Und dann haben wir doch noch Glück. Es ist gar nicht so leicht, bei annähernd 30 Grad Celsius jemanden zu treffen, der sich draußen aufhält. Zwar warteten zwei Mütter und ein Großvater bei der Kirche darauf, dass Kinder und Enkel von einer Ferienprogramm-Veranstaltung hierhin zurückgebracht werden. Aber eine Stunde für ein Interview ist da nicht drin, weil die Kids vermutlich nur noch heim möchten. Schade. So wollen die echten Erstbegegnungen, wie es bei der Tour eigentlich vorgesehen ist, nicht auf unserem Redaktionsstuhl Platz nehmen. Beim See, da könnten wir vermutlich mehr Menschen treffen, lautet der Tipp ans FT-Team. Also packen wir die Stühle wieder in den Wagen und wollen hinten auf der Mühlstraße wenden.

Das beäugt ein Mann kritisch. Wir fragen, ob nicht er eine Stunde Zeit für unser Interview hätte. Er sei nicht so interessant, aber sein Papa, sagt Remo. Und schon steht Friedrich Marr vor uns - und ist bereit. "Sie haben Glück, ich war bis vor kurzem noch auf der Baustelle", lässt der 71-Jährige wissen, als wir ihn auf das Redaktionsmöbel bitten. Remo holt sich seinerseits einen Stuhl aus dem alten Mühlhaus und schon sind wir mitten drin in Marrs Lebensgeschichte. Die würde er übrigens nicht anders haben wollen, verrät er. "Da hat einer Regie geführt und das nicht schlecht", ist er überzeugt.

Fort in die weite Welt

Friedrich Marr wurde als zweiter Sohn neun Jahre nach seinem Bruder in die Pommersfeldener Mühle geboren, deren Geschichte zusammen mit der des Wasserschlosses, zu dem sie gehörte, ins 13. Jahrhundert reicht. So war Marrs Vater war natürlich Müller. Der ältere Bruder, der ebenfalls zum Müller ausgebildet wurde, sollte die Mühle eigentlich zusammen mit dem Bauernhof übernehmen. Er überlegte es sich aber anders und wollte fort in die Welt. "Da hat er mich einfach in der Berufsschule angemeldet und das war's dann", so Marr. Er will nicht falsch verstanden werden. Ihm gefällt es an diesem Stückchen Erde sehr gut, "ich vermisse nichts. Wenn sogar Touristen hierherkommen, warum sollte ich da verreisen."

Dabei hatte Friedrich Marr am Ende der Schulzeit schon drei andere Ausbildungsangebote im Einzelhandel in Bamberg. Aber mit der Aktion des Bruders hatte sich all das erledigt. Als Lehrling besuchte Marr dann jeden Freitag die Berufsschule für Müller, die seinerzeit in Gaustadt war. Im Sommer fuhr er mit dem Rad dorthin, im Winter mit dem Postbus. An die dreijährige Lehrlingszeit schloss sich die fünfjährige Gesellenzeit an. Daneben bewirtschaftete er auch den elterlichen Bauernhof.

Schon immer, so sagt der drahtige Mann, habe für ihn festgestanden, dass er sich selbstständig machen werde. Zu seiner Zeit durfte man das jedoch erst mit 21. Er habe schon früh erkannt, dass die kleinen Mühlen keinen Bestand haben würden.

Handwerklich begabt

Deshalb hatte der Vater auf sein Bitten hin auf eine Annonce in der Handwerkerzeitung eine Bewerbung geschrieben. Für eine Treppenspezialfirma, die deutschlandweit tätig war. "Ich war handwerklich gut begabt", erklärt der Müllerssohn.

Dann hatte es eines Tages an der Tür geklingelt. Draußen stand ein Mitarbeiter des Treppenunternehmens. Nach einem 15-minütigen Gespräch - der Fahrer des Mannes drängte - "war ich Gebietsleiter für ganz Franken". Vieles brachte er sich selbst bei, wuchs mit den Aufgaben, verkaufte nicht nur Treppem, sondern baute sie auch ein. "Eine Treppe ist wie ein Anzug - maßgeschneidert", erklärt er den Reiz der Abwechslung bei seiner Tätigkeit.

Schon mit 16 Auto gefahren

Jährlich tourte Friedrich Marr 50 000 bis 60 000 Kilometer in Sachen Treppen durch Franken, bis Hof, Ansbach und Würzburg. Zuerst mit seinem Opel Caravan. Am Ende und bis heute mit seinem Mercedes. Den Führerschein hatte er schon mit 16 gemacht, weil der Vater keinen hatte und der Sohn Transporte für die Mühle fahren musste.

Jedenfalls ist Friedrich Marr ganz in seinem Beruf aufgegangen, wie seine Schilderungen zeigen. "In 50 Jahren hatte ich keinen Tag Urlaub und ich vermisse nichts", stellt er zufrieden fest. Ausgleich findet er bei sich zu Hause, bei der Natur, den Tieren. An Eisvogel und Gebirgsstelze erfreut er sich ebenso wie am Konzert von 4000 Fröschen oder an seinen Katzen, Hühnern und Forellen.

Die Tiere waren es letztlich, durch die er zu Adoptivsohn Remo kam. Der war vor vielen Jahren mit Freundin und eigener Katze im Schlosspark spazieren, als das Tier verschwand. Auf der Suche rieten ihm die Einheimischen, beim Müller (so Marrs Hausname) nachzufragen. Und so stand Remo eines Tages vor der Tür. Die Katze war zwar nicht hier, aber man kam ins Gespräche und über die Hilfe, die der Pommersfeldener dem jungen Mann bei dessen Haus in Höchstadt zukommen ließ, entstand eine intensive Freundschaft. Weil er sieben Tage die Woche schaffte, nacheinander Vater und Mutter pflegte, hatte es sich für den Pommersfeldener wohl einfach nicht ergeben, eine eigene Familie zu gründen.

Unter anderem weil sich Remo, der Kranken- und nun Intensivpfleger ist, um ihn kümmerte, als er krank war, kam Friedrich Marr auf die Idee mit der Adoption. Remos Vater ist schon lange tot und die Mutter lebt in Italien, der Heimat der einstigen Gastarbeiterfamilie. Remo wollte lieber wieder zurück nach Deutschland, wie er berichtet. Und so haben sie dann irgendwann als Vater und Sohn zusammengefunden. Ganz selbstverständlich nennt der 71-Jährigen den Jüngeren "seinen Großen" und der spricht dann ebenso selbstverständlich von seinem Papa.

Und der ist jetzt eigentlich schon wieder auf dem Sprung auf die nächste Baustelle. Treppen natürlich. Denn von der Rente könne er nicht leben, obwohl er das Rentenalter schon längst erreicht hat. "Ich will 100 werden", nennt der Pommersfeldener sein Ziel. Die Chancen dafür könnten nicht schlecht stehen, der Vater war schließlich 99 geworden. Außerdem weiß der Papa, dass Sohn Remo, der seit vier Jahren hier wohnt und sein Haus in Höchstadt vermietet hat, gut auf ihn aufpasst.

Nach seinem schönsten Erlebnis gefragt, nennt der 71-Jährige seine Konfirmation: "Da hat sich einen Tag lang alles um mich gedreht." Und das schlimmste? Das Ende der Mutter. Sie hatte mit 84 einen weiteren Schlaganfall und wurde in einem Krankenhaus (in einer anderen Region) "wie ein Stück Abfall behandelt".

Dass er dem Papa so was ersparen will, zeigt Remos Miene. Ein Glück, dass auch er im Hof der Mühle gelandet war.