Mit Spannung erwartet wurde das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen Christoph Matern zu der 77-Jährigen, der die Brandstiftungsserie zu Jahresbeginn in Lichteneiche zur Last gelegt werden. Der als Zeuge im Sicherungsverfahren geladene Sachverständige sieht bei Regina S. (Namen geändert) eine mittelschwere Demenz. Im Gegensatz zur Fachärztin aus der Klinik in Taufkirchen hält er sie nicht für voll, sondern nur teilweise geschäftsfähig. Wenn der Frau ein beruflicher Betreuer zur Seite gestellt würde und die Familie sich, so wie an vorherigen Verhandlungstagen angedeutet, um sie kümmern würde, wäre auch für ihn eine Zukunft in einer eigenen Wohnung darstellbar.

Im Verfahren käme zumindest beim letzten Brand der Serie aufgrund der demenziellen Erkrankung und dem Genuss von Alkohol bei Regina S. Strafunmündigkeit in Betracht.

Doch bevor der Sachverständige vor der Zweiten Strafkammer des Landgerichts Bamberg gehört wurde, musste ein Hausmeister erneut in den Zeugenstand. Eine 77-jährige Nachbarin von Regina S. hatte am vorangegangenen Verhandlungstag mit ihren Angaben für Aufsehen gesorgt: Sie will die Beschuldigte an einem Tag, an dem es nicht brannte, zweimal bei den Müllcontainern der Schlesienstraße 66 gesehen haben, wie sie mit einem Feuerzeug oder ähnlichem spielte. Bei der Polizei war das nicht zur Sprache gekommen. Wohl aber bei dem Hausmeister.

In dem von Vorsitzendem Richter Manfred Schmidt geleiteten Verfahren bedurfte es einiger Anläufe bis der Hausmeister Konkretes äußerte: "Bei den Bränden, wenn Ihnen jemand erzählt, dass jemand mit Feuer rumspielt, hätten Sie sich daran erinnert?", fragte Verteidiger Andreas Dräger. Erst darauf eine Antwort: "Schon, ja."

Eine von vielen weitere Zeugen dieses Verhandlungstages war eine Nachbarin, die im Haus zwischen den Mehrfamilienhäusern wohnt, in deren Kellern es brannte. Die Onlinehändlerin sagte zur Beschuldigten, man kenne sich gut, weil die 77-Jährige immer wieder mal Ware analog gekauft hatte.

Mit Zahlen und Geld sei die Kundin total gut zurecht gekommen, erklärte die Zeugin auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters. Bei einem der Müllhausbrände schilderte sie, wie Regina S. zu ihrem Balkon gekommen sei und geäußert hätte, "wer macht denn so was?" S. habe auch gesagt, sie habe das Feuer als erste gesehen, gehe aber nach Hause, "sie möchte damit nichts zu tun haben".

Für Aufschluss sorgten dann Fotos zum Müllhäuschenbrand bei Schlesienstraße 68 am 14. Februar, zu dem ein Polizeibeamter gehört wurde. Entgegen bisheriger Schilderungen war zu erkennen, dass die Tür bei 180 Grad auch von selbst offen stehen bleibt. Der Beamte erwähnte auch, dass in Grünanlagen und auf dem Gehweg überall Zigarettenkippen waren.

Weil sie auf dem Balkon rauchten, so ein Bewohner aus der Nummer 68 im Zeugenstand, hatten sie die Beschuldigte am 14. Februar in eben dem Müllhäuschen gesehen. Wie S. Müll hinbrachte und "rumorte", so die Übersetzerin. Etwa zehn bis 20 Minuten später, brannte das Müllhaus.

Insgesamt zehn Zeugen

Nach neun Zeugen vor ihm (zwei waren nicht erschienen, auf zwei verzichtete das Gericht) wurde Christoph Matern als Psychiatrie-Sachverständiger und Gutachter gehört. Er hatte die Beschuldigte kurz nach dem letzten Brand am 19. Februar untersucht, dann Anfang Mai und Mitte August in Taufkirchen. Man habe eine ganz ungewöhnliche Situation, stellte er fest: Eine Frau, die viele Dinge geschafft habe, bis 76 nicht aufgefallen sei und keine wesentlichen Vorerkrankungen hatte. Es gebe nun Befunde: Tendenziell laufe es "in eine mittelgradig demenzielle Entwicklung rein".

Eine Veränderung der Persönlichkeit falle auf: die Unfähigkeit, sich selbst kritisch zu sehen. Zum Befund fasste Staatsanwalt André Libischer zusammen: Also mittelgradige Demenz und organische Bewusstseinsstörung.

Menschen, die kognitiv eingeschränkt sind, werden leichter überfordert, und es kommt zu Übersprungshandlungen, stellte der Gutachter dann weiter fest. Überforderung, das könne die Situation sein, sich um den Lebensgefährten zu kümmern. Das tat Regina S. 16 Jahre lang. Warum aber Brandstiftung, fragte Manfred Schmidt, "gibt es da eine Erklärung?" Ein Zeichen, ein Signal für die eigene Überforderung, erwiderte der Gutachter darauf. Überforderung erkenne man erst im Nachhinein, gab er weiter zu verstehen. Schmidt deutete an, dass der Tatnachweis für die sechs Fälle bislang schwierig sei, eventuell möglicherweise nur ein singuläres Ereignis, bei dem nachweislich Alkohol im Spiel war, übrig bleiben könnte.

Staatsanwalt Libischer interessierte die Gefahrenprognose. Wenn nun Überforderung wegfalle, da der Lebensgefährte in einem Heim untergebracht ist, und die Familie sich um die Frau kümmere, ihr Entscheidungen abnehmen würde? "Man könnte als Sicherheitsstufe noch einen Berufsbetreuer einbauen", meinte der Gutachter dazu.