Sie machen weiter. Trotz Corona. Und gerade deshalb. Aufzugeben - das war für kein Team-Mitglied der gemeinnützigen Organisation "Project Wings" ernsthaft eine Option. So ertrugen sie Lockdown und Quarantäne im Dschungel.

"Man darf in Zeiten von Corona nicht vergessen, dass es noch viel weitreichendere Probleme auf unserem Planeten gibt: die Zerstörung der Artenvielfalt, den Welthunger, die Vermüllung, den Klimawandel. Für all diese Bedrohungen versuchen wir, Lösungsansätze zu finden, die weltweit umgesetzt werden können", sagt Sebastian Keilholz. Sieben Monate lang hat der 27-jährige Franke heuer am "größten Recyclingdorf der Welt" mitgebaut, das auf der indonesischen Insel Sumatra entsteht - ein Bildungsort, an dem sich alles um Recycling, Nachhaltigkeit und Menschlichkeit dreht. Aktuell besucht "Basti" seine Familie in Bamberg. Um möglichst viele Menschen für "Project Wings" zu begeistern, hat er sich sogar beim "Supertalent" beworben: "Wenn ich bei Dieter Bohlen auftreten darf, gibt das dem Projekt einen zusätzlichen Schub."

Auch ohne Bohlen ist schon viel passiert auf der Regenwald-Insel Sumatra, seit vier junge Deutsche, darunter Sebastian Keilholz, 2018 im Ort Bukit Lawang den Grundstein für ihr innovatives Projekt gelegt haben. Letzteres umfasst mittlerweile gut 40 Hektar Fläche direkt am Rand des Gunung-Leuser-Nationalparks, eines der größten Naturreservate in Indonesien und Rückzugsort für viele bedrohte Tierarten wie Orang-Utans, Nashörner, Elefanten und den Sumatra-Tiger. Seit kurzem ist René Adler, Deutschlands früherer Nationaltorhüter, mit seiner Frau Lilli Hollunder der Schirmherr von "Project Wings" (-> siehe unten).

Als das Corona-Virus im März auch in Südostasien für einen Lockdown sorgte, hatten die "Project Wings"-Mitarbeiter zwei Optionen: entweder einen Rückflug nach Deutschland nehmen, den die Bundesrepublik organisierte, oder drei Wochen lang in Quarantäne gehen und weiterarbeiten. Für Sebastian Keilholz und David Heitmann, Bauingenieur von "Project Wings", war klar: "Wir bleiben."

Zusammen mit vier von einst 15 freiwilligen Helfern aus aller Welt ("Volunteers) unterstützten Sebastian und David ihre einheimischen Kollegen weiterhin - unter anderem als Maurer(helfer). Das erste Haus im Recyclingdorf, das Education-Café, steht schon. Noch im Bau befinden sich das Green Education Center und das Medical Plant Education Center - ein grünes Klassenzimmer und ein Haus, in dem Medizinpflanzenwissen gelehrt und praktisch angewandt wird. Fertig ist mittlerweile die so genannte "Trashbank", eine Müllsortier- und - reinigungsanlage ganz in der Nähe, die in diesen Tagen eingeweiht wird. Der große Garten im Dorf versorgt die "Küche der Kulturen" mit Ananas, Kokos, Mangos, Wassermelonen, Kaffee, Kakao, Lemongras und vielem mehr. Neben der Arbeit am und im Garten wurden rund um das Recyclingdorf hunderte Bäume gepflanzt.

"So ging es zwar langsamer weiter als geplant, aber immerhin ging es weiter", sagt Sebastian. "Unseren Plan, das Dorf Ende 2021 einzuweihen, werden wir zwar nicht einhalten können, aber wir zeigen, dass wir an dem Projekt auch in schweren Zeiten festhalten. Wir geben Menschen Hoffnung und eine Lebensgrundlage."

Letztere ist nötiger denn je. "70 Prozent der Bevölkerung sind wegen Corona arbeitslos geworden." Neben der Palmölindustrie lebt das Gros der Menschen vom Tourismus. Ihre Haupteinnahmequelle ist nun weggebrochen. Umso wichtiger ist das Eco-Brick-Pfandsystem für sie geworden, das "Project Wings" in Bukit Lawang eingeführt hat. Das geht so: Die Einheimischen sammeln und säubern Plastikmüll, der überall auf Sumatra einfach in der Natur herumliegt. "Es gibt hier kein Recycling-System, obwohl Sumatra sogar Plastikmüll von vielen anderen Ländern annimmt - auch aus Deutschland."

