tausenden eingepfercht in einem hoffnungslos überfüllten Lager in selbstgebauten Behausungen. Es mangelt an Wasser, Essen, Toiletten, medizinischer Versorgung. Solche schockierenden Bilder aus dem griechischen Flüchtlingslager Moria erreichen uns bereits seit mehreren Jahren. Nun ist das Camp abgebrannt, in dem zuletzt über 12 000 Menschen lebten. Laut griechischen Behörden hätten Bewohner das Feuer gelegt. Die Situation hat sich trotz eiliger Errichtung eines neuen Lagers weiter verschärft.

Während eine gesamteuropäische Lösung nicht näher scheint als im Jahr 2015, hat sich Deutschland bereit erklärt, etwa 1500 Menschen aufzunehmen - nach dem Willen des Innenministers Horst Seehofer (CSU) nur unbegleitete Minderjährige und anerkannte Asylbewerber.

Laut den Bamberger Grünen reiche die signalisierte Bereitschaft des Bundes nicht: "Wenn wir sagen, Europa soll Verantwortung übernehmen, dann gilt das nicht nur für die EU und deren Mitglieder - auch Bamberg ist Europa", sagt Zweiter Bürgermeister Jonas Glüsenkamp (Grünes Bamberg). Unter dem Motto "Wir haben Platz" setzt sich seine Partei gemeinsam mit Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD), ÖDP und Volt dafür ein, dass sich der Stadtrat in der kommenden Sitzung am 30. September dazu bereit erklärt, einen Teil der Geflüchteten aus Moria aufzunehmen.

Sie sollen in den drei dezentralen Unterkünften untergebracht werden, in denen laut Glüsenkamp derzeit 42 Plätze frei sind - und nicht im Ankerzentrum. "Es ist nicht zielführend, ein System zu nutzen, das schließen soll", kommentiert Glüsenkamp im Hinblick auf die in Aussicht gestellte Schließung der Ankereinrichtung im Jahr 2025. Bereits im März 2019 erklärte sich Bamberg neben über 170 weiteren deutschen Städten per Stadtratsbeschluss als "sicherer Hafen" - also dazu bereit, Geflüchtete aufzunehmen. Dies solle nun angesichts der akuten Notlage in Moria bekräftigt werden.

Das sagt die CSU

Das tat der Bayreuther Oberbürgermeister Thomas Ebersberger (CSU) bereits in der vergangenen Woche, mit den Worten: "Unser Angebot steht". Sein Bamberger Parteikollege Peter Neller, Vorsitzender der CSU-BA-Fraktion, hält solche Resolutionen hingegen für sinnlos. "Diese Menschen erleiden ein schlimmes Schicksal und natürlich wirkt man sympathisch, wenn man sich dafür ausspricht, zu helfen", sagt Neller. Es liege aber nicht in der Macht der Stadt Bamberg, über die Aufnahme zu entscheiden. "Die große Politik wird woanders gemacht." Tatsächlich hat Bamberg keine konkrete Handhabe. Über eine etwaige Verteilung entscheidet der Bund. Eine Signalwirkung kann aber von Kommunen ausgehen. So erklärten etwa die Oberbürgermeister von zehn deutschen Städten bereits kurz nach dem Brand, sie seien bereit, Geflüchtete aufzunehmen. Inwieweit dies die Entscheidung der Bundesregierung beeinflusste, ist freilich nicht zu messen.

Sollte der Bund der Stadt Geflüchtete aus Moria zuweisen, "werden wir uns mit Sicherheit nicht dagegenstellen", sagt der Bamberger CSU-Vorsitzende Neller.

AfD: "Gibt keinen Grund"

Anders die AfD Bamberg: "Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund", sagt Vorsitzender Jan Schiffers. Er verweist auf Brandstiftung als vermutliche Ursache für die "derzeitige missliche Lage". Nun Migranten aufzunehmen, würde ähnliche Fälle nach sich ziehen. Schiffers appelliert: "Wir sollten uns im Stadtrat um die Belange Bambergs kümmern. Es ist nicht Aufgabe deutscher Kommunen, globale Themen zu lösen."

