Man kannte ihn als Geschäftsführer eines Thurnauer Recyclingunternehmens. International tätig war Hans Taubenberger, der aus Oberbayern stammt und als Wahlfranke mittlerweile in Bischberg lebt. Dann, mit 65 Jahren, der Abschied vom Berufsleben, der für den Familienvater aber keineswegs in den Ruhestand führte: Sondern zurück auf die Schulbank, die Taubenberger wieder drückte, um sich einen Jugendtraum zu erfüllen und Abitur zu machen. Was mittlerweile ebenfalls abgehakt ist, während sich der 68-Jährige neuen Vorhaben widmet, die ihn auch nach Chile führen.


Gegen den Strom

Ja, als kreativer Mensch schwimmt Taubenberger nicht unbedingt im Strom und lebt sein Leben in konventioneller Reihenfolge. Warum aber strebte der Wahlfranke, der auf der Karriereleiter schon ganz oben stand, nicht früher die allgemeine Hochschulreife an? "Meine Eltern hatten in Fischbachau - meinem Heimatort - ein Fuhrunternehmen, das ich als ältester Sohn übernehmen sollte. Und dazu braucht man kein Abitur, nur eine Kfz-Lehre, die ich nach dem Volksschulabschluss machte."

Letztendlich entschied sich Taubenberger doch gegen eine Weiterführung des Familienbetriebs, bildete sich stattdessen weiter (Mittlere Reife) und ging eigene Wege: in der Chemisch-Technischen Industrie, in der sich der Praktische Betriebswirt zum Geschäftsführer eines Tochterunternehmens der Freudenberg Gruppe hocharbeitete.

Immer wieder drängte es den Familienvater dennoch zu Veränderungen, neuen Herausforderungen. So kam Taubenberger vor fast 20 Jahren nach Franken, "wo ich für den Aufbau des Thurnauer Unternehmens PDR Recycling verantwortlich war". Den Umweltpreis des Bundesdeutschen Arbeitskreises für Umweltbewusstes Management heimste der Wahlfranke 2005 als PDR-Geschäftsführer ein. Sechs Jahre später der Wechsel: Vom oberen Ende der Karriereleiter zurück zum Anfang - dem Erwerb der allgemeinen Hochschulreife, mit der man normalerweise ins Berufsleben startet.


In Englisch "derbröselt"

"Ich habe wohl ein Jahr gebraucht, um das Lernen wieder zu lernen", meint Taubenberger. "Während mich meine Tochter, die parallel dazu ihr Abi am E.T.A.-Hoffmann-Gymnasium machte, für verrückt erklärte." Vier Jahre lang büffelte Taubenberger für den Abschluss, den er per Fernunterricht bei der Studiengemeinschaft Darmstadt nachholte. "Ich lernte selbst in Urlauben, im Flugzeug, im Hotel, am Strand." Bis endlich die vier schriftlichen (Englisch, Politik/Wirtschaft, Mathe und Deutsch) und vier mündlichen Prüfungen (Biologie, Italienisch, Geschichte und Geographie) anstanden: "Und weil's mich ausgerechnet in Englisch derbröselt hat, kam ich letztendlich über einen Notendurchschnitt von 3,5 nicht hinaus", so Taubenberger.

Auch das ist mittlerweile Geschichte, ebenso wie erste Pläne des Wahlfranken, Soziologie zu studieren. "Wie ich mich kenne, hätte ich danach vermutlich noch meinen Doktor machen wollen und wäre weiter und weiter um mich selbst gekreist." Stattdessen möchte der 68-Jährige sein Augenmerk auf gesellschaftliche Belange richten. So engagiert er sich als Schöffe, ist in beratender Funktion beim Verein Deutscher Ingenieure, beim Bayerischen Umweltinstitut und den Aktivsenioren tätig. Wobei sich der Abiturient im Rahmen seines ehrenamtlichen Wirkens nun vor allem auf eine im Frühjahr geplante Reise nach Chile freut: "Als Mitglied des Senior Experten Service (SES) bot man mir an, beratend an einem Kunststoffrecycling-Projekt teilzunehmen."


Zither spielen

In der noch verbleibenden Freizeit spielt Taubenberger leidenschaftlich gern Zither, Tennis, unternimmt Bergwanderungen, radelt und fährt Ski. Welche Lebensdevise hält den Unruheständler wohl auf Trab, wollten wir zuletzt noch von ihm wissen und wurden an Richard David Precht weiterverwiesen: "Fragen stellen zu können, ist eine Fähigkeit, die man nie verlernen sollte. Denn Lernen und Genießen sind das Geheimnis eines erfüllten Lebens: Lernen ohne Genießen verhärmt - Genießen ohne Lernen verblödet."