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Bamberg
Ausstellung

Elf Zentner Sehnsucht nach Heimat

Eine Glocke ist das größte Exponat einer bemerkenswerten Ausstellung in der Bamberger Auferstehungskirche.
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Pfarrerin Doris Schirmer-Henzler und Pfarrer Christof Henzler freuen sich über den geschichtsträchtigen Handwagen aus dem Bauernmuseum Frensdorf, der die Ausstellung bereichert.  Foto: Marion Krüger-Hundrup
Pfarrerin Doris Schirmer-Henzler und Pfarrer Christof Henzler freuen sich über den geschichtsträchtigen Handwagen aus dem Bauernmuseum Frensdorf, der die Ausstellung bereichert. Foto: Marion Krüger-Hundrup
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Fünf starke Worte, die starke Gefühle wecken: Sehnsucht, Heimat, Flucht, Vertreibung, Neuanfang. So gereiht zeichnen sie auch eine Zeitreise nach. Von wehmütiger Erinnerung an den biografischen Herkunftsort, den man unter Zwang oder aus Selbstschutz verlassen musste bis hin zur Hoffnung auf ein sicheres Zuhause und eine bessere Zukunft woanders. Und in diesem Woanders kann Heimweh schmerzhaft deutlich machen, wo die Heimat liegt. Selbst wenn man sich am neuen Wohnort wohl fühlt.

Von eben "Sehnsucht Heimat. Flucht-Vertreibung-Neuanfang" erzählt die bemerkenswerte Ausstellung in der Auferstehungskirche. Mit ihrer eigenen Geschichte als ein Stück Heimat in der Fremde und ihrer Nähe zum Ankerzentrum ist dieses Gotteshaus in der Bamberger Gartenstadt ein idealer Ort für diese Schau. "Wir machen nichts Revanchistisches, sondern wollen das kulturelle Gedächtnis nicht verlieren", begründet Pfarrerin Doris Schirmer-Henzler, warum sie mit ihrem Ehemann, Pfarrer Christof Henzler, diese Zusammenschau von großformatigen Fotos und biografischen Texten nach Bamberg geholt hat.

Einblick in Lebensgeschichten

Menschen, die fliehen müssen vor Krieg, vor sexueller, religiöser, ethnischer Gewalt, vor Bedrängnis in totalitären Regimen, erleben dies sehr intensiv. Die Ausstellung gewährt einen Einblick in sehr konkrete Lebensgeschichten. Offen und verletzlich erzählen zwanzig Männer Und Frauen unterschiedlichen Alters ihre Fluchtgeschichte anhand eines liebgewordenen Gegenstandes. Eine Puppe, ein Stoffteddy, ein Pullover, eine Kette oder eine Bibel werden so zu einem Zeichen von Heimat als einzige Verbindung zum Verlorenen.

Freimütig berichtet etwa die 91-jährige Eleonore aus Breslau (Polen), wie sie ein goldenes, aufklappbares Herzchen seit ihrer Vertreibung begleitet. Ein Jugendfoto ihres Vaters befindet sich darin. Da ist Lalise, 25 Jahre, aus Nekamte (Äthiopien), die nach einer Odyssee über den Sudan und Libyeni im überfüllten Boot über das Mittelmeer nach Europa gelangte. "In dieser Nacht hatte ich Todesangst. Ich habe eine kleine Bibel angefasst, die ich unter meiner Kleidung an meiner Brust versteckt hatte", sagt Lalise. "Meine kleine Bibel ist eines der wenigen Dinge, die ich aus meiner Heimat mitnehmen konnte. Sie ist ein Stück Heimat für mich."

Die Lebensläufe von Sofie (94 Jahre, aus Rumänien), von Ali (19 Jahre, aus Afghanistan), von Kamill (92 Jahre, aus Tschechien), von Fahima (32 Jahre, aus Kurdistan/Irak) und von all den anderen ermöglichen Identifikation, Mitgefühl, aber auch Respekt gegenüber den emotionalen Herausforderungen Heimatverlust und Neuanfang. "Wo sind meine Wurzeln? Wo ist jemand daheim, der sich zuhause nicht wohlfühlt? Ist Heimat mehr als Landschaft, Geruch, Klang, Gefühl?" Das Pfarrerehepaar Schirmer-Henzler möchte zum Nachdenken anregen. Gerade auch in der Corona-Zeit, "in der Heimat, Zuhause, ein Thema ist".

Greifbare Objekte

Die Pandemie hat verhindert, dass das ausgefeilte Begleitprogramm zu dieser Ausstellung stattfinden kann. Dafür hat Pfarrerin Schirmer-Henzler dafür gesorgt, dass die Foto-/Textpräsentation mit einigen greifbaren Objekten bereichert wird. So zum Beispiel durch einen hölzernen Handwagen - eine Leihgabe des Bauernmuseums Frensdorf -, der für eine Familie nach 1945 eine große Rolle spielte auf dem 165 Kilometer langen Fluchtweg zu Fuß von Stettin nach Rostock. Und den diese Familie, die 1954 nach Burgebrach kam, in die neue Heimat begleitete: als eine Art Heiligtum.

Doch nicht dieser Handwagen ist das größte Exponat in der Auferstehungskirche, sondern die Greiffenberger Friedensglocke im Turm. Diese elf Zentner schwere Glocke mit der Hauptsignatur "Sende uns Frieden" ist eine wohltönende Erinnerung vieler Gemeindemitglieder an die einstige Heimat. Denn diese Glocke hing in der evangelischen Kirche von Niederwiesa bei Greiffenberg in Schlesien. Und etliche Greiffenberger - beispielsweise die Inhaber und Angestellten der heute noch existierenden Firma Greiff - gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Bamberg - auf ebenso verschlungenen Pfaden wie die Friedensglocke.

Ein klangvolles Signal

Sie läutete am 17. Juni 1956, dem Tag der Einweihung der neuen Auferstehungskirche, zum ersten Mal in der Bamberger Gartenstadt.

"Wir wünschen Frieden für alle! Für alle Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebensgeschichte!", betonen Pfarrerin Doris Schirmer-Henzler und Pfarrer Christof Henzler. So ließen sie am 17. Juni 2020 die Greiffenberger Friedensglocke morgens um 10 Uhr zehn Minuten lang läuten. Ein Signal, das weit in Bamberg hineinreichte.

Termine

Die Ausstellung "Sehnsucht Heimat. Flucht-Vertreibung-Heimat" haben drei Nürnberger Pfarrerinnen erstellt und ist als Wanderausstellung konzipiert. In der Auferstehungskirche ist sie bis zum 30. Juni täglich von 9 bis ca. 18 Uhr zu sehen (Seitentür steht offen). Am Sonntag, 28. Juni, 10 Uhr, findet ein Gottesdienst zum Thema der Ausstellung statt. Eine Andacht am 30. Juni um 1930 Uhr beendet die Schau.