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Kultur

"Goldene 20er": Bamberger warnen auch vor Schattenseiten

Das zehnte Bamberger Zirkus-Varieté verzückte 1500 Zuschauer im Giovanni-Zelt. Die Künstler bezogen auch politisch eindeutig Stellung.
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Atemberaubend am Stage Pole: Andrea Spenninger bot wie in den letzten Jahren Artistik auf höchstem Niveau. Foto: Bertram Wagner
Atemberaubend am Stage Pole: Andrea Spenninger bot wie in den letzten Jahren Artistik auf höchstem Niveau. Foto: Bertram Wagner
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Das Jubiläumsmotto "Goldene 20er Jahre" hielt, was es versprach: Bei der zehnten Auflage dieser Benefizveranstaltung boten die Künstler des Bamberger Zirkus-Varieté im Giovanni-Zelt des Jugendwerks Don Bosco ein top strukturiertes, zweistündiges Programm, bei dem die 49 Aktiven die insgesamt 1500 Besucher bei drei Aufführungen nicht nur auf eine Glanz- und Glamour-Zeitreise mitnahmen, sondern auch deutlich machten, dass diese Zeit politisch gesehen nie mehr kommen darf.

"Wir wollten ganz bewusst nicht nur Spitzenleistungen im Zelt bieten, es war keine Unterhaltung der leichten Art. Als Gruppe wollten wir Aussagen machen, das war schon eine dramaturgische Herausforderung. Die Gruppe hat dies sensationell umgesetzt", sagte Jörg Treiber alias Schorsch Bross als Regisseur und "Kopf" dieses Abends mit Tiefgang, der auch Weltwirtschaftskrise und Aufstieg der Nazis thematisierte. Nur die Blütezeit der Kunst und Kultur zu feiern, war den Varieté-Künstlern zu wenig.

Nazi-Figuren auf der Bühne

Urs Holzmeister, Dominik Oesterreicher und Pascal Thieme traten als Nazi-Figuren auf und brachten eine politische Dimension in diese glitzernde Varieté-Welt. Der Schatten, der schon über der "goldenen" 20er-Jahre-Welt lag, sollte fürs Publikum spürbar werden. Holzmeister: "Es fiel schon schwer, in diese Rolle zu schlüpfen. Wir haben vorher im Team spekuliert, ob wir vielleicht sogar ausgebuht würden, was an einer Stelle im Programm ja auch beabsichtigt war. Schließlich sollte auch das Publikum Stellung nehmen gegen Rechts."

Bei Emil Hartmann, dem Leiter des Don Bosco Jugendwerks, schlug nach dieser ganz besonderen Jubiläums-Gala auch das (Zirkus-)Herz höher: "Zunächst bin ich sehr dankbar für den Reinerlös, der dem Jugendhilfswerk zufließt. Immer mehr Artisten, die im Zirkus Giovanni gelernt haben, finden im Zirkus Varieté Anschluss, um auf hohem Niveau ihre Fähigkeiten weiter auszubauen. Der Traum von vor 14 Jahren, Künstlern und Nachwuchskünstlern jeden Mittwoch das Zelt zur Verfügung zu stellen und Inspirationen Raum zu geben, trägt wunderbare Früchte und bereichert darüber hinaus die Kultur- und Kunstszene weit über die Region hinaus." Stark beeindruckt habe ihn die Botschaft am Ende der Gala: "Ich geb' die Hoffnung niemals auf, irgendwo auf der Welt gibt es ein bisschen Glück."

Höchste Kreativität

Der (Bühnen)-Wechsel "Back Stage" mit "On Stage" sowie die ins Auge stechenden Requisiten wie die Schminktische bildeten mit der personellen Mischung aus bekannten Gesichtern und dem Nachwuchs das "20er"-Fundament, auf dem höchste Kreativität geboten wurde.

Dass es auch in dieser Trapez-Seil- und Jonglage-Welt noch Premieren gibt, bewies Maria Martin mit ihrer Partnerin Melissa Löser. "Mit dieser Idee, Jonglage und Akrobatik zu verbinden, wollte ich auch Grenzen sprengen. Wie weit kann ich gehen? Ich wollte Momente schaffen, die das Publikum berühren", sagte Maria und freute sich über die - in nur neun Monaten erprobte - "Freiheit oben jonglieren zu können" (während ihre Partnerin sie akrobatisch in die Luft hebt und dreht). Zu ihrem dritten Varieté-Auftritt produzierte sie sogar die Bälle selbst. Sie bohrte ein Loch ins Plastik, füllte die Bälle mit Salz und ließ Hohlräume. Mit diesen "russischen" Bällen gelang auch das Jonglieren am Fuß und Bein vorzüglich.

Giovanni statt Kentucky

Viele Künstler schwebten bei ihren Auftritten einige Meter über Maria. So auch Nathalie Girtgen am Trapez. Die 19-jährige Bambergerin hatte ein Jahr als FSJlerin in einer Zirkus-Bar in den USA verbracht. Statt Kentucky nun wieder Zirkus Giovanni! Noch eine Etage höher befand sich das Seil-Trio, das in der Vertikalen das Finale bot. Während das Kraftpaket Dominik Münch ("neben der Power ist das Mentale hinsichtlich der Verantwortung das Wichtigste") schon viel Erfahrung besitzt, war es für Anna Ulbricht und Aliuska Rudnik ("es ist nicht gefährlich, wenn man sich sicher fühlt") die Premiere.

Keine Bodenhaftung hatte auch Andrea Spenninger am Stage-Pole, die sich fast ausnahmslos in der Waag- und Senkrechten an der Stange hielt. Ihr Auftritt wurde mit einem Feuertanz eingeführt - nur ein Beispiel für die fantasiereiche Choreografie an diesem Abend.

Wedeln mit Federfächern

Die Live-Musik der Band (Leitung: Florian Ball) war mottogemäß von großer Beschwingheit. Natürlich durfte der Charleston nicht fehlen, der 20er-Jahre Tanz aus South Carolina, als Ohrenschmaus im Zirkuszelt. Und als dann noch Maria Beck als glamouröse Burlesque mit ihren Federfächern wedelte, schlugen nicht nur die Männerherzen höher. So reihte sich eine Nummer mit viel Leichtigkeit, Kraft und Eleganz an die andere. Auch das Publikum wurde wie immer miteinbezogen und mit Klangschalen und Windspielen versorgt.

Nach zehn Jahren ist sicher noch lange nicht Schluss! Wie immer wird im April das große Teamtreffen im Hause Treiber stattfinden: "Da werden Ideen gesammelt, Themen vorgeschlagen, dann abgestimmt und Stichworte gesammelt. Zu den 20ern hatten wir 150 Begriffe", verriet der "Macher". Ohne diese vielen Ideen wäre die Show sicher nicht zu dem "20er-Volltreffer" geworden.

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