Adelbert Heil kann schon darauf warten. Immer, wenn der Restaurator den Gedenkstein an der Unteren Brücke gesäubert hat, dauert es nicht lange, und er bekommt von der Stadt den nächsten Reinigungsauftrag. Weil die unbekannten Täter wieder zugeschlagen haben.

Farbattacken und die anschließende, fast schon rituelle Säuberung einer umstrittenen Tafel, die an die Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnert, haben in Bamberg eine unselige Tradition. Seit Jahren hält eine Kette von Sachbeschädigungen Polizei und Stadtverwaltung in Atem.

Tendenz steigend: Allein 2012 war der Erinnerungsstein auf der Brücke fünf Mal das Ziel von Farbanschlägen. Zwei Mal machten sich Täter im September daran zu schaffen. Grün löste Pink als Farbe des Protestes ab. Aktuell prangt hier der Schriftzug "Antifa" in sattem Orange.

Die Behörden sind machtlos

"Es ist, als ob sich die Täter zum Ziel gesetzt hätten, dass der Stein stets beschmutzt sein soll", sagt Udo Skrzypczak, Leiter der Polizeiinspektion Bamberg. Ein Ärgernis, gegen das die Behörden scheinbar machtlos sind. Mitten in der Altstadt spielen Ordnungshüter und Sprayer Katz und Maus. Letztere scheint es geradezu anzuspornen, dass die Stadtverwaltung die Gedenktafel von 1957 unbedingt hängen lassen will.

Wer sind die Täter, die die öffentliche Aufmerksamkeit suchen und im Schutze der Dunkelheit zuschlagen? Das herauszufinden, ist der Polizei trotz mancherlei Anstrengungen bisher nicht gelungen. Obwohl die Stadt eine Belohnung für sachdienliche Hinweise ausgesetzt hat, machen sich Zeugen rar. Und die Zeit, das umstrittene Objekte zu observieren, ist knapp: "Wir haben nicht das Personal, um die Gedenktafel rund um die Uhr zu bewachen", gesteht Skrzypczak. Immerhin: Im Mai war es der Polizei gelungen, zwei mit Spraydosen bewaffnete Verdächtige auf der Brücke zu ergreifen. Doch aus der Welt geschafft ist das Ärgernis damit nicht: Das Verfahren gegen die beiden Männer im Alter von 25 und 26 Jahren wurde eingestellt, weil sie noch keine Straftat begangen hatten. Seither gab es drei neue Anschläge.

Rathaus ist ratlos

Ratlosigkeit macht sich vor allem im Bamberger Rathaus breit. Dort hatte man vor über einem Jahr beschlossen, die Untere Brücke mit zwei Videokameras überwachen zu lassen. Eine Entscheidung, der bisher noch keine Taten gefolgt sind: "Die Umsetzung macht wegen des Standortes und des Datenschutzes mehr Schwierigkeiten als gedacht", erklärt Ordnungsreferent Ralf Haupt den Verzug. Vor allem die Kosten sind höher als gedacht, was die Einführung der Videoüberwachung auch 2013 fraglich erscheinen lässt.

Doch so oder so leistet sich Bamberg einen teueren Kleinkrieg auf der Unteren Brücke: Der Aufwand für das Reinigen der Tafel und teilweise auch der angrenzenden Rathausfassade geht in die Tausende, schätzt Ulrike Siebenhaar von der Pressestelle. Sie spricht von einem "Brennpunkt, der Sorge macht". Nicht nur wegen des finanziellen Schadens hält sie politischen Protest mit der Spraydose für nicht hinnehmbar: "Hier will eine Minderheit der Mehrheit ihren Willen diktieren."

Was manche nicht wissen: Auch wenn der Stadtrat die Tafel hängen lässt, so heißt dies nicht, dass er hinter dem Text stehen würden, der etwa eine Aussage zur Schreckensherrschaft der Nazis gänzlich vermissen lässt. Ganz im Gegenteil: Schon in den 80er Jahren wurde am Rathaus eine ergänzende Tafel wenige Meter entfernt angebracht, die ausdrücklich an die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft, darunter die Ermordeten des Holocausts, erinnert.

Nicht vor der Minderheit einknicken

Doch nun eine dritte Tafel zur Kommentierung der ersten anzubringen, wie es die SPD vorgeschlagen hatte - davon hält die Mehrheit im Stadtrat wenig: "Es gehört zu einer toleranten Gesellschaft, dass man historische Dokumente aus ihrer Zeit heraus versteht. Die Tafel abzuhängen, wäre ein Einknicken vor einer Minderheit", sagt CSU-Stadtrat Christian Lange.

Doch es gibt auch andere Argumente. SPD-Stadträtin Sabine Sauer denkt vor allem an die ungezählten Touristen, die über die Brücke laufen. "Wer den Text ohne Vorkenntnis liest, versteht ihn falsch. Aus meiner Sicht gehört der Gedenkstein ins Museum. Das wird sonst eine endlose Baustelle."

Früher dachte auch Adelbert Heil so. Doch das häufige Reinigen der Kalksteintafel haben nicht nur die Buchstaben verblassen lassen, sondern auch die Einstellung des Restaurators verändert: "So wie der Gedenkstein jetzt aussieht, mit den erkennbaren Gebrauchsspuren, die fast wie eine Art Patina wirken, sollte er an Ort und Stelle bleiben. Er ist ein Zeugnis der Geschichte. Er lehrt uns, wie man in den 50er Jahren dachte."