Den gereinigten Kunststoff stopfen die Menschen mit Hilfe eines Stocks in Plastikflaschen. So werden die Flaschen hart und erreichen ein Gewicht von einem halben Kilo - ein so genannter Eco-Brick ist entstanden. Diesen können die Bewohner bei "Projekt Wings" abgeben und erhalten dafür 5.000 indonesische Rupiah - 30 Cent, was einer großen warmen Mahlzeit entspricht. Aus den Eco-Bricks werden Mauern, Bänke und Tische im Recyclingdorf hergestellt.

Dieses nachhaltige Baukonzept hat Bauingenieur David Heitmann hat mit der Universität Münster und der Hochschule Koblenz entwickelt. Über 250 Tonnen Plastikmüll sollen so aus der Natur entfernt und in den Wänden isoliert werden. Regenwälder und Flüsse werden dadurch gesäubert - und die Einheimischen generieren ein Einkommen für sich und ihre Familien. "Wir haben in der Corona-Zeit auch begonnen, Pflanzkörbe aus Bambus für unsere Baumstecklinge anzufertigen. Diese Flechtwaren sind ebenfalls eine Einnahmequelle für die Einheimischen."

400 von ihnen nutzten bereits die Möglichkeit, mit Hilfe von "Project Wings" gutes Geld zu verdienen, stellt der Franke fest. "Sie bekommen dadurch Kontakt zum Projekt und werden für die riesigen Umweltprobleme sensibilisiert, die allein die Palmöl-Industrie mit ihren Monokulturen und Abholzungen verursacht."

Zurück in Bamberg, wo Sebastian Abitur gemacht hat, genießt er derzeit die deutschen Annehmlichkeiten wie "Wasser aus der Leitung trinken und ohne Moskitonetz schlafen zu können, ohne dass Spinnen oder Skorpione auf einem herumkrabbeln". Aber er vermisst die warmherzige Art der Indonesier. "Ihre Lebensfreude kann man mit unserer hier nicht vergleichen." Nächstes Jahr will der Bamberger erneut nach Sumatra fliegen - und weiter an dem Projekt mitarbeiten, das namensgebend ist: Es soll nachhaltigen, kreativen Ideen Flügel verleihen.

Während seiner Zeit in der Heimat möchte der Franke "Projekt Wings" weiter bekannt machen. "Ich habe mich deshalb sogar beim Supertalent beworben. Mein Talent: Ich massiere Menschen im Takt ihrer Lieblingsmusik. Das Bewerbungsvideo haben wir auf Sumatra gedreht." Es will "Project Wings" und sein Credo publik machen: You decide what you consume - Du entscheidest, was du konsumierst. "Ich hoffe so sehr, dass die Menschen künftig wieder mehr auf ihren Konsum achten, gerade bei Palmöl und Plastik."

Weitere Infos:project-wings.de; auf YouTube finden sich Videos, die ein spanisches Filmteam heuer im und am Recycling-Dorf gemacht hat. Wunsch: Vielleicht haben Firmen, die innovative Umwelt- und Recycling-Technologien entwickelt haben - etwa zur Stromerzeugung aus Müll - , Interesse an einer Kooperation mit "Project Wings"? Kontakt: Project Wings gGmbH, Löhrstr. 87a/b, 56068 Koblenz, info@project-wings.de, Spendenkonto:

IBAN DE06570501200000282152,

BIC MALADE51KOB

         

"Letzte Zweifler wachrütteln"

Projekt

Warum Ex-Fußballprofi René Adler und seine Frau Lilli Hollunder ihren Namen für das Recyclingdorf von "Project Wings" hergeben.

Für die deutsche Nationalmannschaft stand er zwischen 2008 und 2013 im Tor. Heute kommentiert er für den TV-Sender Sky die Spiele der Premier League. Aber René Adlers Herz schlägt längst nicht nur für Fußball. Zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Lilli Hollunder (Verbotene Liebe), hat er die Schirmherrschaft des gemeinnützigen Vereins "Project Wings" übernommen, der auf Sumatra das größte Recyclingdorf der Welt errichten will (->Seite 1). Was ihr kleiner Sohn damit zu tun hat? Die beiden verraten es im Interview.