Daniela Reinfelder, Vorsitzende der Fraktion aus BuB, FW und FDP, ist hingegen durchaus der Meinung, dass dieses Thema im Stadtrat diskutiert werden sollte. Sie fordert eine Beteiligung aller Städte und Kommunen in Deutschland. Wie die Grünen hält sie eine Unterbringung im Ankerzentrum für falsch: "Wir können maximal einige Familien dezentral in Gemeinschaftsunterkünften aufnehmen". Laut der Regierung von Oberfranken ist dies ohnehin nicht möglich, da Deutschland sich bisher nur bereit erklärte, unbegleitete Minderjährige sowie Asylbewerber, die bereits anerkannt sind, aufzunehmen. "Für diesen Personenkreis ist die AEO nicht vorgesehen", erklärt ein Sprecher. BuB-Rätin Reinfelder will sich vor allem für junge Menschen einsetzen: "Wann immer es notwendig ist, Kindern zu helfen, müssen wir aktiv werden." Sie wolle daher prüfen, inwieweit unbegleitete Minderjährige im von Don Bosco betriebenem pädagogischen Jugendwerk Wolfsschlucht untergebracht werden könnten.

Wolfsschlucht ist aufnahmebereit

"Wir sind grundsätzlich immer bereit, Jugendliche aufzunehmen. Wir haben die Kompetenz, die Erfahrung und auch Kapazitäten", sagt Milan Krieglstein, der Leiter des Jugendhauses. Der Betreiber Don Bosco positioniere sich auch politisch. Bereits am kommenden Samstag sollen etwa im Rahmen der Aktion "Bamberg, sicherer Hafen" auch in der Wolfsschlucht Rettungsringe aufgehängt werden. Nicht wenige Mitarbeiter unterstützten zudem privat Aktionen für die Flüchtlingshilfe. Krieglstein ist überzeugt, dass die Kinder aus Moria betreut werden müssen. "Die sind schwer traumatisiert - nicht nur von der Flucht, sondern auch von ihrer Ankunft in Europa."

In der Wolfsschlucht bekämen junge Menschen ein sicheres Dach über dem Kopf sowie die Möglichkeit, Beziehungen zu anderen Jugendlichen aufzubauen. Ein großes Netzwerk an Patenschaften biete Chancen für die Zukunft. Krieglstein habe bereits viele gute Beispiele erlebt. "Mit einem Jugendlichen, der 2014 kam, habe ich immer noch privat Kontakt", erzählt er. Der Betreute habe inzwischen Kfz-Mechatroniker gelernt, sei in Bamberg angekommen und könne nun sein eigenes Leben leben. "Die jungen Menschen brauchen unsere Unterstützung. Es wäre schade, wenn wir unsere Erfahrungen in diesem Bereich nicht nutzen würden."

Kommentar: Zeit zu handeln

Selbst wenn die sechs von der griechischen Polizei festgenommenen Moria-Bewohner das Feuer gelegt haben, ist dies kein Grund, Abertausende im Elend alleine zu lassen. Für eine gesamteuropäische Lösung war nun fünf Jahre lang Zeit. Fünf lange Jahre, in denen Menschen weiter vor Hunger, Krieg und Verfolgung aus ihrer Heimat geflohen sind - trotz der immer menschenverachtenderen Abschottungspolitik (Türkei-Deal, überfüllte Lager, aktive Behinderung der Seenotrettung).

Jetzt ist es Zeit zu handeln - Viktor Orbán hin, Andrzej Duda her. Der Bund hat seine Bereitschaft erklärt, einen Teil der Menschen aus dem humanitären Katastrophengebiet innerhalb Europas zu befreien. Dem zuvor kam eine Erklärung von "unten", von zehn deutschen Städten. Nun müssen weitere Kommunen folgen und sagen: Wir sind Europa. Wir verteidigen unsere Werte, indem wir helfen. Wir haben jene Kapazitäten und Erfahrungen. Denn: Sollten unsere Enkel einmal wegen lebensbedrohlicher klimatischer Veränderungen, Armut oder Krieg zur Flucht gezwungen sein - was wünschen wir uns für ihr Leben in der Fremde? Brücken und offene Arme oder Stacheldraht und leere Bäuche?