Opulenz zeichnet "The Vapours" zumindest auf den ersten Blick nicht aus. Es ist ja auch der Ausstellungsraum Kesselhaus nicht charakterisiert durch Üppigkeit irgendwelcher Provenienz. Insofern schmiegen sich die Arbeiten von zehn Künstlerinnen und Künstlern, die bis 1. März in der ehemaligen Heizungsanlage zu sehen sind, dem Ambiente sehr gut an. Wenn dann noch wie bei der Vernissage Eiseskälte in dem nicht zu beheizenden Raum die vielen - auch jüngeren - Besucher frösteln lässt, hat sich ein stimmiges Gesamtkunstwerk geformt.

Zehn Berufskollegen hat Kuratorin Kate Mackeson eingeladen für die vom Bamberger Kunstverein und dem Förderverein Kunstraum jetzt veranstaltete Gruppenausstellung. Die bildende Künstlerin aus Großbritannien weilt noch bis Anfang März als Stipendiatin in der Villa Concordia, und naturgemäß stammen viele der zehn Ausstellenden ebenfalls von der Insel.

Die Sache mit den Dämpfen

Moderne Kunst zeichnet sich häufig dadurch aus, dass sie sich ohne einen erklärenden Kontext nicht oder kaum erschließt. Diesen Part übernahm zur Vernissage der gebürtige Bamberger Simon Baier, Professor für zeitgenössische Kunst in Basel. Vorher jedoch sprach Christian Lange, städtischer Kulturreferent, zur Lage der bildenden Künste in Bamberg - in den Wahlkampfmodus verfällt der Zweite Bürgermeister zurzeit quasi automatisch - und plädierte mit aller ihm zur Verfügung stehenden Leidenschaft für das Kesselhaus als städtisches Kulturzentrum. Dieses potenzielle Kulturzentrum diente bekanntlich einst der Beheizung von chirurgischem und medizinischem Krankenhaus; es dürften in den Rohren Dämpfe zirkuliert haben.

Damit begann der Professor Baier seine Erklärungen. Denn engl. "vapours" bedeutet zunächst einmal schlicht "Dämpfe". Aber auch soviel wie Hysterie, Überdrehtheit, "jemand steht unter Dampf". Baier assoziierte die Dampfmaschine - Kesselhaus! - als ökonomische Basis und Ursprung der Moderne, kreierte das schöne Wort von der "Desintegration durch Überdampf". Hysterie sei nicht erst seit Freud assoziiert mit dem weiblichen Geschlecht, als etwas Krankhaftes, Dysfunktionales. "Klimahysterie" fiel Baier ein zur Umschreibung eines Zustands von Außersichsein, der Auflösung des Subjekts auch.

Dafür stehen etwa die Stoffsäcke Daphne Ahlers", einer benamst als "Die Verpackung": flexibles Material, Verschwimmen zwischen Innen und Außen, so das große Thema dieser Ausstellung, "Körperlichkeit", in großer Abstraktion reflektierend. Weitaus zugänglicher sind die Ölgemälde Barbara Wesolovskas mit sich auflösenden, im Farbnirwana verschwimmenden Gesichtern oder die Mischwesen aus Insekt und Mensch, präzise ausgeführte Gouachen von Jonathan Penca. Wer dächte dabei nicht an Kafkas Gregor Samsa, der sich in einen Käfer verwandelt? "Man gleicht sich dem an, was zu verschwinden droht", sagte der Professor.

Dauerekstase

Erläuterung dagegen erheischt ein Video von Natalie Price Hafslund. Es heißt "I need your clothes, your boots, and your motorcycle" und zeigt in Endlosschleife zu dumpf wummernder Musik das von einem Laserstrahl markierte halbe Gesicht einer Frau vor schwer zu identifizierenden Armaturen. Diese Frau gibt sich laut Baier dem Laster hin, von dem Rousseau in seinen "Bekenntnissen" spricht, wie es früher dezent umschrieben wurde. Entgrenzung in Dauerekstase, interpretiert der Professor. Ekstatisch tanzen auch die Protagonisten in Alan Michaels realistisch ausgeführtem Gemälde "Stars of the Source 2".

Feministisch ist wohl vieles gemeint und zu interpretieren, so auch ein "Untitled 2020" von Sarah Cameron, eine sich räkelnde Frau auf der Motorhaube. Oder die Performance Beth Collars, die sich mit dem Mikrofon in der Hand krümmte und schrie? Oder die Marginalie auf dem Ausstellungskärtchen des Kunstvereins, "Macker den Pimmel zerha(sic!)ckseln"? Viel gibt es zu deuten.

Zur Ausstellung

"The Vapours", Ort: Kunstraum Kesselhaus, Untere Sandstraße 42, geöffnet bis 1. März. Öffnungszeiten Fr. 15-18 Uhr, Sa./So. 11-18 Uhr