Wie haben Sie "Project Wings" kennengelernt?

Lilli Hollunder: Meine Mutter hat uns zusammengebracht! Sie war bei der Verleihung von "Filippas Engel" dabei. Mit diesem Preis werden junge Menschen für besonderes soziales, kulturelles oder ökologisches Engagement ausgezeichnet. Im September 2019 hat "Project Wings" den Preis erhalten. Dabei kamen die jungen Leute und meine Mutter ins Gespräch. Sie war total begeistert und hat uns angesteckt.

Was ist so toll an dem Projekt, dass Sie Ihren Namen dafür hergeben?

Lilli Hollunder: Uns hat zuallererst die Begeisterung des Project-Wings-Teams begeistert! Wir finden es spitze, dass hier nicht einfach Geld irgendwohin überwiesen wird, sondern dass das Projekt auf lange Sicht geplant ist, dass man stets schon zehn Schritte weiterdenkt. "Project Wings" verbindet Naturschutz, Tierschutz und Entwicklungshilfe. Und obwohl Sumatra erst einmal weit weg klingt, ist es ein Projekt, das bei uns beginnt: Wie verhalten wir uns, was passiert mit unserem Plastik? Vieles davon landet auf Sumatra.

Haben Sie Angst davor, dass die Menschen sich ihrer eigenen Lebensgrundlage berauben, die Erde über Gebühr ausbeuten?

Lilli Hollunder: Ja natürlich, und diese Angst ist stärker geworden, seit wir vor kurzem unser erstes Kind bekommen haben. Man schaut es an und fragt sich, wie wird dieser Planet in 30 Jahren aussehen? Die Angst lebt immer mit, ist präsenter denn je. René Adler: Früher hat man nur darüber gesprochen, was passieren könnte - aber seit ein paar Jahren sieht und spürt man die klimatischen Veränderungen. Lilli Hollunder: Der Klimawandel ist keine Theorie mehr. Man sieht im heimischen Wald abgestorbene Bäume aufgrund der Trockenheit. Ich war letztes Jahr mit einer Tierschutzorganisation auf Kreta und habe gesehen: Das Mittelmeer, mein geliebtes Mittelmeer, ist voller kleiner Plastikteile! René Adler: Das alles ist greifbar. Es ist nicht nur ein Forschungsteam, das aus der Arktis zurückkehrt und irgendwas erzählt, sondern wir erfahren Umweltverschmutzung und Klimawandel mittlerweile alle am eigenen Leib.

Im Recyclingdorf in Bukit Lawang sollen Antworten auf die drängendsten Probleme der Menschheit - Artenschwund, Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung - gefunden werden. Welche konkreten Antworten gibt es schon?

René Adler: Zum Einen ist es wichtig, Menschen in der westlichen Welt darüber aufzuklären, was der Konsum von Palmöl in den Anbauländern anrichtet - Abholzung der Regenwälder -, denn jeder Mensch kann selbst entscheiden, was er konsumiert. Zum Anderen ist es wichtig, lokalen Bauern Alternativen zu zeigen, wie sie Einnahmen akquirieren können, ohne dabei die Artenvielfalt zu zerstören - Permakultur statt Monokultur. Da wir noch eine kleine Organisation sind, ist es entscheidend, sich mit anderen Organisation zu verbünden, um gemeinsam zum Schutze des Regenwaldes beizutragen. Gemeinsam lernen wir, im Einklang mit Mutter Erde zu leben und so zu wirtschaften, dass sowohl Mensch als auch Tier davon profitieren und es nicht zum Konflikt kommt, denn jedes Lebewesen hat ein Recht auf Leben.

Was wünschen Sie sich für "Project Wings" am meisten?

Lilli Hollunder: Ich wünsche mir für die Welt mehr "Project Wings"! Ich wünsche mir, dass die Leute überall aktiv werden. Wie schnell "Project Wings" gewachsen ist, was wir schon alles geschafft haben in verhältnismäßig kurzer Zeit - das zeigt, dass engagierte Menschen wirklich etwas bewegen können. Ich wünsche mir, dass dieses wundervolle Projekt noch mehr Aufmerksamkeit bekommt und vielleicht auch den letzten Zweifler wachrüttelt.