Das Instrument hat nicht unbedingt das allerbeste Image. Allenfalls klischeehaft immer wieder zitiert als Hauptingrediens schottischer Marschmusik, untrennbar vereint mit Kilt und Bärenfellmützen, denkt man eher an etwas kauzige Folklore als an klangliche Avantgarde. Und doch trat da einer am Freitag im Kesselhaus auf, der den Dudelsack aus seinen traditionellen Beschränkungen emanzipierte.

Mit wenig Mitteln viel erreicht

Es ist immer wieder erstaunlich, wie es einem ökonomisch prekären Verein, recht eigentlich nur zwei Personen, Felix Forsbach und Jérémie Gnaedig, gelingt, aus dem Niemandsland zwischen Neuer Musik, Elektronika, Soundart und Klangexperimenten aller Art bedeutende Künstlerinnen und Künstler in die Stadt zu holen, die ein Spektrum abbilden, das so in Bamberg kaum zu hören und zu erleben ist. Auch nicht bei den Symphonikern, in deren Umfeld man derlei am ehesten vermuten würde.

Erstaunlich auch, dass offenbar immer noch viele Fördergelder umhervagabundieren, die anzuzapfen dem Veranstalter-Duo gelungen ist - was in diesen Zeiten eine eigene künstlerische Leistung darstellt. Vielleicht ist es auch dem Ehrgeiz Nürnbergs zu verdanken, das im Jahr 2025 unbedingt europäische Kulturhauptstadt werden will. So expandiert das vierte FK:K-Festival (Franz Kafka Kesselhaus) des Vereins mit dem Akronym KAfkA (Künstlerischer Arbeitskreis für kulturellen Antrieb) neben dem angestammten Kunstraum Kesselhaus in die Nürnberger Kulturwerkstatt "auf AEG".

Und FK:K 2020 zeigt auch, wie Kultur in Corona-Zeiten möglich ist: mit Reservierungen, begrenzter Zuschauerzahl, viel Abstand, Masken. Es ist im Übrigen gar nicht so unangenehm, Distanz zum Mitmenschen wahren zu können - was naturgemäß den Veranstaltern wiederum im Interesse der Finanzierung nicht passen dürfte. Die Interessen divergieren eben. Dabei gestalten sich die Eintrittspreise äußerst publikumsfreundlich.

Und so schritt Erwan Keravec als erster Künstler des Festivals ins Kesselhaus-Karree. Denn der bretonische Dudelsack-Avantgardist - in seiner Heimat wie auch in der galizischen Folklore wird die Kunst des Spielens auf dem uralten Volksinstrument liebevoll gepflegt - bezieht Raum und Publikum in seinen Vortrag ein. Er nennt seine Kunst ja auch "Urban Pipes" - im Kontrast zur ländlichen Tradition der Sackpfeife.

Ohne elektronische Verstärkung lässt er seinen Dudelsack heulen, wimmern, dröhnen, tirilieren, jubilieren, presst alle möglichen und unmöglichen Töne aus dem Balg heraus. Die Bordunpfeifen liefern die Grundtöne, über denen der Spieler komplizierte Figuren improvisiert und alle Klänge bis in schrillste Höhen bläst. Ein Soundtrack für die Fahrt in die Hölle, ein Einmannorchester, das ganz ohne Effektgeräte auskommt - der überraschendste und überzeugendste Künstler des Wochenendes.

Dagegen umgab sich der belgische Bassklarinettist Ben Bertrand mit einer ganzen Armada elektronischer Hilfsmittel und Zauberkästchen. Was zu Beginn avantgardistischer elektronischer Musik noch Tonbandschleifen ("Loops") leisteten, gelingt mit den Effektgeräten ganz leicht: Über eine tranceartige Grundierung legt er einfache melodische Figuren. Allerdings hantiert er eifrig an den Schaltern und Reglern seiner Maschinchen, die er wohl häufiger bedient als die Ventile seines Instruments, ein musikalischer Cyborg. Es entstehen dunkel raunende Klanginstallationen. Jedoch hegt man den Verdacht, der Künstler könnte einen Hauptschalter umlegen und dann den Raum verlassen - die Maschinen spielten sich selbst.

Klänge aus der Wasserschüssel

Ganz auf den Raum abgestimmt mit einem Lautsprecher in jeder Ecke der Industriehalle war dann am Samstag der Auftritt der japanischen Soundart-Künstlerin Tomoko Sauvage. Sie taucht Mikrofone in Wasserschüsseln, arbeitet ebenfalls mit allerdings dezent eingesetzter Elektronik. Wenn sie sachte die Wasseroberfläche rührt, setzen sich physische Schwingungen in akustische um. So entsteht eine meditative Sphärenmusik. Wenn man in der quadrophonischen Installation richtig platziert ist, scheinen die Geräusche dem eigenen Kopf zu entspringen. Sauvage setzt in den Schüsseln auch andere Klangerzeuger ein, reibt an den Innenwänden; erzeugt Klänge ähnlich denen einer Glasharmonika. Unter dem Genre "Ambient" könnte man das einordnen. Sicher ist: Der Umgebung des Kesselhauses entsprach dies vollends.

Stella Chiweshe war in den 1990er-Jahren in der Weltmusikszene ein zumindest kleiner Star. Sie spielt die Mbira, ein Lamellophon, nicht ganz richtig auch als Daumenklavier übersetzt. Metallische Lamellen werden mit den Fingern gezupft; dabei entsteht ein xylophonartiger Ton.

Rituelle Gesänge begleiten in Simbabwe die ostinaten Figuren des weit über Afrika in diversen Varianten verbreiteten Instruments. Die in Berlin lebende Künstlerin sang im Idiom ihres Geburtslands kraftvoll über Löwen und Vögel und versuchte auch das Publikum zu animieren, was, angesichts der nun wirklich nicht fröhlichen Kesselhaus-Atmosphäre diplomatisch ausgedrückt nicht ganz unpeinlich abging. Doch dank ihrer beeindruckenden Persönlichkeit gewann Chiweshe natürlich Herzen und Beifall.

Zu wünschen ist, dass der Verein KAfkA mit seinem zugegebenermaßen Minderheiten-Programm die Herzen der maßgeblichen Menschen gewinnt, den Kunstraum Kesselhaus zu erhalten und die künstlerisch überaus wertvolle Arbeit der jungen und engagierten KafkAianer zu unterstützen. Sie leisten für die Kulturszene der Stadt viel, sehr viel.