68 Jahre sind die furchtbaren Erlebnisse her. Doch sie haben sich für immer eingeprägt im Kopf des damals 15-Jährigen. Zusammen mit seinem mittlerweile verstorbenen Freund Andi Neukel war er auf dem Rückweg von Kramersfeld zum Haus der Familie in der Gartenstadt. Es war ein sonniger Aprilabend, als die Bomben fielen und vieles veränderten.

Heute ist Rudy Scharf 83 Jahre alt, lebt in der Veit-Stoß-Straße in Bamberg-Ost und hat wie viele seiner Generation die Berichte über die Evakuierung der Bevölkerung rund um den Bamberger Flugplatz am 17. März mit großer Betroffenheit gelesen. Alte Erinnerungen wurden wach über eine Zeit, die auch Bamberg sehr empfindlich getroffen hat. Zu den Zielen der Luftangriffe gehörte gerade auch der Bamberger Osten mit dem Bahnhof und dem Flugplatz. Rudy Scharf glaubt deshalb nicht daran, dass die beiden Splitterbomben, die unweit der Breitenau gefunden wurden, die letzten gewesen sein werden.



Besonders rund um die ehemalige Hauptwerkstatt für Postkraftwagen (HWKW), aber auch dort, wo die Firma Brose ihren Neubau hochziehen will, könnten möglicherweise noch mehr Blindgänger im Boden stecken. Der Bamberger weiß das gewissermaßen aus eigener Erfahrung. Er überlebte einen Bombenangriff mit schätzungsweise zwölf Wellen, dem er schutzlos ausgeliefert war.

Wir müssen tausend Schutzengel gehabt haben, dass wir das heil überstanden", sagt Scharf heute über die Geschehnisse in den Abendstunden des 10. April. Wenige Stunden, bevor ein amerikanischer Bomberpilot das Bild von einem mit Bombentrichtern gesäumten Bamberger Flugplatz aufgenommen hatte, über dem dichte Rauchbomben aufsteigen, befand sich Rudy Scharf mit seinem Freund auf dem Nachhauseweg von Kramersfeld in die Gartenstadt. Auf der anderen Seite des Flugplatzes war an diesem Tag ein mit Lebensmitteln voll beladener Güterzug geplündert worden, doch die Jugendlichen fanden nur noch verstreute Reste vor. "Wir waren etwa 200 Meter von einem Flugzeugwrack entfernt", erinnert sich Scharf, "als plötzlich aus Richtung Breitengüßbach Flugzeuge auftauchten". Sie flogen in Neunerformation, je drei an der Spitze und drei links und rechts. Die Maschinen glänzten in der Sonne. Weil es zu diesem Zeitpunkt nur "Voralarm" gegeben hatte, glaubten die beiden, zunächst mit dem Schrecken davon zu kommen, als sich die Klappen öffneten. "Wir dachten im ersten Moment an Fallschirmspringer, sahen dann aber schwarze Striche, als uns schon ein unheimliches Pfeifen und Dröhnen in Deckung gehen ließ", erzählt Scharf. Was dann kam, war "ein einziges Inferno". "Der Himmel verdunkelte sich, furchtbare Detonationen ließen die Erde erzittern, teilweise brannte das Gras", erinnert sich Scharf.

Was die beiden Jugendlichen durchlitten, ist in einer Zeit kaum mehr vorstellbar, die jedes nur statistische Risiko aus dem Leben der Menschen auszumerzen versucht. Und während am 17. März rund 4000 Menschen wegen der Entschärfung zweier Splitterbomben evakuiert wurden, überlebten die beiden Jungen am 10. April den zwölf Wellen andauernden Bombenterror wie durch ein Wunder.
"Verkratzt, verschunden, verdreckt" rannten die Bamberger um ihr Leben über die Felder, wo heute die Autos auf dem Berliner Ring fahren, und erreichten schließlich Scharfs Elternhaus in der damaligen Theodor-Körner-Straße. Dort mussten sie noch einmal zwei Angriffe im Keller überstehen: "Man glaubte, das Haus hebt sich und bricht zusammen."

Für Rudy Scharf war der Angriff auf die militärisch bedeutungslose HWKW letztlich ein sinnloses Inferno, denn die Amerikaner standen ja bereits vor den Toren der Stadt. Wenn er heute das Bild mit den Bombentrichtern sieht, dann wird er sehr nachdenklich. "Später erfuhren wir, dass eine Frau mit Kind, die wir während der Flucht getroffen hatten, nicht überlebt hatte."